Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein Mann dank einer App einen Herzinfarkt überlebte

Mathias Kasper (links) wurde über die „Saarretter-App“ alarmiert. Von der heimischen Couch ging es in nicht mal einer Minute zum
Mathias Kasper (links) wurde über die »Saarretter-App« alarmiert. Von der heimischen Couch ging es in nicht mal einer Minute zum Lebenretten seines Nachbarn Alexander Schreider.

Seit Anfang des Jahres gibt es die „Saarretter-App“. Sie half einem 61-Jährigen, der einen Herzinfarkt hatte – und rettete ihm das Leben. Patient und Helfer erzählen, wie sie das alles erlebt haben.

Der Herzinfarkt kommt im Bad. Als Alexander Schreider zu Boden sackt, hört seine Frau den Knall. Sie wählt die 112. Aber die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes überbrückt sein Nachbar, der durch die „Saarretter-App“ alarmiert wurde. Die App sendet einen Notruf auf die Handys der registrierten Ersthelfer, die gerade in der Nähe sind. Das spart Zeit, und die Wiederbelebungsmaßnahmen können schon einige Minuten früher beginnen – wertvolle Zeit, die über Leben und Tod entscheiden können. Denn durchschnittlich braucht der Rettungsdienst rund zehn Minuten, bis er am Notfallort ankommt.

Weil sein Nachbar so schnell vor Ort war, hat der 61 Jahre alte Alexander Schreider den Herzinfarkt überlebt. Laut Saarbrücker Winterbergklinikum ist es der erste Fall, bei dem die im Januar eingeführte App nachweislich dabei geholfen hat, ein Leben zu retten. Schreider ist nach dem Notfall nun auf dem Weg der Besserung.

Alexander Schreiders „neue Familie“

Seine Lebensretter bezeichnet der 61-Jährige jetzt als seine „Familie“. Neben ihm stehen die Menschen, die im entscheidenden Moment richtig reagiert haben. Ihm verdankt er sein Leben. Für ihn zählt zu dieser „großen Familie“ seine Frau Ljudmila, Timm Mathis, stellvertretend für das Team des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) und Schreiders Nachbar Mathias Kasper, der in der „Saarretter-App“ registriert ist und ihn reanimiert hat. Aber auch der Oberarzt der Klinik für Innere Medizin 2 auf dem Winterberg, Shahin Khoshkish, die Notärztin Clara Braun und Axel Böcking, Oberarzt in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin auf dem Winterberg, zählen für Schreider dazu.

„Sie haben großes Glück gehabt“, sagt ZRF-Geschäftsführer Mathis. „Der Saarretter hat Ihnen das Leben gerettet, das können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen. Vor zwei Wochen waren Sie noch reanimationspflichtig und jetzt stehen Sie auf zwei Beinen vor uns. Ihre Geschichte berührt uns alle sehr. Das System Saarretter hat hier unter Beweis gestellt, wofür sich die Investition, die Arbeit und das Engagement aller Beteiligten gelohnt hat.“

Von der Couch zum Lebenretten

Am 25. Februar hatte Alexander Schreider zuhause im Bad einen Herzinfarkt, im Arztbrief wird später etwas von „präklinischem Herzkreislaufstillstand“ und einem „kardiogenen Schock“ stehen. Seine Frau hörte den Knall, als er zu Boden fällt und sich nicht mehr rührt. Sofort wählte sie den Notruf 112. In der Leitstelle des ZRF ging der Anruf um 21.13 Uhr ein, um 21.15 Uhr wurden ein Rettungswagen und der Notarzt losgeschickt.

Eine Minute später aktivierte der Mitarbeiter am Telefon in der Leitstelle die „Saarretter-App“. Drei registrierte Ersthelfer waren in der Nähe und wurden direkt alarmiert. Auch Schreiders Nachbar Mathias Kasper, Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes, war um 21.17 Uhr vor Ort – keine Minute nach dem Alarm. Er beginnt mit der Herzdruckmassage. „Ich wollte gerade Fußball schauen und saß auf der Couch. Als der Alarm losging, habe ich die Schuhe angezogen und bin sofort los“, sagt er. Zwei weitere Saarretter treffen kurz darauf ein, zu dritt kümmern sie sich um den Mann. Zehn Minuten, nachdem er rausfuhr, trifft schließlich der Rettungsdienst ein.

25 Minuten Wiederbelebung

Insgesamt 25 Minuten wird er laut Arztbrief reanimiert; vier Mal schickt ein Defibrillator Stromstöße ans Herz, um es wieder zum Schlagen zu bewegen. Dann schlägt sein Herz wieder. Intubiert und beatmet bringt eine Notärztin den Patienten in den Schockraum der zentralen Notaufnahme im Winterbergklinikum.

Untersuchungen zeigen, dass ein Gefäßverschluss Ursache des Herzinfarktes war. Weil dieser schon weit fortgeschritten ist, gelingt es zuerst nicht, das Gefäß zu öffnen. Mehrere Tage auf der Intensivstation sind nötig, dann stabilisiert sich sein Zustand schnell. Zusammen mit dem inzwischen wachen Alexander Schreider entscheiden die Ärzte, dass ihm ein subkutanen Defibrillator unter die Haut implantiert wird, der einem erneuten Kammerflimmern vorbeugen soll.

„Mir wurde ein zweites Leben geschenkt“

Die Maßnahmen im Krankenhaus hätten allerdings gar nicht erst eingeleitet werden können, hätten die „Saarretter“-Helfer nicht schon vorher mit der Reanimation begonnen, berichtet das Winterbergklinikum.

Als Schreider nach fünf Tagen Koma erwacht, glaubt er, er habe nur einen Termin verschlafen. Er bekam weder etwas davon mit, dass er auf der Intensivstation war, noch, dass sich seine Lieben Sorgen um ihn gemacht hatten. „Ich sah meine Kinder, die haben mir alles erzählt und immer wieder gesagt: ’Papa, Gott sei Dank bist du wach’“, erzählt Schreider. In den Tagen danach liest er verpasste Handy-Nachrichten, schaut auch in die Familien-Whatsapp-Gruppe: „Da hab’ ich fast einen zweiten Herzinfarkt bekommen“, sagt Schreider, „mir wurde erst bewusst, wie schlimm das alles war.“ Am 13. April wird er 62. In der Zukunft hat er aber noch allen Grund, einen weiteren Geburtstag zu feiern: „Mir wurde am 25. Februar ein zweites Leben geschenkt“, sagt er.

Das Geschenk der „Bonus-Zeit“ mit seiner Familie

Und was kommt jetzt? Seine vollständige Genesung, für die er noch etwas Zeit brauchen wird. Durch die App und die Ersthelfer seien aber wenig Einschränkungen zurückgeblieben. „Je schneller ein Patient oder eine Patientin nach einem Herzkreislaufstillstand reanimiert wurde, desto effektiver können wir im Krankenhaus arbeiten und desto besser sind die Erfolgsaussichten“, bestätigt Kardiologe Koshkish. Die Zeit sei bei den rund 1200 Herzinfarkten, die pro Jahr im Saarland gezählt werden, ein wichtiger Faktor. Dass noch nicht alles wie vorher ist, hat Schreider ein paar Tage nach dem Wachwerden bemerkt, als er Sudoku-Rätsel lösen wollte: „Irgendwann merkte ich, dass der Stift in meiner linken Hand war und ich nicht schreiben konnte – logisch, denn ich bin eigentlich Rechtshänder“, sagt er und kann darüber aber schon schmunzeln. Jetzt übt er fleißig weiter und hofft, dass er auch bald wieder in seinen Job als Ladekranfahrer zurückkann. Seine Arbeit gefällt ihm.

Seinen Rettern ist er unglaublich dankbar. Denn durch sie ist ihm, sagt er, diese „Bonus-Zeit“ mit seiner Familie geschenkt worden. Jetzt kann er sein dreijähriges Enkelkind weiter aufwachsen sehen und seine drei erwachsenen Kinder auf ihrem Lebensweg weiter begleiten. „Ich bin sicher kein Heiliger“, sagt er, „auch bei uns gibt es wie in den meisten Familien auch mal Streit. Aber wenn wir uns brauchen, sind wir füreinander da, das ist doch klar. Wichtig ist mir jetzt meine Familie“. Und die ist dank seiner Helfer jetzt noch, wie er sagt, um einiges größer geworden.

Info

Auf der „Saarretter-App“ registrieren kann man sich unter saarretter.de, wenn man volljährig ist und über medizinische Qualifikationen verfügt. Darunter fallen etwa Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute, Rettungsdienst-Mitarbeiter, Menschen mit einer Sanitätsausbildung in einer Hilfsorganisation, Krankenpfleger oder medizinische Fachangestellte. Aktuell sind 1623 Ersthelfer registriert. Vom 1. Januar bis zum 13. März 2024 wurden 108 Alarme an Saarretter gesendet. In 56 Fällen war jeweils mindestens ein Helfer in der Nähe.

x