Neunkirchen RHEINPFALZ Plus Artikel Wie das Jobcenter einem Arbeitslosen seit zwei Jahren Jobs vereitelt

Max Müller aus Neunkirchen ist arbeitslos. Er könnte aber durch eine Umschulung zum telefonischen Kundensupport bald wieder eine
Max Müller aus Neunkirchen ist arbeitslos. Er könnte aber durch eine Umschulung zum telefonischen Kundensupport bald wieder einen Job bekommen. Das Jobcenter muss die Umschulung aber erst mal finanzieren.

Jobcenter und Agentur für Arbeit sind neben der Existenzsicherung dafür zuständig, Menschen ohne Job wieder in Arbeit zu bringen. Man ist als Bürgergeldbezieher sogar dazu verpflichtet, selbst bei der Jobsuche aktiv zu werden. Genau das tat Max Müller* – seit zwei Jahren bekommt er aber Steine in den Weg gelegt. Mit ernsten Folgen.

Wenn er diese Umschulung nicht antreten kann, wäre das die dritte Arbeit, die er nicht ergreifen kann. „Langsam will ich nicht mehr. Man versucht, sich um Arbeit zu bemühen, und dir werden immer weiter Felsbrocken in den Weg gelegt“, sagt Max Müller* (Name von der Redaktion aus Personen- und Datenschutzgründen geändert).

Vor ein paar Tagen bekam der Neunkircher einen Anruf von der Deutschen Akademie für berufliche Weiterbildung (DAB). Ein Mitarbeiter schlug ihm eine Umschulung zum Kundenberater im Homeoffice vor. Die genaue Berufsbezeichnung lautet: telefonischer Kundensupport. Die Umschulungszeit würde zehn Wochen betragen. Die Kosten von rund 1600 Euro müsste das Jobcenter übernehmen. Um schon einmal vorzufühlen, ob es für ihn Chancen bei der Umschulung gibt, rief Müller noch am selben Tag, an dem er den Anruf von der DAB bekam, noch bei seiner Ansprechpartnerin beim Jobcenter Neunkirchen an.

Seit drei Wochen nicht erreichbar

Eine Kollegin sagte ihm, sie sei gegenwärtig nicht im Haus – „so wie die letzten Male, als ich versucht habe, sie zu erreichen“. Die Information nach etlichen Anrufen: Die für ihn zuständige Mitarbeiterin sei seit drei Wochen krank. „Andere Nummern darf das Jobcenter nicht rausgeben“, erzählt Max Müller. Schließlich konnte er mit einer Kollegin sprechen. Auch die machte ihm wenig Hoffnung, dass das Jobcenter die Umschulung in Form eines sogenannten Bildungsgutscheins finanzieren würde. Und das, obwohl es laut DAB 123 offene Stellen im Bereich telefonischer Kundensupport gebe.

Aus eigener Tasche bezahlen kann Müller die Umschulung nicht. „Nicht mit meinem Bürgergeldsatz in Höhe von 560 Euro“. Im schlimmsten Fall würde das bedeuten, „dass ich Mitte des Monats nichts mehr zu essen habe“. Fürs Jobcenter wären die 1600 Euro laut ihrem eigenen Credo eigentlich eine sinnvolle Investition. Möchte das Amt doch die Menschen wieder in langfristige Arbeit bringen. Beim normalen Bürgergeldsatz, den Müller bezieht – 560 Euro für die Existenzsicherung, und die Mietkostenübernahme in Höhe von 450 Euro – hätte das Jobcenter schon nach nicht einmal zwei Monaten das Geld für die Umschulung wieder ausgeglichen. Denn wenn Müller wieder eine Arbeit hätte, könnte das Jobcenter die Zahlungen einstellen – und würde dadurch Geld sparen.

Nur Angebote im ursprünglichen Beruf

Die Argumentation des Jobcenters: Da er schon rund fünf Jahre Berufserfahrung als Zerspanungsmechaniker habe, sei es fürs Jobcenter nicht zielführend, wenn er jetzt in einen anderen Beruf wechseln würde. „Deswegen hat mir meine Sachbearbeiterin immer wieder Jobangebote in der Branche Zerspanungsmechaniker angeboten, ganz hartnäckig“, sagt Müller. Er hatte auch einen Staplerschein aus eigener Tasche bezahlt – aber auch auf Jobangebote als Staplerfahrer gehe seine Sachbearbeiterin nicht ein.

Das ganze Prozedere – Umschulungs- und Jobangebot kam, wurde aber vom Jobcenter abgelehnt – hat Müller schon drei Mal hinter sich. Das macht was mit ihm: Mittlerweile glaubt er nicht mehr daran, dass er eine Umschulung machen und einen Job antreten kann. Wenn man mit ihm spricht, merkt man ihm nicht nur die Frustration an. Mit einer Arbeit würde es ihm bessergehen, erzählt er. Er möchte aber nicht in seinen ursprünglichen Beruf zurück. Wegen seiner körperlichen Beschwerden würde er lieber einen anderen Job ausüben. Bei einem Arbeitsunfall hat er sich am Rücken verletzt. Die Folge: Seit 13 Jahren leidet er an teilweise heftigen Rückenschmerzen.

Seit zwei Jahren Umschulungsfinanzierung abgelehnt

Dass das Jobcenter Umschulungen abgelehnt hat, sei nicht zum ersten Mal vorgekommen. Vor rund zwei Jahren hätte er die Möglichkeit gehabt, in den Beruf als Schaltschrankbauer zu wechseln. Aber auch da gab es vom Jobcenter eine Absage. Auch damals wollte ihm das Jobcenter Neunkirchen die Umschulung nicht bezahlen. Die Argumentation war damals dieselbe wie heute: Er solle doch in seinem ehemaligen Beruf als Zerspanungsmechaniker bleiben, da er dort die Berufserfahrung hätte.

Auch eine Umschulung zum Nachtwächter, die er Mitte 2023 hätte machen können, wurde nicht genehmigt. Kürzlich bekam er telefonisch die Info von einer Mitarbeiterin des Jobcenters, dass das Jobcenter keine Umschulungen oder Führerscheine mehr finanzieren dürfe. „Der Staat hat diese Förderungen gestrichen, sagte mir die Sachbearbeiterin“, erzählt der Neunkircher. Die Bundesregierung hat von Jobcenter und Agentur für Arbeit tatsächlich die Gelder zurückverlangt, die die beiden Ämter vor allem in der Corona-Zeit für die Auszahlung von Kurzarbeitergeld von der Regierung bekommen hatte.

Überlegen, „ob ich mir überhaupt noch die Mühe mache, einen Job zu bekommen“

Auf der Homepage der Agentur für Arbeit findet sich unter dem Titel „Umschulung mit Hilfe des Jobcenters“ allerdings Erklärungen, wie man eine Finanzierung für einen Jobwechsel erhalten kann. Laut Homepage gibt es drei Voraussetzungen: Man müsse mindestens drei Jahre beruflich tätig gewesen sein, muss sich „für den Zielberuf eignen“ und durch den Jobwechsel „bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ haben. Zwei von drei Kriterien sind bei Max Müller erfüllt. Bei der Eignung für den künftigen Job zielt das Jobcenter wiederum auf seinen ehemaligen Beruf ab: Er eigne sich für den ursprünglichen Job als Zerspanungsmechaniker besser, weil er dort ja schon fünf Jahre Berufserfahrung habe. Letztlich obliegt es aber dem Jobcenter beziehungsweise den zuständigen Sachbearbeitern, eine Umschulungsfinanzierung zu genehmigen – oder eben nicht.

Max Müller wird sich künftig überlegen, „ob ich mir überhaupt noch die Mühe mache, einen Job zu bekommen. Irgendwann überlegst du einfach, wenn dir doch eh alles versaut wird“, sagt er. Dabei muss er auch an die letzten beiden Jahre denken, wo ihm schon vorher Umschulungen abgesagt wurden.

Jetzt bleibt ihm nur, abzuwarten, ob das Jobcenter doch noch anders entscheidet. „Man fühlt sich einfach im Stich gelassen“, sagt er.

Kommentar

Spiel mit Existenzen

Was das Jobcenter Neunkirchen da veranstaltet, kann man nicht nachvollziehen und ist gewissenlos. Das Jobcenter sollte Chancen geben, statt sie zu nehmen.

Die Jobcenter sichern nicht nur durch die Bürgergeld-Zahlungen die Existenz der Arbeitslosen, sie sind auch Ansprechpartner, wenn es um etwaige neue Jobs geht. Dass das Jobcenter Neunkirchen einem Arbeitslosen seit zwei Jahren drei Umschulungen verweigert hat, ist weder nachvollziehbar noch fair. Niemand muss, nur weil er mehrere Jahre Erfahrung hat, im selben Beruf bleiben. Dazu kann das Amt einen nicht zwingen. Das Jobcenter sollte die Bemühungen derer, die versuchen, wieder zur arbeitenden Gesellschaft zu zählen, anerkennen und dabei unterstützen. Die ständige Ablehnung zur Umschulungsförderung sendet nicht nur falsche Signale an die Bürgergeldbezieher, von denen laut Studien längst nicht alle arbeiten wollen. Es spielt auch mit den Existenzen der Menschen.

Max Müller hofft nun, dass ihn mit solch einem Brief vom Jobcenter eine Förderzusage für seine Umschulung ereilt.
Max Müller hofft nun, dass ihn mit solch einem Brief vom Jobcenter eine Förderzusage für seine Umschulung ereilt.
x