Homburg / Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel So kann die mobile Arztpraxis im Truck 14.000 Menschen versorgen

So soll der „Untersuchungs-Lkw“ aussehen.
So soll der »Untersuchungs-Lkw« aussehen.

Die Bewohnerin mit Demenz schlägt um sich, wenn man sie woanders hinbringt. Ein Bewohner kann nicht aufstehen. Ein Millionenprojekt hilft, wenn sie ins Krankenhaus müssen.

Etwa 14.000 Menschen im Saarland leben in Pflegeheimen. Mehr als die Hälfte davon sind dement oder nicht mobil. 81 Prozent können keine Praxen aufsuchen – selbst, wenn ihre Gesundheit das erfordern würde. Durchschnittlich drei Mal pro Jahr muss jeder Bewohner laut der Saar-Uni ins Krankenhaus. Wenn sie aber partout nicht ins Krankenhaus können – was macht man dann? Diese Frage hat sich auch Klaus Faßbender gestellt. Der langjährige Medizinprofessor an der Saar-Uni in Saarbrücken hat eine mobile Arztpraxis im Lastwagen entwickelt – zusammen mit einer Homburger Firma. So etwas gibt es in Deutschland bisher noch nicht, sagt Faßbender.

Wie funktioniert das Ganze? Jeder kennt wahrscheinlich die mobilen Bäcker- oder Metzgerautos, die gerade in kleineren Ortschaften immer zu ihren Kunden kommen. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert das auch mit der mobilen Arztpraxis. Der Truck kommt direkt zu den Bewohnern in den Pflegeheimen – und zwar immer dann, wenn er gebraucht wird. Mehr als acht Millionen Euro Förderung haben Faßbender und sein Team für die Entwicklung des Modellprojekts vom Bundesausschuss bekommen.

Homburger Unternehmen hat den Truck gebaut

Das Homburger Unternehmen A6 Jung, das Lkw und Trailer (Anhänger) baut, die im Rennsport eingesetzt werden, hat den Truck gebaut. Für die Entwicklung haben die Homburger Uniklinik und die Saar-Uni in Saarbrücken zusammengearbeitet. Im Lastwagen findet sich alles, was es braucht, um den ganzen Körper untersuchen zu können: Computertomograph, Röntgen- und Ultraschallgerät, EEG- und EKG-Gerät sowie ein Labor. Das entspreche dem Standard einer klinischen Notaufnahme. Fachärzte, medizinisch-technische Radiologie-Assistenten und Rettungssanitäter fahren im Lastwagen mit und machen die Untersuchungen.

Die Daten, die im Truck von den Patienten nach deren Untersuchung gesammelt werden, werden anschließend direkt an die passenden Fachärzte weitergeleitet. Laut der Uniklinik Homburg entsteht dadurch ein ganz neues Versorgungskonzept. „Diese Experten werten die Befunde aus und stellen sie zeitnah den überweisenden Hausärzten und den Pflegeteams in den Heimen zur Verfügung, damit diese ihre Patienten in vertrauter Umgebung weiter versorgen können. Auf diese Weise werden die Haus- und Fachärzte vor Ort gestärkt und die Krankenhäuser entlastet. Auch die Beiträge der Versicherten werden wirtschaftlicher eingesetzt“, erklärt Klaus Faßbender. Um sicherzustellen, dass auch alle Geräte funktionieren, sei für die mobile Arztpraxis ein eigenes Batteriesystem entwickelt worden, das über Nacht aufgeladen wird.

Erstmal 4000 Bewohner in 50 Pflegeheimen

Noch ist der Truck – offiziell „Mobile Geriatrie Unit“ (MGU) genannt – in der Erprobungsphase. Ab September soll er erstmal zu 50 Pflegeheimen im Saarland fahren, wenn der Truck gebraucht wird. Von den Diagnosen können etwa 4000 Bewohner profitieren. Danach wird geschaut, wie man den Truck dauerhaft einsetzen kann. Das Projekt laufe erst einmal drei Jahre. 33 Partner haben Klaus Faßbender und sein Team im Boot, pardon, im Truck.

Der Saarbrücker Universitätspräsident Ludger Santen nennt den Diagnose-Truck „ein Musterbeispiel für den Wissenstransfer“. Nun sei die Idee „buchstäblich auf die Straße gebracht“ worden. Für den Wissenschafts- und Finanzminister des Saarlandes, Jakob von Weizsäcker, ist die Tatsache, dass die Menschen immer älter werden, erfreulich, aber es bedeute auch neue Anforderungen fürs Gesundheitswesen. Um diese erfüllen zu können, brauche es Innovationen. Der Truck sei so eine. „Wir schließen damit im Saarland eine große Versorgungslücke“, spricht er von „Pionierarbeit“, die die beiden Unis leisten. Die Entwickler haben noch ein großes Ziel: Die mobile Arztpraxis soll zum Standard werden und nicht nur im Saarland, sondern irgendwann in ganz Deutschland auf den Straßen unterwegs sein.

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