Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel Homburger Unikliniken wollen mit Konzept und Verhaltenskodex aus der Missbrauchs-Krise

Von links: Staatssekretär und Uniklinik-Aufsichtsratsvorsitzender Henrik Eitel, Missbrauchsforscher Jörg Fegert und Wolfgang Rei
Von links: Staatssekretär und Uniklinik-Aufsichtsratsvorsitzender Henrik Eitel, Missbrauchsforscher Jörg Fegert und Wolfgang Reith, der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Homburger Uni-Klinikums.

„Die Missbrauchs-Verdachtsfälle an der Homburger Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie haben Vertrauen zerstört“, sagt Henrik Eitel, Staatssekretär und Vorsitzender des Uni-Aufsichtsrates. Neben dem Aufarbeiten des Geschehenen seien jetzt „Maßnahmen nötig, die Ähnliches für die Zukunft ausschließen“. Mit einem „Schutzkonzept“ will die Klinik Konsequenzen ziehen.

Im Hörsaal des Uni-Anatomiegebäudes leitete Dieter Reith, Ärztlicher Direktor des Klinikums, am Dienstag, 7. Juli, eine Konferenz, die einen ersten Schritt auf dem Weg zu anderen Verhältnissen an der Homburger Uni markieren soll. Bereits im August 2019 hatten Vertreter von Uni-Leitung und Saar-Landesregierung, einzelner Kliniken und des Personalrats mit Kinderärzten ein „Schutzkonzept“ ausgearbeitet. Dieses Papier, das als Anleitung zum künftigen Verhalten des Klinikpersonals untereinander, aber auch gegenüber den Patienten dienen soll, wurde im Hörsaal vorgestellt und diskutiert. Mit dabei war Matthias Katsch, der 2010 maßgeblich dazu beigetragen hat, dass frühere Missbrauchsfälle am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg ans Licht kamen. Katsch, Mitbegründer der Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“, will in den kommenden 18 Monaten in Homburg als Ansprechpartner und Berater an Bord bleiben, um vor Ort ständig zu überprüfen, ob das „Schutzkonzept“ nicht nur auf geduldigem Papier, sondern auch im realen Uni-Alltag wirklich Erfolge zeitigt. Katsch nutzte seine Anwesenheit, um aus Sicht der Betroffenen zu erläutern, wie es sich anfühlt, in der Rolle des Opfers zu stecken.

Missbrauchsforscher aus Ulm macht mit

Ebenfalls mit ins Boot geholt wurde Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Ulm. Das Mitglied im Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen hat am „Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ mitgearbeitet. Seine Ulmer Klinik besorgt seit 2010 die Begleitforschung für den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. „Ich möchte Ihnen in Homburg dabei helfen, dass Mitarbeiter ein Umfeld finden, in dem sie offenlegen können, dass ihnen etwas aufgefallen ist, das falsch läuft. Whistleblower brauchen einen Schutzraum. Nicht dass sie hinterher denken müssen, ,es wäre besser gewesen, wenn ich das Maul gehalten hätte’.“

Mit einem Kodex allein ist es noch nicht getan

Fegert warnte vor dem Irrglauben, dass man durch das bloße Präsentieren eines Verhaltenspapiers das Problem schnell vom Tisch haben könne. „So ein Schutzkonzept wird niemals fertig. Auch nach der 18-monatigen Projektphase muss es laufend weiterentwickelt und immer wieder auf seinen Erfolg hin überprüft werden. “

Ein falsches System von Macht, Loyalität und Gehorsam werde durch das Bestehen hierarchischer Strukturen gefördert. „Da gibt es Parallelen zwischen Medizinern und Geistlichen“, erläuterte der Jugendpsychiater. Übergriffige Pfarrer machten ihre kleinen Opfer mundtot, indem sie ihnen sagten: „Du weißt doch, dass du niemandem etwas aus der Beichte erzählen darfst.“ So werde der Sinn des Beichtgeheimnisses ins Gegenteil verkehrt. Ganz ähnlich werde von Tätern auch der Begriff „Ärztliche Schweigepflicht“ missbraucht.

„Hierarchien sind nicht von sich aus schlecht“, mahnte Fegert: „Sie müssen aber immer wieder aufs Neue hinterfragt werden. Es geht darum, die Mauer des Schweigens und des Wegsehens zu brechen.“

Aus dem Schutzkonzept

Umgangs- und Verhaltenskodex am Uniklinikum Homburg

  • Wir sind respektvoll und höflich zu Patient/innen sowie zu Mitarbeiter/innen und sind uns dabei unserer Verantwortung füreinander bewusst.
  • Wir wahren eine professionelle körperliche und emotionale Distanz zwischen Patient/innen sowie Mitarbeiter/innen. Auch im Umgang zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
  • Wir erklären Patient/innen im Vorfeld, welche pflegerischen, diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen durchgeführt werden, insbesondere bei potenziell als grenzverletzend empfundenen Maßnahmen.
  • Wir achten das Schamgefühl unserer Patient/innen auch dann, wenn sie nicht selbst darauf achten.
  • Wir entkleiden unsere Patient/innen so wenig wie möglich und nur so weit, wie es aus pflegerischen, diagnostischen oder therapeutischen Gründen erforderlich ist.
  • Bei pflegerischen, diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen im Intimbereich von Patient/innen ist nach Möglichkeit eine weitere Person im Raum anwesend.
  • Wir tolerieren kein abwertendes, sexistisches oder diskriminierendes Verhalten. Grenzverletzendes oder übergriffiges Fehlverhalten von Mitarbeiter/innen thematisieren wir, spätestens bei Wiederholung melden wir es.
  • Wenn wir Verletzungen des Kodex bemerken, beziehen

    wir professionell und aktiv Stellung dagegen.

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