Saarbrücken / Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel Homburger Arzt: Mit Cannabis helfen statt kiffen

Der Homburger Arzt Sven Gottschling sagt: Die Pläne der Regierung nützen vor allem den Dealern ...
Der Homburger Arzt Sven Gottschling sagt: Die Pläne der Regierung nützen vor allem den Dealern ...

Bei der geplanten Legalisierung von Cannabis denken die meisten an den Freizeitkonsum. Doch die vielen medizinischen Möglichkeiten der Heilpflanze sind den wenigsten bewusst. Sven Gottschling vom Unternehmen Dr. Cannabis möchte das ändern.

Es ist ein Thema, das bei vielen Diskussionen verursacht: Die von den Ampelparteien beschlossene Legalisierung von Cannabis. Richtig zufrieden scheint mit dem beschlossenen Konzept keine Seite zu sein. Befürwortern geht der aktuelle Vorschlag nicht weit genug, Kritiker stellen sich weiterhin vollständig gegen eine Lockerung des Status quo. Durch das derzeitige Vorhaben der Regierung soll der private Anbau künftig auf maximal drei Pflanzen beschränkt werden. In sogenannten Cannabis-Clubs sollen Mitglieder die Pflanze gemeinschaftlich anbauen und vertreiben dürfen. Einen freien Verkauf soll es vorerst nur in bestimmten Modellregionen geben.

Einer, der sich mit dem Thema seit vielen Jahren befasst, ist der Homburger Kinderarzt und Palliativmediziner Sven Gottschling, der mit mehreren Partnern das saarländische Unternehmen Dr. Cannabis gegründet und sich auf die medizinische Anwendung von Cannabis und dem Wirkstoff CBD spezialisiert hat. Seit seinem ersten Tag als Arzt vor rund 24 Jahren arbeite er mit cannabisbasierter Arzneimitteltherapie, erzählt Gottschling, der an der Homburger Uniklinik arbeitet.

Gottschling: Über tausend Patienten mit cannabisbasierter Medizin therapiert

Nachdem der Cannabiswirkstoff THC im Jahr 1998 als Arzneimittel in Deutschland verordnet wurde, habe er sich früh damit beschäftigt. Der nächste große Schritt sei dann die Entscheidung der Krankenkassen im Jahr 2017 gewesen, unter bestimmten Voraussetzungen die Kosten für den Einsatz bei medizinischen Behandlungen zu übernehmen. Bis heute habe er gemeinsam mit anderen Medizinern über tausend Patienten mit cannabisbasierter Medizin therapiert.

Durch die Entscheidung der Ampelparteien, eine Legalisierung zu forcieren, entschied er sich vor zwei Jahren mit Kollegen dazu, mit Dr. Cannabis ein Angebot zu schaffen, das den Umgang mit der Droge in geordnete Bahnen lenkt. Der Vertrieb von hochwertigen medizinischen Produkten sei dabei die erste Säule. Der Verkauf erfolge unter strengen Bedingungen. „Wir legen einen riesengroßen Fokus auf Jugendschutz und Prävention“, erzählt er. Da er selbst Kinderarzt sei, wisse er um die gesundheitlichen Risiken bei einem sich noch entwickelnden Gehirn, weshalb sich das Unternehmen ausschließlich an Menschen über 21 richte. Als Arzt setze er die Medikamente zudem nur bei Kindern ein, wenn diese therapeutisch gesehen mit dem Rücken zur Wand stünden und ansonsten nur noch auf gefährlichere Medikamente zurückgegriffen werden könne. „Ich habe selbst fünf Kinder und ein maximales Interesse daran, dass man vorsichtig bei Kindern damit umgeht“, betont er.

23 Millionen Menschen mit chronischen Erkrankungen

Die zweite Säule des Projekts sei das Helfen. Gottschling kritisiert, dass die Behandlung mit Cannabis derzeit noch an eine schwere Erkrankung geknüpft sei. „Die Menschen müssen sehr hohe Hürden nehmen, bis sie zulasten der Krankenkasse eine Finanzierung bekommen“, erklärt er. Nicht mal 100.000 Menschen würden derzeit von den Krankenkassen mit Cannabismitteln versorgt. Demgegenüber stünden 23 Millionen Menschen mit chronischen Erkrankungen, die teilweise verzweifelt nach wirksamen Mitteln suchen. Darüber hinaus sei der Prozess für Ärzte ein bürokratischer Wahnsinn.

Es gebe viele Menschen mit gesundheitlichen Problemen, für die eine Behandlung mit Cannabis – wenngleich keine vermeintlich schwere Erkrankung vorliege – Sinn machen würde. Es sei eine große therapeutische Chance, die vielen bisher verwehrt bleibe. In dem bisher geplanten Modell der Bundesregierung werde gerade diese Zielgruppe bisher aber wenig adressiert. Eine 85-jährige Patientin mit Arthritis und Schlafstörungen werde wohl kaum Mitglied im lokalen Cannabis-Club werden, kritisiert der Doktor. Für genau diese Klientel wolle man mit Dr. Cannabis ein Ansprechpartner sein und mit ausgebildeten Apothekern und medizinischen Fachangestellten beraten.

Ausbildungsstelle für Ärzte und Apotheken in Sachen Cannabis

Die dritte Säule von Dr. Cannabis ist für Gottschling das Aufklären. „Wir werden sehr viel Energie reinlegen, zu informieren“, sagt er. Neben der Dr. Cannabis GmbH, die sich bei einer erweiterten Legalisierung auch an der kontrollierten Abgabe beteiligen wird, habe man deswegen die Dr. Cannabis Akademie gegründet. Die soll unter anderem als Ausbildungsstelle für Ärzte und Apotheken sowie als Infostelle für Vereine, Schulen und Eltern fungieren. In Zukunft soll es zudem eine spezielle Informationsseite in Jugendsprache geben, auf der sich junge Menschen zur Thematik informieren können. Auch eigene Forschungsprojekte sollen vorangebracht werden, um Fragen zu klären. „Sollte das Unternehmen Dr. Cannabis in Zukunft Geld abwerfen, wird ein relevanter Anteil davon in Forschungs- und Aufklärungsprojekte fließen“, kündigt Gottschling an.

Pläne der Regierung nutzen vor allem den Dealern

Doch wie bewertet er die von der Regierung geplante Umsetzung der Legalisierung? Fakt sei, dass das aktuell geplante Modell der Cannabis-Clubs und der 25-Gramm-Grenze vor allem dem Dealer nütze, weil dieser jetzt unbehelligt damit rumlaufen könne. Eine bessere Strategie, um den Schwarzmarkt auszutrocknen, sind in seinen Augen die lizenzierten Abgabestellen, die vorerst nur in Modellregionen getestet werden sollen. Nur mit geschultem Personal könne man sich sicher sein, dass es sich um ein einwandfreies und geprüftes Produkt handele. Wenn das, wie von der Regierung beabsichtigt, preislich gleich zum Schwarzmarkt sei, werde der Schwarzmarkt unattraktiv.

Natürlich könne man nie vollständig verhindern, dass ein 21-Jähriger die Ware legal erwerbe und sie auf dem Schulhof an einen Minderjährigen weitergebe. Beim ebenfalls schädlichen Alkohol könne man das aber genauso wenig. An dem derzeitigen Verbot festzuhalten, wie es beispielsweise die CDU fordere, gehe schlicht an der Lebensrealität vieler junger Menschen vorbei. Gottschling hält es „für eine echte Chance, um in diesem verwucherten Schwarzmarkt eine Linie ziehen zu können“.

Der Palliativmediziner und Homburger Arzt Sven Gottschling möchte mit dem Unternehmen Dr. Cannabis Menschen helfen.
Der Palliativmediziner und Homburger Arzt Sven Gottschling möchte mit dem Unternehmen Dr. Cannabis Menschen helfen.
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