Saarbrücken
Gegen Hass und Mord: Wie der Lesben- und Schwulenverband hilft
Was tun, wenn man schwul, lesbisch, bisexuell oder im falschen Körper geboren ist? Bei diesem inneren Kampf, den viele oft allein im stillen Kämmerlein austragen müssen, möchte der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) helfen. Jedes Bundesland hat seinen eigenen Verband – im Saarland sitzt er in der Mainzer Straße 44 in Saarbrücken.
Vorstandsmitglied Tim Stefaniak erzählt, wie der LSVD helfen möchte. Seine Mitglieder sehen sich als Bürgerrechtsbewegung, die erreichen möchte, dass queere Menschen ohne Anfeindungen frei und glücklich leben können. Wenn man sich etwa bei den Eltern geoutet hat, kann man zusammen mit ihnen ein Beratungsgespräch ausmachen. Das Gespräch hilft den Eltern dann im besten Fall, ihr Kind besser zu verstehen. Bei Beratungen sei die Nachfrage sehr hoch.
Stefaniak: Warum das Outing auch heute noch nötig ist
In einer aufgeklärten Zeit wie heute stellt sich die Frage: Muss man sich überhaupt noch outen? Von Tim Stefaniak kommt die Antwort im RHEINPFALZ-Gespräch wie aus der Pistole geschossen: „Ja. Es bietet ja ein viel selbstbestimmteres und freieres Leben, wenn man offen mit seiner sexuellen Orientierung umgehen kann, als wenn man sich immer verstecken und das verschweigen muss“, sagt Stefaniak, der den Saarbrücker CSD im Juni maßgeblich organisiert hat. Liebe, egal zwischen wem, sollte selbstverständlich sein. „Das ist es de facto aber nicht.“ Das zeigen auch viele Gewalttaten gegenüber queeren Menschen. Dass jeder – auch auf offener Straße – Händchenhalten kann, wen er oder sie liebt, und dass die Gesellschaft diese Liebe völlig normal findet, „das ist unser oberstes Ziel“.
Er erinnert sich auch an die gleichgeschlechtlichen Ampelmännchen, die die Stadt Anfang des Jahres in Saarbrücken aufgestellt hatte. Sogar auf der Facebookseite von Oberbürgermeister Conradt brach ein Shitstorm aus. Diese Fülle an negativen Reaktionen sind „erschreckend. Da muss man sich die Frage stellen: Woher kommt das?“ Als eine Ursache nennt Stefaniak populistische Parteien, die teilweise „ganz offen für eine Beschneidung der Rechte von queeren Menschen eintreten“. Das macht Tim Stefaniak einerseits traurig – aber auch bewusst, „wie wichtig doch die Arbeit ist, die man macht“.
Der Verein betreut auch schwule Flüchtlinge, die in ihren Ländern getötet werden könnten
Jene Arbeit ergibt sich auch aus verschiedenen Gruppen, in denen man sich treffen kann. Es gibt etwa Trans- oder Jugendgruppen, für queere Flüchtlinge oder offene Treffs für jene, die einfach so mal vorbeikommen möchten. Die Schicksale von Flüchtlingen, „die aus Ländern kommen, wo Homosexualität teilweise unter Todesstrafe steht“ berühren Tim Stefaniak besonders. Er hat bei ihrer Betreuung von „grausamen Fluchtgeschichten“ gehört.
Ungewöhnlich: Auch eine Gruppe für schwule Senioren ist darunter. Der LSVD Saar unterstützt diese Gruppe, die von älteren Schwulen ins Leben gerufen wurde. Früher hatten sie es viel schwerer als heute – allein schon wegen des Paragrafen 175, der „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern unter Strafe stellte. Nach der Wiedervereinigung wurde er 1994 in ganz Deutschland aufgehoben. Tim Stefaniak hat sich übrigens im gleichen Jahr geoutet. „Für mich war das im Prinzip gar kein Thema, dass das strafbar sein könnte“, erzählt er.
Zurück in den 70ern: Schwule im Untergrund und geheime Treffen
In den 70er-Jahren konnten sich Schwule deshalb nur im Untergrund treffen – unter anderem in der Kultkneipe „Madame“, die damals ebenfalls in der Mainzer Straße war. „Da musste man klopfen und es wurde geguckt, ob man rein darf oder nicht. Es war alles zugehangen mit Vorhängen“, weiß Stefaniak von Älteren. „Kontaktaufnahme mit anderen Schwulen war damals immer ein Risiko.“ In Zeiten von Dating-Apps für Schwule und Lesben oder von homosexuellen Figuren in Serien gar nicht mehr denkbar.
Diese Apps und teils die Einstellungen von Einzelnen bringt aber auch eine Diskriminierung innerhalb der Homosexuellen-Community mit sich. Manche wettern gegen Transgender, kräftigere Menschen oder „zu weibliche“ Schwule. „Das finde ich schade. Eigentlich sollte man doch die Kräfte bündeln, statt sich gegenseitig auszuschließen“, meint Stefaniak. Der LSVD schließt niemanden aus. Weil er anderen helfen und sie aufbauen kann, macht Tim Stefaniak seine Arbeit auch so viel Spaß. Zu tun gibt es leider mehr als genug.