Blieskastel
Fotos und Videos beweisen, dass es Jugendzentren noch gibt
Zwar lebt und arbeitet der Blieskasteler Fotodesigner Friedhelm Rettig mittlerweile am Donnersberg. Im Moment kehrt er aber mit einem Film- und Fotoprojekt zu seinen heimatlichen Wurzeln zurück. Mithilfe eines Stipendiums vom Land Rheinland-Pfalz zeigt er die Mitarbeiter und Besucher verschiedener Jugendzentren (Juz) mitten im Lockdown und bringt sie zum Reden. „Die Jugendzentren waren mit die ersten Einrichtungen, die geschlossen wurden, während beispielsweise Kirchen, Schulen oder Geschäfte offenbleiben konnten. Das hat mich geärgert“, sagt der Fotokünstler, der früher selbst Juz-Stammgast in Blieskastel, Limbach und St. Ingbert war.
„Ausgesperrt – noch ganz dicht“ nennt er seine Film- und Fotoserie. Rettig filmt Juz-Mitarbeiter, die Helfer und Besucher, fragt sie nach Gefühlen, Hoffnungen und Ängsten während der Zwangsschließung. Und fotografiert sie. Mal im Nahporträt, mal vor dem Hintergrund der Juz-Räume. Später setzt er die Einzelfotos zu breiten Triptychons zusammen. Zweimal war er zum Fotografieren im Blieskasteler Jugendzentrum P-Werk: Dort hat er die 22-jährige Juz-Vorsitzende Lara Ensslin fotografiert und interviewt, ebenso die gleichaltrige Praktikantin Rebekka Hemmer.
Früher selbst fürs Juz in Blieskastel gekämpft
„Ich war früher selbst in der Jugendzentrum-Bewegung aktiv und habe auch für dieses Juz gekämpft“, erinnert sich Friedhelm Rettig, während er seine großen Blitzgeräte einstellt, um Lara zu fotografieren. „Wenn Kommentare kommen, wie ,Wenn die Jungen nicht ins Juz können, sollen sie doch in die Kirche gehen’, da bleibt mir echt die Spucke weg“, empört sich der Fotodesigner, der an der Berufsfachschule des berühmten Berliner Lette-Vereins ausgebildet wurde. Da er immer noch Kontakte zum Trägerverband der saarländischen Jugendzentren hat (Juz United, früher Verband der saarländischen Jugendzentren in Selbstverwaltung VSJS), fiel ihm sein aktuelles Projekt ein, das er seit November betreibt. Neben dem P-Werk in Blieskastel sind auch das Zentrum St. Ingbert, ein Jugendclub in Ormesheim und ein Jugendzentrum in Mannheim Schauplätze seiner Kunstaktion.
Lara: „Wir machen hier ja nicht nur Party“
Das Video, das Friedhelm Rettig von und mit den jungen Leuten aufnimmt, ist ein Statement. „Leute, die in den Jugendzentren Verantwortung übernehmen, sollen sagen, was sie von der Schließung ihres zweiten Zuhauses halten, und was sie dagegen machen könnten. Gerade hier in Blieskastel gibt’s doch riesige Räume. Die könnte man sicher nutzen, ohne Hygieneregeln zu verletzen.“
„Ich finde es spannend, hier in den Räumen professionell fotografiert zu werden und dass wir eine Stimme bekommen“, sagt die Blieskasteler Juz-Chefin Lara Ensslin. „Damit die, die das sehen, merken, wie schwierig für uns das alles ist. Wir machen hier ja nicht nur Party, wir arbeiten auch.“
Anfang 2020 wurde das Jugendzentrum erstmals wegen Corona für mehrere Monate geschlossen. Nach dem Sommer 2020, in dem für einige Monate unter Auflagen geöffnet war und sogar kleinere Veranstaltungen im Garten möglich waren, ist das P-Werk seit Anfang November 2020 bis heute komplett geschlossen.
Podiumsdiskussion vor der Wahl
Das P-Werk besteht seit 1996. In normalen Zeiten, sagt Lara Ensslin, findet hier mindestens einmal im Monat eine größere Veranstaltung im großen Saal statt, in den 200 Leute passen. „Wir haben hier die einzige Podiumsdiskussion zur letzten Kommunalwahl in ganz Blieskastel organisiert“, erzählt die Vorsitzende und tritt dem Vorurteil entgegen, junge Leute interessierten sich nicht für Politik. Mindestens dreimal die Woche war das P-Werk geöffnet; junge Leute aus allen Blieskasteler Vororten und Stadtteilen kamen unter anderem zu Konzerten, Workshops, Vorträgen. „Jugendliche haben hier mit der Schließung ihr zweites Wohnzimmer verloren“, stellt Lara Ensslin klar.
Aufruf, dass Jugendzentren wieder öffnen dürfen
„Der Verband Juz United hält uns auf dem aktuellen Corona-Stand. Außerdem soll es bald ein Positionspapier geben, in dem die Öffnung der Jugendzentren gefordert wird“, weiß die Praktikantin Rebekka Hemmer.
Jenseits von Corona und Lockdown freuen sich Lara und Rebekka über große Unterstützung aus dem Blieskasteler Rathaus. „Das war nicht immer so“, stellt Lara Ensslin fest.
Wo und wann man Friedhelm Rettigs Filme und Bilder sehen kann, steht noch nicht fest. „Es ist alles neu und verändert sich ständig“, sagt der Fotokünstler. Es sei sogar denkbar, dass die Interviews gar nicht als Filme veröffentlicht werden, sondern dass Rettig die Kernaussagen in Textform neben seine Fotos stellt. Wenn seine Serie vollendet ist, werden zumindest die Fotos auf einer Webseite der Stiftung Kultur Rheinland-Pfalz gezeigt, die Rettig ein projektbezogenes Stipendium gewährt hat. Und auf seiner Internetseite www.lunisolar.de möchte Friedhelm Rettig sein Projekt ebenfalls vorstellen.
Alle machen mit, keiner lehntab
Bis dahin will er aber noch ein paar weitere Jugendzentren mit ins Boot holen. Zwei „wilde“ Jugendzentren in Berlin und Leipzig schweben ihm vor. Friedhelm Rettig sagt, dass die Resonanz der Angesprochenen bis jetzt ausschließlich positiv war: Alle hätten gerne mitgemacht, keiner habe abgelehnt.
Auch in Printmagazinen möchte der Fotokünstler publizieren.
„Aber ob das klappt, weiß ich nicht. Die Bilder sind halt sehr formal. Einmal klassisches Porträt, relativ eng in den Raum eingebunden, einmal der leere Raum und dann noch ein Porträt mit Maske, damit man sieht, in welcher Zeit es aufgenommen worden ist.“