Homburg RHEINPFALZ Plus Artikel Experte: Nach Corona ist im Einzelhandel nichts mehr, wie es war

Blick in die Saarbrücker Straße: Den Homburgern empfiehlt der Experte, ihre schöne Vauban-Altstadt noch mehr in den Mittelpunkt
Blick in die Saarbrücker Straße: Den Homburgern empfiehlt der Experte, ihre schöne Vauban-Altstadt noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

„Wir sind endlich wieder für Sie da“ steht jetzt auf Plakaten von der saarländischen Industrie- und Handelskammer (IHK), mit denen die Geschäfte ihren Neustart anpreisen. Dem Homburger Handel rät ein IHK-Fachmann, sich ganz neu zu erfinden. Und warnt vor einem nahen „Riesengegner“.

Die Homburger Stadtverwaltung schließt sich dem Ruf des saarländischen Städte- und Gemeindetages nach Geld von Bund und Land für die Innenstädte an. Gefordert wird ein spezieller Unterstützungsfonds, um Fußgängerzonen aufwerten und lokale Programme gegen Laden-Leerstände finanzieren zu können. „Der Einzelhandel verliert gegenüber den Onlineportalen immer mehr an Boden“, hatte Bürgermeister Michael Forster (CDU) bereits Ende März vor dem Homburger Stadtrat gesagt. Dieser Prozess werde durch die Corona-Pandemie noch beschleunigt.

Leander Wappler, Leiter der Abteilung Unternehmensförderung bei der IHK Saar, ruft die Homburger Verantwortlichen im Rathaus und in den Geschäften dazu auf, „sich mit aller Kraft um die Zukunft zu kümmern“. Denn die Innenstädte, so warnte der Fachmann den Stadtrat, „werden nach Corona nicht mehr so sein wie vorher“.

„Fachgeschäfte stehen vor der Katastrophe“

„Wir sind Zeuge eines massiven Verdrängungswettbewerbs“, beobachtet Wappler, dass der Lebensmittelhandel noch recht gut durch die Corona-Krise komme, „während klassische Fachgeschäfte vor der Katastrophe stehen“. Der IHK-Experte, der früher selbst Händler in der Möbelbranche war, nennt das Beispiel Neunkirchen: „Dort werden wir wohl keinen Nachnutzer für eine große Einzelhandelsimmobilie im Stadtkern mehr finden. Das kann ich Ihnen heute schon vorhersagen.“ Ohne Namen zu nennen, spielte Wappler damit offenbar auf die verwaiste Galeria-Kaufhof-Immobilie am Stummplatz an.

Erlebniseinkauf statt bloße Versorgung

Dass die Kunden heute lieber auf großen Onlineplattformen ihre Bestellungen aufgeben, als sich in die Fachgeschäfte in den Innenstädten aufzumachen, sei im Hang des Menschen zur Bequemlichkeit begründet. „Trotzdem werden die Innenstädte weiterleben“, glaubt Wappler, wenn diese sich auf das geänderte Konsumentenverhalten einstellen. „Wir können die Leerstände aber nicht mehr einfach mit neuem Einzelhandel auffüllen“, spricht der Fachmann vom Wandel „weg vom klassischen Versorgungseinkauf und hin zum Erlebniseinkauf“ in den Stadtkernen.

„Das Gesamterlebnis muss stimmen“, damit Kunden den Weg in die City finden. „Auch in Homburg hat die aufblühende Gastronomie schon manche Lücke gefüllt, die sich im Handel aufgetan hatte. Da ist es besonders fatal, dass ausgerechnet die hoffnungsvolle Gastronomie jetzt wegen Corona einen so harten Rückschlag hinnehmen muss.“

Problem Miete in Ladenlokalen

Leander Wappler sieht noch einen weiteren Hemmschuh, der den nötigen Wandel behindert: „Immobilienbesitzer streben mit ihren Ladenlokalen maximale Rendite an und haben wenig Gespür für die neuen Herausforderungen. Heute sind es junge Start-ups und kleine Kreative, die die Leerstände füllen müssen. Die müssen sich aber in Homburg erst mal ansiedeln wollen. Und hier tut sich die Lücke auf zwischen den Mietforderungen, die die Hausbesitzer stellen, und den Beträgen, die die potenziellen Mieter noch bezahlen können.“

„Auch nach Corona wird der Trend zum Homeoffice bleiben“, rät Wappler kleinen Städten, dies als Chance zu nutzen: Wer daheim arbeitet, hat kurze Wege vor die Haustür, wo er sich mit dem Nötigen eindecken kann.

„Homburg muss sich als Ganzes präsentieren und zeigen, wofür es steht“, empfiehlt Wappler ein Image-Konzept aus Gastronomie, Kultur und Einkaufserlebnis. „Sie haben hier eine schöne Vauban-Altstadt. So etwas muss man inszenieren.“ Diese Aufgabe, so empfiehlt der Experte, sollten „Fachleute mit einem Blick von außen“ übernehmen. Die Kommunalpolitik müsse Budgets für City-Marketing bereitstellen. „Und genau dafür brauchen Sie jetzt frisches Geld aus der Städtebauförderung.“

Das Risiko, als Stadt beliebig zu werden

Gelinge der Wandel nicht, so warnt Wappler, „riskieren Sie in Homburg, als Stadt beliebig zu werden. Sie haben eine starke Konkurrenz“, weist der Fachmann auf vergleichbare Marketing-Anstrengungen hin, die in nahen Städten wie Neunkirchen oder Saarlouis schon längst unternommen würden. Und mit dem Outlet-Center in Zweibrücken habe Homburg „einen Riesengegner“ vor der Haustür, meinte Leander Wappler.

Am Gründonnerstag hängte Wappler in Homburg zusammen mit Stadt-Wirtschaftsförderin Dagmar Pfeiffer und dem Stadtmarketing-Beauftragten Axel Ulmcke erste „Wir sind endlich wieder für Sie da“-Plakate auf. Unter anderem im Schaufenster der neuen Thalia-Buchhandlung am Standort des früheren Buchladens Welsch in der Talstraße. Wappler verspricht, dass die IHK die Händler in der Zeit des Umbruchs weiter beraten und nicht im Stich lassen werde.

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