Homburg
Eine Stele zum Gedenken an die Nazi-Opfer an der Homburger „Anstalt“
„Wir hatten lange überlegt, wo auf unserem Gelände wir an die Opfer der Zwangssterilisationen und der Euthanasie-Verbrechen in der NS-Zeit erinnern sollen. Vor dem Hörsaal? An der Uni-Einfahrt?“, sagte Ulrich Kerle, Kaufmännischer Direktor des Uniklinikums, am Dienstag, 22. September, bei der Vorstellung der Gedenkstele. Nun hat das Mahnmal seinen Platz vor einem Kirschlorbeerstrauch auf dem Historischen Klinikfriedhof oberhalb der Cappellallee gefunden. Der Bexbacher Metallbauer Marc Janzer hat die Skulptur namens „Erinnern - Mahnen - Lernen“ angefertigt. Durch die gut mannshohe Tafel aus rostendem Cortenstahl scheint ein leuchtend roter Hintergrund durch: „Das soll an die Farbe von Blut und Nazifahnen erinnern“, erläuterte Kerle. Die Stele ehrt die Opfer der Nazi-„Medizin“ an der einstigen Pfälzischen Heil- und Pflegeanstalt, an deren einstigem Standort sich heute das Uniklinikum Homburg befindet.
Mehr als 1430 Sterilisationen
Als das Saargebiet 1935 an Nazi-Deutschland angeschlossen wurde, wurde das Landeskrankenhaus Homburg sofort in die „rassenpolitischen Maßnahmen“ der NS-Diktatur eingebunden. Die „übergroße Mehrheit der Ärzte“, so der Ärztliche Uni-Direktor Wolfgang Reith, habe den neuen Kurs begeistert mitgetragen. Wie der Historiker Christoph Braß herausgefunden hat, wurden in Homburg während des „Dritten Reichs“ mehr als 630 Frauen und 800 Männer zwangssterilisiert – im Sinne einer vorgeblichen „Erbgesundheit“, um als „unwert“ verachtetes Leben zu verhüten. Im Saarland wurden von November 1935 bis Januar 1944 beim „Erbgesundheitsgericht“ in Saarbrücken 2986 Anträge auf Zwangssterilisation gestellt. 80 Prozent davon führten zu einer „Verurteilung zur Sterilisation“, was dann im Landeskrankenhaus Homburg und in der Heil- und Pflegeanstalt Merzig vollstreckt wurde.
Im Saarland endeten die massenhaften Sterilisationen mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939: Von diesem Zeitpunkt an wurden die beiden Kliniken für die Versorgung der Soldaten gebraucht. Reith: „Um Platz für die militärische Nutzung zu machen, wurde von November bis Ende 1939 ein Großteil der damals 1200 bis 1600 psychiatrischen Patienten aus Merzig und Homburg in andere Anstalten deportiert und getötet.“
Einladung für Christoph Braß
Ein Ehrengast der Stelen-Einweihung war Christoph Braß: Vor 30 Jahren hatte der Historiker in seiner Dissertation die tiefe Verstrickung der Homburger „Anstalt“ in die Verbrechen der Nazis erforscht. Er deckte auch die Rolle einiger führender Mediziner auf, die noch bis lange nach Kriegsende hoch geachtet waren. Allen voran der Leitende Krankenhausdirektor Oscar Orth (1876 - 1958), einst Ehrenbürger von Homburg und Ensheim. Infolge von Braß’ Recherchen erhielt in Homburg die Oscar-Orth-Straße ihren alten Namen Kirrberger Straße zurück. Braß selbst wurde noch jahrelang von gewissen Kreisen der Bevölkerung angefeindet.
Demnächst wird Christoph Braß am Homburger Uniklinikum eine zweisemestrige Lehrveranstaltung zur Geschichte der Medizin halten. Dabei macht er dann auch die schweren NS-Verbrechen zum Thema, die hier einst begangen wurden.
Viel zu viel Zeit ist verstrichen
Lange Jahre hat es gebraucht, bis die private Initiative des Saarländers Günter Schott endlich zur Installation eines Mahnmals auf dem ehemaligen Homburger Uni-Friedhof führen konnte: In einer Petition beim Landtag in Saarbrücken hatte er wieder und wieder eine solche Gedenkstätte eingefordert. Sichtlich verbittert beklagte Schott am 22. September, dass bis zur Umsetzung viel zu viel Zeit verstrichen sei. Inzwischen hat sich auch die Homburger Uni-Führung das Anliegen zu Eigen gemacht. So kam es schließlich, dass die Gedenkstele aus Cortenstahl nun vom Uni-Klinikum, der Universität des Saarlandes und aus der Kasse der Saarbrücker Staatskanzlei gemeinsam finanziert wurde.