Saarbrücken Das Saarbrücker Schulmassaker vom 25. Mai 1871

Das Saarbrücker Ludwigsgymnasium um 1900: Die älteste noch heute existierende Saarbrücker Schule.
Das Saarbrücker Ludwigsgymnasium um 1900: Die älteste noch heute existierende Saarbrücker Schule.

Tatort Ludwigsgymnasium. Am 25. Mai 1871 wird die Lehranstalt Schauplatz eines Massakers. Erinnerungen an ein entsetzliches Attentat.

Der Tatort, das königliche Gymnasium in Saarbrücken, seit 1904 Ludwigsgymnasium, wird 1604 unter Nassau-saarbrücker Regierung gegründet und ist zur Zeit der hier erzählten Geschichte das einzige Gymnasium im Umkreis. Das nächste befindet sich im gut 90 Kilometer entfernten Trier. Dadurch genießt die Schule, die damals in den Räumlichkeiten der heutigen Friedenskirche untergebracht ist, sowie die Lehrer und Schüler hohe Reputation. Dass ein nicht unerhebliches Schulgeld verlangt wird, trägt ebenso zu dem elitären Ansehen bei.

Dann am 25. Mai 1871, der deutsch-französische Krieg ist gerade seit zwei Wochen beendet, geschieht an dieser ehrwürdigen Lehranstalt etwas Unglaubliches. Der Schüler Julius Becker steht wortlos von seinem Platz in der hinteren Bankreihe auf und schießt mit einem Revolver, den er sich zehn Tage zuvor bei einem Büchsenmacher gekauft hat, auf seinen Sitznachbarn Gustav Adolf Eybisch. Sechsmal drückt er ab. Eybisch wird dreimal am Kopf getroffen. Eine Kugel trifft sein rechtes Scheitelbein, eine trifft ihn hinter dem Ohr und eine weitere Kugel streift sein rechtes Augenlid. Zwei weitere Kugeln treffen zufällig den in der ersten Reihe sitzenden Mitschüler Adolph Brandt am rechten Scheitelbein und am linken Oberarm. Beim letzten Schuss versagt der Revolver. Beide Schüler erholen sich im Laufe der Monate von ihren Verletzungen.

Direktor: Ich ließ ihn von der Polizei abführen

„Dem königlichen Provinzial Schul-Collegium habe ich eine traurige Mitteilung zu machen. Gestern ist die Prima des Gymnasiums der Schauplatz einer Freveltat gewesen“, schreibt Direktor Hollenberg am 26. Mai 1871 in seinem Bericht an die übergeordnete Dienststelle in Koblenz. Und weiter schreibt er: „In der Pause von fünf Minuten, die zwischen der ersten und zweiten Nachmittagsstunde stattfindet, hat gestern der Unterprimaner Jul. Becker mit einem Revolver wenigstens viermal auf Mitschüler geschossen. Ich war da sofort herbeigeholt. In der Prima war Becker und saß auf seinem Platze, ruhig und blass, neben ihm auf der Bank lag blutend sein Klassennachbar Adolf Eybisch, der noch nicht recht wusste, was vorgegangen war. Ich ließ Becker von der Polizei abführen, da er gleich gestand, er habe den Eybisch totschießen wollen…“

Wer war dieser Julius Becker und was trieb den 18-Jährigen zu einer solchen Tat? Am 4. Januar 1853 kommt er als drittes von sechs Kindern des Ehepaars Christian und Luise Becker in Saarbrücken zu Welt. Der Vater ist von Beruf Rechnungsrat bei der königlichen Eisenbahndirektion und damit gehört die Familie zum gehobenen Bürgertum. Auf dem Gymnasium zählt er, wie Aussagen von Lehrern und Mitschülern bestätigen, nicht zu den beliebten Schülern. So steht in einem Artikel der Saarbrücker Zeitung vom 16. November 1871 über Julius Becker: „Er stand seit längerer Zeit mit mehreren seiner Mitschüler, welche er sich durch sein hochmütiges und reizbares Wesen entfremdet hatte, nicht auf gutem Fuße.“ Daher ist es fast zwangsläufig, dass er manchem Spott und mancher Stichelei ausgesetzt ist. Besonders die Schüler Gustav Adolf Eybisch und Leonhard Kraushaar, der zur Tatzeit als Soldat dient, tun sich hierbei hervor. So fertigt Eybisch zum Beispiel eine Kreidezeichnung an, die Becker verhöhnt. Ein anderes Mal wird ein von Becker selbst verfasstes und im Unterricht vorgetragenes Gedicht am nächsten Tag von Kraushaar parodiert. Für den narzisstisch veranlagten Julius Becker sind diese pubertären Machtspiele Grund genug, seinen Mitschüler Eybisch erschießen zu wollen.

Anklage wegen versuchten Mordes

Direktor Hollenberg Bericht an das königliche Provinzial Schul-Collegium in Koblenz endet mit den Worten: „So glaube ich also sagen zu dürfen, dass der reizbare, eitle Sinn Beckers den Hass gegen Schüler, die ahnungslos vor ein bis eineinhalb Jahren ihn gelegentlich neckten, genährt und bis zum Mord gesteigert habe. Das Nähere wird die gerichtliche Untersuchung ergeben, welche uns gewiss noch Störungen genug bereiten wird.“

Im Prozess, der im November desselben Jahres stattfindet, wird Becker wegen versuchten Mordes und versuchtem Totschlag angeklagt, jedoch wegen zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit von den Geschworenen freigesprochen. Prozessakten, die ausführlich Auskunft geben könnten, sind nicht mehr vorhanden. In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs sind sie verbrannt. Julius Becker kehrt nicht mehr an das Saarbrücker Gymnasium zurück. Sein Abitur legt er ein Jahr später am Wormser Großherzoglichen Gymnasium ab. Sein weiterer Lebensweg ist durch ständige Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten gekennzeichnet. Was letztendlich aus ihm wurde und wann genau er starb, ist nicht bekannt. Seine Spur verliert sich im Dunkeln.

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