Saarbrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Annie Dorsen erschafft mit KI Theaterstücke, die sich live entwickeln

Eine der KI-generierten griechischen Masken, die jeden Abend andere Versionen des Theaterstücks „Prometheus Firebringer“ aufführ
Eine der KI-generierten griechischen Masken, die jeden Abend andere Versionen des Theaterstücks »Prometheus Firebringer« aufführen. Die New Yorkerin Annie Dorsen spricht danach mit den Besuchern ihres Stücks.

Künstliche Intelligenz hat es in rekordverdächtigem Tempo in den Alltag vieler Menschen geschafft. Die amerikanische Theaterregisseurin Annie Dorsen, die auf Einladung der Saar-Uni gerade in Deutschland ist, befasst sich in ihren Stücken seit vielen Jahren mit der Technologie. Sie hat Maximilian Kuntz erklärt, wie KI bei ihr Teile der fehlenden Geschichte erstellt.

Es ist Ende November 2022, als Sam Altman, Geschäftsführer des amerikanischen Start-ups OpenAI einen zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Chatbot mit dem Namen ChatGPT3 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Von Künstlicher Intelligenz haben zu diesem Zeitpunkt zwar schon viele etwas gehört, doch wirklich greifbar scheint sie nicht. Etwas mehr als ein Jahr später ist der Begriff, kurz KI genannt, nicht mehr aus der Öffentlichkeit wegzudenken.

Unternehmen sorgen sich um ihr Geschäftsmodell oder überlegen, wie sie KI-Technologien zur Verbesserung ihrer Produktivität einsetzen können. In den USA gehen Schauspieler auf die Straße, weil sie sich sorgen, dass Künstliche Intelligenz künftig ihre Jobs überflüssig machen könnte. Kein Bereich, so scheint es, ist vor den rapiden Veränderungen, die mit KI einhergehen, sicher.

Eine, die sich schon früh mit der Technologie beschäftigte, ist die Amerikanerin Annie Dorsen. Bereits vor 15 Jahren setzte sie die Technik in einem Bereich ein, an den wohl die wenigsten auf Anhieb denken: dem Theater. Letztes Jahr startete die 51-Jährige ihr neustes Projekt „Prometheus Firebringer“ in dem sie das KI-Modell GPT-3 nutzt, um spekulative Versionen der fehlenden Geschichte zu erstellen.

Jeden Abend führt ein Chor aus KI-genierten griechischen Masken eine andere Version des Stücks auf, über die das Publikum in Anschluss mit Dorsen sprechen kann. Zurzeit befindet sich die Theaterregisseurin auf Einladung der Universität des Saarlandes in Deutschland, wo sie unter anderem einen Workshop durchführt und Diskussionsveranstaltungen besucht. Mit der RHEINPFALZ hat sie über die Technologie und ihre Auswirkungen auf das Theater und die Gesellschaft gesprochen.

Frau Dorsen, Sie sagen, dass Sie schon vor rund 15 Jahren begonnen haben, sich mit algorithmischem Theater zu befassen. Warum haben Sie so früh ein Interesse für Technologien dieser Art entwickelt?
Ich wollte damals ein Stück kreieren, das auf der Debatte zwischen Noam Chomsky und Michel Foucault aus den frühen 70er-Jahren beruht. (Das war eine berühmte Fernsehdebatte zwischen einem Philosophen und einem Linguisten und Aktivisten). Die Idee war, dass sich zwei große Denker gegenüberstehen und darüber diskutieren, was die menschliche Natur ist, was Sprache ist und was Kreativität ist. Ich dachte, das wäre ein interessanter Text, mit dem man sich in einer Aufführung beschäftigen könnte. Ein Freund schlug mir vor, einen alten Aufsatz von Alan Turing über Rechenmaschinen und Intelligenz aus dem Jahr 1950 zu lesen. Dieser Aufsatz ist ziemlich spannend. Er sagt im Grunde, dass wir nicht wissen, wie Menschen denken. Wir wissen nicht mal wirklich, was Denken ist. Der Versuch, eine denkende Maschine zu bauen, scheint daher ein wenig fantasievoll zu sein, weil man nicht weiß, was man ihr beibringen will. Würde man aber eine Maschine erschaffen können, die Sprache produzieren kann und die einen Menschen dazu bringen könnte, zu glauben, dass die Sprache von einem anderen Menschen geschaffen wurde, dann würde das die Voraussetzung der maschinellen Intelligenz erfüllen. Als ich das gelesen habe, dachte ich: Oh, das ist in gewisser Weise Theater. Denn es geht darum, eine Illusion für ein Publikum zu schaffen. Das Werkzeug, mit dem diese Illusion erzeugt wird, ist die Sprache und der Dialog. Ich wurde neugierig, wie das Publikum ein Stück erleben würde, das sich in Echtzeit entfaltet und nicht vorher geschrieben wurde. In der Folge entstand das Stücke „Hello Hi There“ in dem zwei Computer in jeder Vorstellung einen improvisierten, menschenähnlichen Text erstellen. Von da an fing ich an, viel über Technologiephilosophie zu lesen und mich mit wissenschaftlicher Literatur über natürliche Sprachprogrammierung und Linguistik zu beschäftigen.

In der Öffentlichkeit wird viel über die Veränderungen diskutiert, die KI für die Filmbranche bedeuten könnte. Wie wird sich das Theater verändern?
Ehrlicherweise finde ich die Technologie ästhetisch nicht sonderlich ansprechend. Ich sehe es eher als ein Angebot an, das Arbeits- und wirtschaftliche Beziehungen verändern wird. Das liegt zum Teil daran, dass die großen Sprachmodelle und die Bildgeneratoren mit statistischen Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Wenn man es also mit statistischen Wahrscheinlichkeiten zu tun hat, konvergieren die Ergebnisse unweigerlich zu einem Mittelwert. Man hat es also gewissermaßen mit dem Mittelmaß zu tun. Wenn man zum Beispiel mit ChatGPT herumspielt, sieht man eine Menge Banalitäten. Vielleicht ist es aufregend, weil man nicht glauben kann, dass es diese Dinge tun kann. Das nutzt sich jedoch ab und man stellt meistens fest, dass die Ergebnisse sinnlos sind. Für mein Theater sehe ich also nicht wirklich eine Veränderung. In Bezug auf das, was wir auf der Bühne sehen, werden sich die Strukturen und die Möglichkeiten für Künstler, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verändern. Sofern wir das zulassen. Das hätte zur Folge, dass wir eine Menge wirklich schlechtes Material hervorbringen. Zudem würde der Druck auf die Arbeitnehmer steigen und es würde viel schwieriger, einen existenzsichernden Lohn zu verdienen. Für mich persönlich habe ich in Bezug auf das Theater derzeit also eher den Standpunkt: „Ich werde das Zeug nicht mehr benutzen“. Ich denke, mein Beitrag ist interessant, weil ich die Dozentin bin. Aber das, was ChatGPT hervorgebracht hat, ist ein Beispiel für etwas, was für sich genommen nicht besonders spannend ist.

Haben Sie Angst vor Künstlicher Intelligenz?
Ich habe keine Angst in Hinblick darauf, dass ich jetzt die Apokalypse heraufbeschwöre oder irgendeine ähnliche Fantasie. Ich würde eher sagen, dass ich unglücklich bin.

Wegen der Effekte auf die Gesellschaft?
Ja. Den Schäden, die diese Technologie bereits angerichtet hat, wird nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Sie wird stattdessen auf ein womöglich in Zukunft auftretendes schlechtes Szenario gelegt. Aber schon heute verursachen diese Werkzeuge und Produkte Schaden. Und es wäre schön, wenn wir uns darauf konzentrieren würden und nicht auf Weltuntergangsszenarien in ferner Zukunft. Aber vielleicht macht es mehr Spaß, über die eine Sache zu reden als über andere.

Sehen Sie auch Chancen wegen der KI?
Ich habe in Hinblick darauf keine eindeutige Meinung, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Ich habe noch nicht gesehen, wozu es wirklich gut ist. Als ich an „Prometheus Firebringer“ gearbeitet habe, habe ich gescherzt, dass diese Werkzeuge wirklich gut dafür geeignet sind, ein Stück zu machen, das die Werkzeuge kritisiert. Was ich eigentlich sagen will: Vielleicht ist es wie bei Kryptowährung eine technologische Lösung für ein Problem, das gar nicht existiert. Wir haben also diese Technologie, aber suchen immer noch nach dem Problem, das sie lösen wird. Und das ist rückwärtsgewandt. Es wäre fantastisch, wenn dieselben Köpfe, die an Verbreitungsmodellen forschen, zunächst mit den Menschen darüber sprechen würden, was sie brauchen, und dann vielleicht etwas entwickeln.

Was erwarten Sie sich von ihrem Besuch hier?
Ich freue mich, eingeladen worden zu sein und mit den Leuten hier zu sprechen. Seit der Pandemie bin ich viel zu Hause geblieben. Dadurch bin ich unglaublich tief in den US-Kontext des Diskurses zu diesen Themen eingetaucht. Mein Besuch hier ist eine gute Gelegenheit zu sehen, wie die Leute in einem anderen Kontext darüber denken.

Die New Yorker Theaterregisseurin Annie Dorsen hat schon vor 15 Jahren KI-Techniken im Theaterbereich eingesetzt.
Die New Yorker Theaterregisseurin Annie Dorsen hat schon vor 15 Jahren KI-Techniken im Theaterbereich eingesetzt.
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