Rhein-Pfalz Kreis Wie schön

Berge, Seen, Panoramen – gibt es in Mutterstadt nicht. „Trotzdem ist es ein interessantes und sehenswertes Dorf“, sagt RHEINPFALZ-Fotograf Bernhard Kunz. In einem Bildband, den die Gemeinde zur 1250-Jahr-Feier herausgibt, zeigt er Mutterstadt aus außergewöhnlichen Perspektiven. Keine leichte Aufgabe für den Profi. Denn den eigenen Heimatort ins rechte Licht zu rücken, ist wohl eine der größten Herausforderungen überhaupt.
«Mutterstadt.» Bernhard Kunz hat schon so einiges erlebt. Neun Fußball-Weltmeisterschaften hat er als Fotograf begleitet, 2014 auch den Triumph der deutschen Nationalmannschaft in Brasilien. Bei 16 Olympischen Spielen war er dabei, zuletzt vergangenes Jahr im Sommer in Rio de Janeiro. Kunz weiß, wann er auf den Auslöser drücken muss, wann der beste Moment für den besten Augenblick ist. Hinter der Kamera gibt es nichts, was ihn überraschen könnte. Sollte man meinen. Doch dann entstand diese Idee, Kunz und Hans-Dieter Schneider (SPD), der Mutterstadter Bürgermeister, haben sie gemeinsam geboren, sagen sie. Zur 1250-Jahr-Feier des Ortes sollte ein Bildband erscheinen, der Mutterstadt so zeigt, wie es heute ist. „Wir wollten keine historischen Aufnahmen“, sagt Schneider, „die finden in einer Ortschronik ihren Platz.“ Der Ehrgeiz von Kunz war geweckt. Ein Bildband über das eigene Heimatdorf, „der Reiz war kolossal“, sagt der 69-Jährige, der seit 40 Jahren für die RHEINPFALZ fotografiert. Und die Herausforderung auch. Damit hatte Kunz nicht unbedingt gerechnet. „In Mutterstadt gibt es keine Berge, keinen Fluss, keinen See, kein Panorama“, sagt der Profi-Fotograf. All das, was in einem Hochglanz-Bildband normalerweise zu sehen ist, fehlt hier also. „13.000 zumeist nette Menschen, viel Gemüse, geschäftiges Treiben“, schreibt Schneider im Vorwort des Bildbandes, „nichts Besonderes – oder doch?“ Es galt, „aus wenig viel zu machen“, sagt Kunz und lacht, „denn Mutterstadt ist ein interessantes und sehenswertes Dorf.“ Gut zwei Jahre lang war Kunz unterwegs – frühmorgens, spätabends, bei Kälte und Hitze, Mutterstadt zu allen Jahreszeiten. „Nicht jedes Foto ist direkt in die Kamera gesprungen“, sagt er. Feuerwehr, Feste, Felder, all das Alltägliche hat Kunz natürlich festgehalten. „Es gehört zu Mutterstadt“, sagt er. Und doch hat er sie ebenfalls gefunden, diese äußergewöhnlichen Blickwinkel, jene „besonderen Perspektiven, die man in Mutterstadt nicht unbedingt erwartet“ – und die dem Buch nun seinen Namen geben: „Perspektive Mutterstadt.“ Von unten – oder von oben etwa. Kunz hat eine Kamera-Drohne zum goldenen Hahn auf dem Kirchturm steigen lassen. Die ideale Rundumsicht inklusive Weitblick. Schneider sagt: „So eine Aufnahme hatten wir bislang noch nicht.“ „Es war nicht einfach, Tauben haben die Drohne angegriffen“, erzählt Kunz. 1500 Bilder, schätzt er, sind letztlich zusammengekommen. Tagelang habe er mit dem Bürgermeister vor dem Computerbildschirm zusammengesessen, um eine Auswahl zu treffen. „Wir hätten sicher die doppelte Größe an Bildband produzieren können.“ Etwa 90 Seiten sind es am Ende geworden, mal kleinteilig, mal großformatig bebildert. Bei der Gestaltung des Buches konnte Schneider auf seine Erfahrungen und Kontakte bei einer Werbeagentur zurückgreifen, für die der studierte Grafik-Designer arbeitete, bevor er Bürgermeister wurde. Die Fotos bringen Schneider derweil regelrecht ins Schwärmen. „Wenn Bilder für sich sprechen, braucht man keinen Text“, sagt er. Erklärende Stücke sind daher sehr kurz ausgefallen. Eines der letzten Fotos entstand erst Anfang Juli, erzählt Kunz. Während der Trauerfeier für Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl begleitete er dessen Überführung von Straßburg nach Ruchheim in einem Hubschrauber. Er nutzte die Gelegenheit für beeindruckende Luftaufnahmen der Autobahn und der Felder. „Sogar ein Traktor fährt über den Acker“, sagt Kunz. Das Fotografieren für die RHEINPFALZ sei seine Leidenschaft, sagt Kunz. Aber es ist auch eine Pflicht. „Ein Buch zu machen, ist das I-Tüpfelchen.“ Bei etwa 20 Projekten hat er mitgewirkt, zehn eigene Bücher hat er veröffentlicht. Nun das erste über seinen Heimatort, für ihn ein ganz besonderes natürlich. Mit dem Ergebnis ist er nun zufrieden. Besonders gerne erinnert sich Kunz dabei an die Entstehung des Fotos, das den Abschluss des Buches bildet. Jahreswechsel 2015/2016: Schneider organisiert den Schlüssel des Wasserturms – und gibt ihn Bernhard Kunz. Der genießt dort oben mit seiner Frau Gaby das Silvester-Feuerwerk über Mutterstadt. Raketen steigen in den Himmel. Doch für Romantik ist wenig Zeit. „Nicht einmal eine Flasche Sekt hatten wir dabei“, sagt Kunz und lacht erneut. Im Folgejahr ist es dann neblig, an diesem Abend aber ist alles klar. Ein guter Fotograf weiß eben, wann er auf den Auslöser drücken muss. Termin Erstmals wird das Buch „Perspektive Mutterstadt“ am Kerwesonntag von 14 bis 18 Uhr im Erdgeschoss des Historischen Rathauses verkauft. Es kostet 30 Euro, 2000 Exemplare wurden vorerst gedruckt. Nach der Kerwe verkauft die Gemeinde den Bildband an der Rathaus-Kasse, Zimmer 102.