Dannstadt-Schauernheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wie es ein Pfälzer Spitzenbuch nach Polen geschafft hat

 Spitzenklöppeln hat Gisela Graff-Höfgen in der Schweiz gelernt. Beim Sommerworkshop in Polen war es ebenfalls Thema.
Spitzenklöppeln hat Gisela Graff-Höfgen in der Schweiz gelernt. Beim Sommerworkshop in Polen war es ebenfalls Thema.

In der Welt der Spitzen ist Gisela Graff-Höfgen eine absolute Expertin, ihr Buch über die filigrane Handarbeit ist so etwas wie ein Standardwerk. Nun ist es auf Polnisch erschienen. Denn in Oppeln gab es eine Ausstellung über die Geheimnisse der schlesischen Spitze. Und da ist Fachwissen gefragt.

Erstmals 1974 behandelt und heute noch genauso aktuell wie damals? Das schafft wirklich nur ein „Spitzen“-Thema. Vor 46 Jahren fasste die am Niederrhein geborene Autorin Gisela Graff-Höfgen ihre über Jahre in Bibliotheken, Museen und durch Gespräche gewonnenen Rechercheergebnisse in ihrem Werk „Schlesische Spitzen. Eine Dokumentation über schlesische Klöppel- und Nadelspitzenherstellung“ zusammen. Um die seit 1945 in Schlesien abgerissene Tradition der Spitzenherstellung als wichtiges Kulturerbe in Erinnerung zu bringen und damit ein Stück weit wiederzubeleben, rief die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) aus Mitteln des Nationalen Kulturzentrums in Warschau und des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland passend zum Programm „Etno-Polska 2020“ ein Spitzen-Projekt übers Jahr ins Leben. Dieses beinhaltete neben einer Sommerakademie zum Erlernen des Handwerks auch eine Ausstellung im Oppelner Woiwodschaftsmuseum mit dem Titel „Geheimnisse der schlesischen Spitzen. Geschichte, Tradition in Gegenwart“ und eben die Neuherausgabe von Graff-Höfgens Standardwerk mit einer Auflage von 1000 Stück in polnischer Sprache.

Schon als Mädchen für Textilien interessiert

„Auf einmal bekam ich einen Brief, ob ich die mit dem Buch wäre“, erzählt die Schauernheimerin über die erste Kontaktaufnahme der SKGD. Es folgte ein Besuch der Initiatorin des Projekts, Beata Kubica, und ihres Partners Gerhard Schiller bei ihr in der Pfalz. Dabei gab sie den beiden auch ihre Originalexponate schlesischer Nadelspitze aus dem 19. Jahrhundert für die Ausstellung mit. Als Enkeltochter eines Webers und Nichte zweier Näherinnen habe sie sich schon als junges Mädchen für Textilien interessiert, verrät die Liebhaberin zarter duftiger Gewebe über die Anfänge ihrer Leidenschaft. Mit Schmunzeln erinnert sich Graff-Höfgen an die geflügelten Worte ihrer Familie: „Die Gisela kann alles gebrauchen.“

Vor etwa 50 Jahren lernte sie dann im Zug eine ältere Dame kennen, die aus Hirschberg im Riesengebirge kam und ihr von der früheren Spitzenfabrikation dort erzählte. Nach diesem Schlüsselerlebnis und der Lektüre eines Buches von Leni Matthaei, das ihr Mann Dieter von einer Geschäftsreise aus Bremen mitbrachte, konzentrierte sich ihr Interesse fortan auf die Spitzenkunst. Seither hat sie eine Reihe von Büchern über Spitzenherstellung veröffentlicht, darunter auch ein Lexikon zur Spitzenkunde. Sie selbst hat das Klöppeln, eine Technik, bei der die Fäden auf sogenannten Klöppeln aufgewickelt sind und durch Kreuzen und Drehen sowie durch Festhalten der Fäden mittels Stecknadel filigrane Ornamente entstehen, in der Schweiz gelernt.

Eine kniffelige Arbeit

„Echte schlesische Spitze ist aber keine Klöppel-, sondern Nadelspitze“, weiß die Fachfrau. Diese entsteht aus nur einem Faden. Die Näherin beginnt ihre Arbeit, indem sie ein gestochenes Muster auf ein Stück doppelte Leinwand heftet. Daraufhin erfolgt die kniffelige Arbeit des Trassierens, das Auflegen und Befestigen des Garns entlang der Umrisslinien, Stechen durch Stoff und Papier, Füllen des Gerüsts und die Ausarbeitung des Reliefs. Schließlich werden die Stofflagen vorsichtig auseinandergerissen.

Meist waren es Bäuerinnen, die diese aufwendige Handarbeit leisteten. Sie konnten sie, da leicht transportabel, zu ihrer Feldarbeit mitnehmen oder lange Winterabende dafür nutzen. Natürlich mussten ihre Hände sauber sein und durften keine Risse haben, um die teils haarfeinen Garne aus Baumwolle oder Leinen nicht zu beschmutzen oder zu verletzen. Viele Segmente von oft verschiedenen Arbeiterinnen wurden dann später in den Spitzenschulen oder Manufakturen zu einem Ganzen zusammengefügt, zu Schleiern und Dekorationsstoffen verarbeitet und gerne zum Verschönern von Gewändern, Tafelzeug oder Wäsche in Adelshäusern verwendet. Nur Eliten konnten sich diesen Luxus leisten. An dem Brautschleier der Herzogin Viktoria Luise von Braunschweig arbeiteten beispielsweise 60 Näherinnen ein halbes Jahr lang, kann man in Graff-Höfgens Werk nachlesen.

800 Spitzen-Bücher zu Hause

Sie selbst hat ein geschultes Auge und kennt den Wert der grazilen Gebilde. „Wer was davon versteht, sieht sofort, was sie gekostet haben“, weiß sie als Expertin. Daher sind es auch echte Kostbarkeiten, die sie für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat – und auch zurückbekommen wird. Sie gehören zu ihren Schätzen, neben den 800 Spitzen-Büchern, die in Regalen übers Haus verteilt untergebracht sind sowie den Garnen und Werkzeugen, die jeweils ein ganzes Schränkchen füllen. Gisela Graff-Höfgen liebt ihr Spitzen-Thema und darüber zu reden. Über ihr Alter weniger gerne. Sie ist froh, dass sich Spitzen heute wieder größerer Beliebtheit erfreuen und die Ausstellung, die coronabedingt „nur“ einen Monat für Publikumsverkehr geöffnet sein konnte, guten Zuspruch hatte. Ihr Wissen, gleichfalls das über Wein als ihr weiteres Fachgebiet, möchte sie auch zukünftig an Interessierte weitergeben. Am liebsten, bis sie 100 Jahre alt ist.

Blick in die Ausstellung „Die Geheimnisse der Schlesischen Spitze“ im Woiwodschaftsmuseum in Oppeln.
Blick in die Ausstellung »Die Geheimnisse der Schlesischen Spitze« im Woiwodschaftsmuseum in Oppeln.
Projekt-Initiatorin Beata Kubia (links) im Klöppelworkshop in Krapkowice
Projekt-Initiatorin Beata Kubia (links) im Klöppelworkshop in Krapkowice
Teneriffaspitze aus den 1930er-Jahren.
Teneriffaspitze aus den 1930er-Jahren.
Die Neuauflage des Buchs.
Die Neuauflage des Buchs.
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