Rhein-Pfalz-Kreis
Was zum Hackerangriff auf die Kreisverwaltung bekannt ist
Bei der Kreisverwaltung in Ludwigshafen geht so gut wie gar nichts mehr. Die Telefonanlage, Computer und Server sind heruntergefahren. Auch das Arbeiten von zu Hause ist nicht mehr möglich. Wie lange der Ausfall dauern wird, kann Pressesprecherin Kornelia Barnewald am Montagnachmittag noch nicht sagen. Ende vergangener Woche sei EDV-Mitarbeitern der Verwaltung aufgefallen, dass große Datenmengen aus dem System entnommen wurden – ein Zeichen für eine Attacke durch Cyberkriminelle.
„Wir suchen händeringend nach Lösungen, wie wir alternativ arbeiten können“, teilte Barnewald auf Anfrage mit. „Es geht erst mal darum, alle zu verständigen und die Leute zu beraten, die persönlich ins Kreishaus kommen.“ Ansonsten werde provisorisch analog gearbeitet und priorisiert, welche Abteilungen am dringendsten Zugang zu Computern brauchen. Verschiedene Lösungen, wie es in den nächsten Tagen weitergehen soll, würden intern geprüft. Zum Beispiel stehe die Idee im Raum, benachbarte Verwaltungen um Amtshilfe zu bitten.
Kfz-Zulassungen in Außenstellen möglich
Die Kommunen im Rhein-Pfalz-Kreis wurden am Montagmorgen über den Messenger-Dienst Whatsapp über den Cyberangriff informiert und um Ausweichquartiere für Kreismitarbeiter gebeten. In der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim zum Beispiel hat man umgehend reagiert, schon am Nachmittag wurde laut Bürgermeister Michael Reith (SPD) ein Angebot unterbreitet: Ab Dienstag könnten vier Angehörige der Kfz-Zulassungsstelle in deren Heßheimer Außenstelle ziehen und zu erweiterten Öffnungszeiten Anträge bearbeiten, weil dies über das IT-Netzwerk der Gemeindeverwaltung laufen kann. Auch die Zulassungsstelle in Dudenhofen bleibt geöffnet. Allerdings: „Wir brauchen zusätzliche Hardware und Zugänge für die Programme, das geht also nicht sofort“, sagte Kreissprecherin Barnewald.
Zehn weitere Beschäftigte könnten laut Reith in den beiden Bürgerbüros und in Besprechungsräumen der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim unterkommen und teils sogar mit Notebooks ausgestattet werden. Damit hätten die Mitarbeiter zwar keinen Zugriff auf die noch gesperrte EDV des Landkreises und damit auf die Programme der einzelnen Abteilungen, aber zumindest könnte die elektronische Kommunikation und das Arbeiten mit PC statt auf Papier sichergestellt werden. In den anderen Kreiskommunen wurde am Montag ebenfalls fieberhaft über Hilfsangebote nachgedacht.
Kreisverwaltung liegt Bekennerschreiben vor
Spezialisten des Landeskriminalamts kamen am Montagnachmittag ins Kreishaus, um zu prüfen, wie weit die Systeme betroffen sind. Bei der Verwaltung geht man davon aus, dass diese Prüfung einige Tage dauern wird. Nach Angaben von Thorsten Mischler, Sprecher des Polizeipräsidiums Rheinpfalz in Ludwigshafen, wurde eine Ermittlungsgruppe mit Beamten der Kriminalpolizei und Experten für Cyberkriminalität vom Landeskriminalamt eingerichtet. Das genaue Ausmaß und der Schaden seien noch nicht bekannt, sagte Mischler.
Laut Landrat Clemens Körner (CDU) liegt der Kreisverwaltung ein mutmaßliches Bekennerschreiben einer Gruppe aus dem „russischem Raum“ vor, die bekannt dafür ist, Bereiche aus dem Gesundheitswesen anzugreifen. „Das sind keine Laien“, sagte Körner. Ihm zufolge ist ein Server verschlüsselt. Demnach handele es sich um eine Erpressung. Eine Lösegeldforderung gebe es bis dato nicht, sagte Körner am Montagnachmittag im RHEINPFALZ-Gespräch. Wer wirklich hinter dem Angriff steckt, ist Teil der polizeilichen Ermittlungen. Das Ganze habe strafrechtliche Relevanz. „Es ist noch nicht absehbar, wann wir wieder arbeiten können. Ich bin normal guter Dinge, aber wir müssen uns erst einmal auf einen Notbetrieb einstellen“, sagte der Landrat.
Bessere IT-Sicherheit gefordert
Misbah Khan, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Mitglied im Ausschuss für Digitales aus dem Wahlkreis Neustadt-Speyer, sprach sich vor dem Hintergrund des Angriffs für eine bessere IT-Sicherheit in den Verwaltungen aus: „Wir müssen den Schutz der kritischen Infrastruktur und unserer öffentlichen Verwaltung endlich ernst nehmen und konsequent umsetzen.“ CDU-Landtagsabgeordneter Michael Wagner hat den Cyberangriff auf die Kreisverwaltung zum Anlass genommen, in einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung nach der Sicherheit der landeseigenen Einrichtungen und Behörden in seinem Wahlkreis (Speyer) zu fragen.