Rhein-Pfalz Kreis Vorlesestunde bei Bratapfelduft
Ich bin ein richtiger Lesebiber, das wisst ihr ja. Und jetzt, wo die Tage kürzer werden und das Wetter schlechter, lese ich besonders gern. Mit einer Tasse Tee oder Kakao kuschle ich mich auf dem Sofa in die dicke Decke und tauche ein in die faszinierende Welt der Bücher. Das ist besonders gemütlich, wenn dicke Regentropfen ans Fenster prasseln.
„Zum Herbst und Winter gehörte für meinen Großvater und mich der knisternde Ofen, auf dem meine Oma Bratäpfel mit Zimt und Rosinen für uns gebraten hat und ein spannendes Buch, wenn ich vom Drachensteigen oder Schlittenfahren abends nach Hause kam“, hat mir Birgit Bauer, die Leiterin der Mutterstadter Gemeindebibliothek, neulich erzählt. Ich war nämlich bei ihr, um mir ein paar neue Bücher für die Herbsttage auszuleihen. Und Birgit Bauer hat immer tolle Tipps parat und kennt sich richtig gut aus. Sie organisiert auch oft spezielle Buchveranstaltungen für Kinder: die Bücherfresser und die Bücherminis. Birgit Bauer hat mir diesmal zwei Bücher empfohlen, die ich nur vom Titel kannte: Räuber Hotzenplotz und Pinocchio. Das sind nämlich mit ihre liebsten Kinderbücher. Ihr Opa hat sie ihr immer vorgelesen – zum Beispiel, wenn sie und ihre Puppe Petra mit ihm bei Bratapfelduft auf einem alten grauen Sofa im Wintergarten zwischen vielen weichen Kissen saßen. In der Wormser Bücherei – in der Stadt ist Birgit Bauer aufgewachsen – hat ihr Opa damals Bücher ausgeliehen. So wie ich neulich in Mutterstadt. „Er hat seine Faszination für Bücher auf mich übertragen. Mein Großvater hat alles gelesen, was ihm in die Finger kam“, hat mir Birgit Bauer erzählt – und sie muss sehr begeistert sein. Sie arbeitet schließlich täglich mit Büchern. Von ihrem Opa hat sie auch viel über Bücher erfahren. Zum Beispiel, dass für das Kasperle-Theater mit Seppl, Wachtmeister Dimpfelmoser und dem Räuber Hotzenplotz, sowie dem Zauberer Petrosilius Zwackelmann und der Fee Amaryllis ein Buch die Grundlage war. Faszinierend. Das wusste ich auch noch nicht. Als ich noch kleiner war und noch nicht lesen konnte, hat mir Oma Nagute immer Märchen erzählt. Wisst ihr, das Märchenerzählen hat eine lange Tradition. Vor langer Zeit, als es noch keinen Fernseher oder Computer gab und auch noch nicht jeder Bücher zu Hause hatte, saßen die Menschen abends zusammen und haben sich Geschichten erzählt. Manchmal lustige, manchmal auch gruselige. Die handelten von schönen Prinzessinnen, guten Feen, bösen Hexen oder wilden Wölfen. Es gab auch Märchenerzähler, die von Ort zu Ort zogen und den Menschen die Geschichten über verwunschene Schlösser oder weite Reisen erzählten. Zwei Männer, ihr kennt sie garantiert, waren ganz begeistert von solchen Geschichten: Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Sie haben die Erzählungen gesammelt und aufgeschrieben. So sind die Grimm’schen Märchen entstanden, die von Hänsel und Gretel, dem Froschkönig oder Schneewittchen handeln. Vor über 200 Jahren, im Jahr 1812, erschien ihr erstes Buch „Kinder- und Hausmärchen“. Heute sind die Märchen in mehr als 160 Sprachen übersetzt und überall auf der Welt bekannt. Die italienische Geschichte von der sprechenden Holzpuppe Pinocchio, die so gerne ein echter Junge sein wollte, ist zwar nicht von den Brüdern Grimm, aber trotzdem toll zum Vorlesen und erzählen, findet Birgit Bauer. „Genauso wie die Kinder heute konnte ich die Geschichten, die mir gut gefielen, nicht oft genug vorgelesen bekommen“, erzählte sie mir. „Und ich habe die Geschichten dann später, als ich selber lesen konnte und eigentlich nicht mehr im entsprechenden Alter war, auch immer noch gerne gelesen, wenn ich zum Beispiel mit Grippe im Bett lag oder einfach als Erinnerung an eine schöne Zeit.“ Das kenne ich. Und wisst ihr was? Ich drücke meine ausgeliehenen Bücher heute Abend auch mal Opa Nörgel in die Hand. Vielleicht macht Oma Nagute ja auch ein paar Bratäpfel. So wie es bei Birgit Bauer früher war.