Otterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Missbrauchsprozess: Das sagt die Therapeutin des mutmaßlichen Opfers

Die nächste Verhandlung vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Frankenthal ist am 14. Juli.
Die nächste Verhandlung vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Frankenthal ist am 14. Juli.

Ein Ludwigshafener soll einen damals etwa 13-jährigen Jungen auf einem Campingplatz mehrfach sexuell missbraucht haben. Was die Therapeutin des mutmaßlichen Opfers dazu sagt.

Hat ein inzwischen 58-jähriger Ludwigshafener von etwa 2013 bis 2015 auf einem Campingplatz in Otterstadt und am Binsfeldsee einen Jungen, der zwölf bis 15 Jahre alt war, mehrfach sexuell missbraucht? Das versucht die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Frankenthal herauszufinden.

Weit über 100 Vorfälle soll es gegeben haben. In der Anklage geht es um insgesamt vier Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs und des sexuellen Missbrauchs eines Kindes. Der Angeklagte hat bereits am ersten Verhandlungstag, Anfang Juni, die Vorwürfe entschieden zurückgewiesen. „Das war alles ganz normal“, versicherte der Angeklagte auch am Montag.

Die Eltern des inzwischen 25-Jährigen waren seit vielen Jahren mit dem Angeklagten und seiner Lebensgefährtin eng befreundet. Beide Familien haben Parzellen auf dem Campingplatz in Otterstadt. Der 25-Jährige hat in dem Prozess mehrfach berichtet, dass der Angeklagte für ihn ein Onkel war, den er schon immer kannte. Er habe ihm vertraut und sei zu ihm gegangen, wenn er Probleme gehabt habe. Zeitweise sei er seine einzige Bezugsperson gewesen.

Posttraumatische Belastungsstörung des mutmaßlichen Opfers

2023 hatte der junge Mann den Angeklagten angezeigt. Er habe sich dazu entschlossen, weil er wolle, dass der Angeklagte „Verantwortung übernimmt, für das, was er getan hat“, so der 25-Jährige.

Nach Angaben einer Ärztin und Therapeutin leidet der 25-Jährige an einer komplexen, posttraumatischen Belastungsstörung. „Das kann man nicht vorspielen“, sagte die Therapeutin auf eine entsprechende Frage der Vorsitzenden Richterin Mirtha Hütt. Thomas Franz, Anwalt des 25-Jährigen, wollte wissen, ob die komplexe posttraumatische Belastungsstörung andere Ursachen, etwa die instabile Familiensituation, haben könnte. Auch das verneinte die Therapeutin. Angstattacken, Freudlosigkeit, Schlafstörungen, gedrückte Stimmung, Konzentrationsstörungen, Essstörungen, Ekel vor dem eigenen Körper, Schuldgefühle, extremes Misstrauen und Probleme mit dem Selbstwertgefühl – dies sind einige der Symptome, die sie der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung zuordnete.

Emotionale Abhängigkeit vom mutmaßlichen Täter

An Schuldgefühlen leide der 25-Jährige, weil er sich nicht gewehrt habe und immer wieder zu dem Angeklagten gegangen sei. Doch das Kind sei gar nicht in der Lage gewesen, sich aus der Abhängigkeit von dem Mann zu befreien. Zwischen dem Angeklagten und dem Kind habe „ein massives Machtgefälle“ bestanden. Auch sei der Junge von dem Angeklagten, der für ihn lange ein sicherer Ort gewesen sei, emotional abhängig gewesen. „Kinder halten viel aus, um sich eine Bezugsperson zu erhalten“, sagte die Therapeutin.

Schuld- und Schamgefühle nannte die Therapeutin als einen Grund, warum der Nebenkläger erst nach Jahren Anzeige erstattet hat. Zudem wisse der 25-Jährige, dass für das Gericht genaue Details und Abläufe sowie exakte Daten wichtig sind. Es sei jedoch ein natürlicher Schutzmechanismus des Körpers, dass der Zugriff auf Erinnerungen „teilweise blockiert ist“, was bedeutet, dass man sich nicht an alles erinnern könne.

Stationäre und ambulante Therapie

Eine zehn Wochen dauernde stationäre Therapie und fast 80 Stunden ambulante Therapie hat der 25-Jährige nach Angaben der Therapeutin inzwischen absolviert. „Doch man kann nicht heilen, dass ein Mensch, dem man vertraut hat, solche Grenzen überschreitet“, sagte die Therapeutin. Ziel sei es, dass es der 25-Jährige schaffe, damit umzugehen.

„Ich glaube das nicht“, äußerte sich hingegen die Lebensgefährtin, der Angeklagte „würde so was nicht machen“. Die 55-Jährige ist nach eigenen Angaben seit ihrem 13. Lebensjahr mit dem Angeklagten zusammen. Zwischendurch habe dieser jedoch auch Beziehungen zu Männern und anderen Frauen gehabt. Die Frau äußerte die Vermutung, dass der 25-Jährige sich wegen eines massiven Streits an dem Angeklagten rächen wolle. Der Prozess wird am Montag, 14. Juli, 9 Uhr, fortgesetzt.

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