HANHOFEN RHEINPFALZ Plus Artikel Ungarn erinnern an Gebietsverluste vor 100 Jahren

Befestigt Bänder in den ungarischen Nationalfarben an der Stele, die die Hanhofener Partnerschaft mit Kondoros symbolisiert: Rob
Befestigt Bänder in den ungarischen Nationalfarben an der Stele, die die Hanhofener Partnerschaft mit Kondoros symbolisiert: Robert Bozidareric.

Eine ungewöhnliche Szenerie in Corona-Zeiten, irritierte, fragende Blicke vorbeikommender Auto- und Radfahrer: Kurz nach fünf am Sonntagnachmittag versammelten sich 30 Erwachsene und Kinder des ungarischen Kulturvereins Speyer zu einer Gedenkzeremonie an der Kondoros-Holzstele vor dem Schulkinderhaus in Hanhofen.

Aufgefallen war die größere Gruppe zuvor auch Spaziergängern. Die Mitglieder und Mitgeher des Kulturvereins hatten sich in Dudenhofen getroffen. Sie marschierten in Familien- und Bekanntenverbänden mehr oder minder Abstand haltend durch den Wald nach Hanhofen. Vorweg Robert Bozidareric in der Uniform ungarischer Pfadfinder mit einer kleinen ungarischen Fahne. Angekommen, knüpft er um die Stele schmale rot-weiß-grüne Bänder, andere entrollen ein Tuch mit aufgezeichneten Grenzverläufen. Anlass des Treffens sagt Bozidareric im Gespräch, sei der Friedensvertrag von Trianon vor 100 Jahren.

Durch die Unterzeichnung am 4. Juni 1920 habe das Land zwei Drittel seines Staatsgebietes und seiner Bevölkerung verloren. Über drei Millionen ethnische Ungarn wurden zu Minderheiten in den damaligen Staaten Jugoslawien, Tschechoslowakei, Rumänien sowie im ukrainischen Teil der Sowjetunion. „Für viele von uns ist Trianon ein nicht verheiltes Trauma“, sagt Bozidareric, dessen Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Ungarn Teil des Habsburgerreichs und – wie die österreichische Hälfte der Doppelmonarchie – ein Vielvölkerstaat. Zwischen 1938 und 1941 verbündete sich das regierende Regime mit Nazideutschland und versuchte, verlorene Gebiete zurückzuholen.

Trianon lange Tabu-Thema

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Ungarn Territorium des Ostblocks und Trianon ein Tabu-Thema. Erst 2010 führte die Regierung von Ministerpräsident Victor Orbán den Jahrestag des Friedensvertrags als nationalen Gedenktag ein. In der Abgrenzung zu anderen, nationalistisch-populistischen Organisationen seines Herkunftslandes will Bozidareric die Aktion des Kulturvereins nicht als politisches Statement verstanden wissen: „Losgelöst von Grenzen, die wir wie die Europäische Gemeinschaft nicht infrage stellen, sollte an dem Tag jeder Ungar seiner Landsleute, seines Volks gedenken.“

Auf die Frage, warum die Zusammenkunft an der Stele in Hanhofen stattfindet – die Gemeinde hat seit 1998 eine Partnerschaft mit der 1200 Kilometer entfernten ungarischen Kommune Kondoros –, antwortet er: „Sie ist weit und breit das einzige ungarische Symbol.“ Er habe Mails verschickt und versucht mit der Gemeinde Kontakt aufzunehmen, der aber letztlich nicht zustande gekommen sei.

Für Angela Schenck, Jahrgang 1980, wie einige mit ungarischen Wurzeln mit einem deutschen Partner verheiratet, ist es „wichtig zu wissen, woher man kommt“. Der 2019 gegründete Kulturverein biete ein Stück Heimat und ihren Kindern die Möglichkeit, die Sprache zu erlernen sowie das kulturelle Erbe weiterzuführen und Tradition zu bewahren. Zwischen 20 und 25 Buben und Mädchen besuchten den monatlichen Kindergartentreff, und 27 Schüler, Familienangehörige mitgezählt, den Unterricht in der Herkunftssprache zwei Stunden die Woche.

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