Maxdorf / Mutterstadt
Osterinterview: Warum der Tod keine Sackgasse ist
Frau Müller, Herr Schipper. Weihnachten oder Ostern?
Stefanie Müller: Ich hab’ sogar bei uns zu Hause an Weihnachten einen Osterhasen in die Krippe gestellt. Ich finde, die zwei Feste gehören einfach zusammen. Ich mag sogar Ostern mehr als Weihnachten. (lacht) Weihnachten, das ist Familie, das geht ans Herz. Ostern hat vielmehr Dimensionen. Es geht vom gemeinsamen Essen bis zu Leid, Tod und Hoffnung.
Heiko Schipper: Das ist bei mir ähnlich. Weihnachten ist der Beginn der Geschichte Jesu. Aber es geht auf Ostern hin. Mittlerweile ist das Osterfest für mich wichtiger geworden. Klar, als Kind war Weihnachten der Höhepunkt. Aber an Ostern im Gottesdienst von der dunklen Nacht ins Licht, das ist ein tolles Erlebnis.
Frau Müller, was mögen Ihre Kinder lieber?
Müller: Ostereier suchen im Garten ist schon toll, als wenn „nur“ das Christkind kommt und alles hinlegt. Wir haben während Corona viel ausprobiert. Das Osterfeuer im Garten ist seitdem fester Bestandteil.
Schipper: Das machen wir leider nicht. Aber das hat praktische Gründe. Wir bräuchten dann immer noch jemanden von der Feuerwehr, der aufpasst. Als ich noch in Pirmasens war, haben wir das immer gemacht, und es ist auch sehr gut angekommen. Die Menschen suchen und brauchen solche Symbole.
Müller: Und Ostern hat ja mehr Symbole als „nur“ die Krippe wie an Weihnachten. Angefangen an Palmsonntag, wenn die Osterkerze gestaltet wird.
Welche Themen, die uns in der heutigen Zeit bewegen, kommen in der Ostergeschichte vor?
Müller: Das große Thema, das mich auch privat beschäftigt, ist: Wie gehen wir mit Leid um? Was ist mit dem Tod? Jesus hat an Ostern alles selbst erlebt. Es ist nicht ein Gott, der fern ist. Das ist die Botschaft.
Schipper: Man merkt hier die tiefen Dimensionen des Glaubens, dass Leid und Tod nicht ausgeklammert werden. Oft wird einem bei einer Religion ja versprochen, dass alles immer toll ist. Im christlichen Glauben gehört das Leiden dazu. Aber das Leiden hat nicht das letzte Wort. Das ist das Wichtigste. Der Tod ist nicht das Ende. Es geht weiter. Der Tod ist keine Sackgasse. Das ist Ostern.
Müller: Die Ostergeschichte geht ja noch weiter mit den ganzen Auferstehungsgeschichten hinterher. Mein Lieblingsevangelium sind die Emmausjünger, die einander erzählen, was passiert ist.
Schipper: Das Markus-Evangelium fand ich als Jugendlicher etwas befremdlich, wenn die Frauen einfach das leere Grab sehen. Am Schluss gehen sie weg „mit Furcht und Zittern“. Sie haben es nicht verstanden, und im Grunde tun wir das heute ja auch nicht. In der Bibel zeigt sich Gott als ein mitleidender Gott. Und viele Dinge können wir nicht verstehen, zum Beispiel das Erdbeben in Asien Ende März. Da verbieten sich auch irgendwelche spirituellen Erklärungen. Aber am Ende steht trotz allem die Hoffnung, dass Gott uns nicht fallen lassen wird.
Müller: Ich glaube, es braucht manchmal Menschen, die stellvertretend das Gute und die Botschaft wachhalten.
Haben wir davon zu wenige?
Schipper: Ja, ich glaube schon. Mut machende Geschichten sind heute schwierig zu erzählen. Da braucht es Leute, die von einer Hoffnung getragen sind.
Müller: Und gemeinsam schauen: Wo sind die Spuren Gottes in meinem Leben? Wo ist es gut? Wo hat sich was gefügt? Das ist auch die Aufgabe von Hoffnungsträgern. Deshalb feiern wir auch Ostern im Frühling.
Schipper: Selbstverständlich war es auch vom Evangelium her diese Zeit. Aber es ist kein Zufall, dass das in diese Jahreszeit gelegt wurde. Die Blumen fangen an zu blühen, die Bäume werden grün. Das sind Symbole, die viel mit Ostern zu tun haben.
Manche Menschen haben an Ostern ein Problem mit der Opfertheologie. Wie kann man damit Frieden schließen?
Müller: Theologisch gesprochen ist das eins – der Opfernde und der Geopferte. Anders wäre es nicht glaubwürdig für die Menschen. Sonst wäre es ein Leidender mehr, wenn es nicht wirklich Gott wäre, der am Kreuz stirbt.
Schipper: Im ersten Moment mag man denken: Wieso gibt es einen Gott, der so ein Opfer braucht? Ich meine, es ist umgekehrt. Wir brauchen das. Wenn jemand Vergebung braucht, kann man sich das nicht selbst sagen. Jemand anders muss die Schuld von einem nehmen. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Filme es gibt, in denen diese Opfertheologie drin ist, wo einer die Welt rettet, wo sich einer opfert.
Begegnet Ihnen das oft im Alltag?
Schipper: Oft nicht. Aber viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass es auch in der evangelischen Kirche die Beichte gibt. Nicht wie in der katholischen Kirche. Aber oft spielen Themen wie Schuld eine Rolle. Das merke ich vor allem vor Beerdigungen. Die Menschen haben oft nicht mehr die Gelegenheit, mit dem Verstorbenen Frieden zu schließen.
Wie kommen Ei, Hase und Lamm als Symbole an Ostern dazu?
Müller: Das Ei ist das Zeichen der Fruchtbarkeit. Es passt ganz gut in die Zeit. Auch in bunt.
Schipper: Das Osterlamm ist ja ein biblisches Symbol. Der Osterhase hat aus meiner Sicht mit dem Christentum nicht so viel zu tun. Vielleicht auch ein Fruchtbarkeitssymbol. Bei uns bekommt an Ostern übrigens jeder noch ein Osterei mit nach dem Gottesdienst.
Müller: Bei uns werden die sogar noch gesegnet. (lacht)
Bleiben wir bei Symbolen. Wie ist das mit der Auferstehung zu verstehen?
Müller: Man kann die biblische Zahl drei heranziehen, dass Gott am dritten Tag eingreift. Dann ist die Frage, wie ich Auferstehung verstehe: Geht es aus Jesus heraus? Tut es Gott? Ich glaube, dass ganz viel an Karfreitag geschehen ist, dass Jesus da gestorben und gleichzeitig die Auferstehungshoffnung angelegt ist. Die Jünger haben es ja auch nicht gleich verstanden, wenn man mal an Thomas denkt. Wir brauchen auch heute noch die Auferstehungsgeschichten, weil man so das leere Grab nicht verstehen kann. Auch die Emmausjünger haben Jesus nicht sofort erkannt.
Schipper: Für mich ist die Auferstehung das Symbol dafür, dass am Ende das Leben über den Tod siegt. Ich merke, dass Menschen nachfragen und auch Zweifel haben. Aber sie können auch die Symbolik dahinter verstehen, dass der Tod nicht das Ende ist.
Müller: Es braucht verschiedene Bilder. Ich nehme zum Beispiel bei Beerdigungen gerne das Bild von der Raupe, die zum Schmetterling wird, um zu verdeutlichen, wie es geschehen kann.
Schipper: Es bringt wenig, zu versuchen, zu beschreiben, wie es geschehen sein kann. Der Grundgedanke ist wichtig. Das wollen wir auch an Ostern rüberbringen. Der Kernsatz, der mich zum Beispiel durchs Leben trägt, ist: Es gibt keine Sackgassen, auch wenn man einen anderen Eindruck hat. Mit Gottes Hilfe gibt es immer einen Ausweg. Man hätte ja auch vermutet, dass das mit dem Sohn Gottes ganz anders endet, als dass er elendiglich am Kreuz zugrunde geht. Aber Gott handelt eben anders, als wir das erwarten. Und zum Schluss hält er trotzdem sein Wort.
Also Ostern als Kardinalsweg raus aus der Sackgasse?
Schipper: Vielleicht. Weihnachten ist natürlich sehr anschaulich mit Christuskind, Krippe ... Aber auch da ist nicht alles schön. Das Jesuskind kommt nicht im Kaiserpalast zur Welt. Aber das Osterfest ist der Grund der Kernhoffnung. Das ist auch der Grund, warum viele Evangelien von der Ostergeschichte her geschrieben wurden. Bei Markus findet man gar keine Weihnachtsgeschichte. Das war ihm nicht wichtig.
Haben Sie gefastet?
Schipper: Ja. Ich hab’ mir vorgenommen, keine Chips zu essen. Das ist gar nicht so einfach. Es gehört für mich irgendwie dazu, auch als Vorbereitung auf das Osterfest, um das Leben wieder zu feiern. Es ist eine positive Erfahrung.
Frau Müller, welche positiven Erfahrungen haben Sie beim Fasten gemacht?
Müller: Ich habe 13 Tage Heilfasten gemacht. Das ist so befreiend. Auch weil ich mich nicht ums Essen kümmern muss. (lacht) Ich habe mir auch bewusst in die Zeit Online-Exerzizien gelegt.
In der evangelischen Kirche ist die Fastenzeit dieses Jahr mit „Sieben Wochen ohne Panik“ überschrieben. Hat das geklappt?
Schipper: (zögert) Ja. Es ist wirklich schwierig. Aber deshalb ist es umso wichtiger, sich dieses Grundgefühl zu bewahren. Ich erlebe in der Gemeinde nicht zwingend Panik, aber es gibt schon so ein Gefühl, dass es jetzt abwärts geht. Es beschäftigt uns auch in der Kirche. Es gibt weniger Mitglieder, weniger finanzielle Mittel, wir reden über Reduktionen, immer weniger Menschen, die mitarbeiten. Da hilft es, wenn man mal sagt: Stopp, schau mal auf was Positives. Der Herr, der schon seit Ewigkeiten die Kirche erhält, wird auch weiterhin bei uns sein. Es liegt nicht alles in unserer Hand.
Müller: Mir hilft vor allem der Aspekt „Zeit zum Luftholen und Atmen“. Das erdet. Und bekämpft auch Panik.
Haben Sie einen Lieblingsfeiertag um Ostern herum?
Müller: Karfreitag. Das ist auch mein Lieblingsgottesdienst. Das ist so eine dichte Atmosphäre. Die Kirche ist leergeräumt, keine Orgel spielt. Die ganze Liturgie hat mich schon immer fasziniert. Danach geht man raus, das Wetter ist gut, und es ist fast schon Ostern.
Schipper: Karfreitag ist auch mir wichtig. Aber mein Lieblingsgottesdienst ist die Osternacht. Wenn wir uns um 6 Uhr treffen, ist es in der Regel noch dunkel. Dann wird das Osterlicht in die Kirche getragen, und dann geht auch noch die Sonne auf. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Da ist die Kirche richtig voll. Da bekomme ich immer Gänsehaut.
Sie auch, Frau Müller?
Müller: Ja. Und bei uns geht’s dann noch weiter mit Lumen Christi. Man zieht gemeinsam ein, muss behutsam mit dem Licht umgehen, damit es sich weiterverbreitet. Da kann man die Osterbotschaft wunderbar erfahren.
An Ostern geht es auch viel um menschliche Themen: Verrat, Freunden beistehen, öffentliche Meinung. Beschäftigt das die Leute noch?
Schipper: Ja, ich glaube schon. Diese Themen sind wichtig. Das merke ich auch, wenn ich das in den Predigten thematisiere. Petrus hat ja so eine Erfahrung gemacht. Er ist nicht weggerannt. Er ist Jesus hinterher, gescheitert, und doch ist aus ihm etwas geworden: der Fels der Kirche. Diese Botschaft finde ich toll. Auch Menschen, die gescheitert sind, bekommen bei Gott eine zweite Chance. Das spricht Menschen an. In Zeiten von Sozialen Medien und Fake News bin ich bereit, für meine Meinung einzustehen, auch wenn ich mal einen Shitstorm ernte.
Müller: Ich greife mir immer ein Thema raus. In den Gebeten und Fürbitten kann man viel reinpacken.
Was und wann ist für Sie Ostern?
Müller: Das kann ganz unterschiedlich sein. Mitten am Tag, im Streit, in der Versöhnung, wenn neues Leben anfängt. Es muss nicht zwingend an Ostersonntag sein.
Schipper: Die Erfahrung, wenn in dunkler Zeit ein Licht aufgeht. Wenn man so eine Ostererfahrung hat. Das ist mir ganz wichtig. Das habe ich manchmal im Ostergottesdienst, aber auch im Alltag, zum Beispiel in der Notfallseelsorge, wenn ich einen Funken der Hoffnung bringen kann. Das ist für mich Ostern. Leid ist nicht alles. Es gibt einen Ausweg, auch wenn man ihn im Moment nicht sieht.
Zur Person
Stefanie Müller (46) ist Pastoralreferentin und Pionierin für Kirchenentwicklung in der Pfarrei Hl. Antonius in Maxdorf. Dort betreut sie auch die „Kirche kunterbunt“.
Heiko Schipper (61) ist seit 2008 Pfarrer in Mutterstadt, wo er zusammen mit seinem Kollegen Knut Trautwein eine Gemeinde mit rund 3200 Mitgliedern betreut. Vorher war er in Pirmasens tätig.