HARTHAUSEN
Nicht nur wegen der Hitze: Immer weniger Fledermäuse
Zahlreiche Interessierte sind vor Corona bei der alljährlichen „Fledermauskontrolle“ Ende Juli mitgegangen, wie Ute Hoffmann erinnert. Gemeinsam mit ihrem Mann Dieter ist sie Ansprechpartnerin für die Fledertiere beim Natur- und Vogelschutzverein Harthausen. Als weitere Experten vom Arbeitskreis Feldermausschutz dabei sind für gewöhnlich, wie auch am Samstag, Waltraud und Hans König, Claudia Weber und Guido Pfalzer. „Weil das Coronavirus im Moment aber wieder viele Ansteckungen mit sich bringt, haben wir diesmal auf eine Einladung von Interessierten verzichtet“, teilt Ute Hoffmann mit.
Irgendwie scheint sich der Termin dennoch herumgesprochen zu haben. „Wir sind 13 Erwachsene und sechs Kinder gewesen“, sagt die Harthausenerin. Traditionell teilen sich die Experten in drei Gruppe auf, um die 240 Vogelnist- und 100 Fledermauskästen im „Streitäcker“ zügig im Lauf des Vormittags komplett durchzusehen.
Zahl der Baumhöhlen nimmt ab
„82 Fledermäuse haben wir diesmal insgesamt in den Kästen entdeckt. Das ist das drittschlechteste Ergebnis in den vergangenen 30 Jahren“, sagt Ute Hoffmann. Negativ-Rekord waren 56 Fledertiere, auf Rang zwei folgt die Anzahl von 81 Säugetieren. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Fledermäuse an heißen Tagen eher in Baumhöhlen als in Vogelnist- oder Fledermauskästen Unterschlupf suchen“, erklärt sie. Die natürlichen Höhlen werden allerdings nicht „kontrolliert“, was schon allein technisch fast unmöglich wäre. „Die Anzahl der Baumhöhlen hat in den vergangenen Jahren abgenommen“, stellt die Naturschützerin fest.
Unter den 82 Exemplaren hat am Samstag die Fransenfledermaus mit 56 Tieren die Mehrzahl gestellt. Es folgen ihr auf den weiteren Plätzen das Braune Langohr (elf), die Wasserfledermaus (sieben), das Große Mausohr (sechs), der Kleine Abendsegler und die Bechsteinfledermaus (jeweils eine). Die Experten haben Ende 2021 in einem Beitrag für die Zeitschrift „Fauna und Flora in Rheinland-Pfalz“ auf 30 Jahre Fledermauskontrolle in Harthausen zurückgeblickt. Durchschnittlich 164 Exemplare sind dabei entdeckt worden, der Rekord liegt bei 254 Fledertieren. Bisher sind Vertreter von zehn Arten bestimmt worden. Der Trend zeigt dabei in den vergangenen zehn, 15 Jahren eindeutig nach unten, schreiben die Fachleute.
Kritik an Windenergie und veralteter Roter Liste
„Als ursächlich für diese Entwicklung betrachten die Autoren in erster Linie menschliche Nutzungseinflüsse, die sich auf die Nahrungsverfügbarkeit, das Quartierangebot, die Habitatqualität und die Sterblichkeit auswirken. Beim Kleinen Abendsegler spielt sehr wahrscheinlich die Windenergie-Nutzung im nahen Umfeld eine Rolle. Die übrigen baumbewohnenden Arten leiden eher unter Habitat-Verschlechterungen, die durch land- und forstwirtschaftliche Nutzungen bedingt sind“, heißt es in dem Fachbeitrag.
Die Naturschützer kritisieren, dass die bisher letzte Bestandserfassung für die Rote Liste der Säugetiere in Rheinland-Pfalz schon bald 40 Jahre zurückliegt. Die 1987 getroffenen Einteilungen in Gefährdungskategorien seien inzwischen längst unbrauchbar. Deshalb halte man sich an die entsprechende Rote Liste für Deutschland, für die es erst 2020 eine Bestandserhebung gegeben hat. Demnach gelten unter den am Samstag in Harthausen festgestellten Arten die Fransenfledermaus, die Wasserfledermaus und das Große Mausohr bundesweit als ungefährdet. Das Braune Langohr wird dort als gefährdet (Kategorie drei) geführt. Beim Kleinen Abendsegler ist die Datenlage unzureichend und die Bechsteinfledermaus ist gar als stark gefährdet (Kategorie zwei) eingestuft.
Die Landwirtschaft und das Insektensterben
„Es sind jedoch nicht alleine die (menschgemachten) Klimaveränderungen von Bedeutung, sondern vor allem sind es die anthropogenen Nutzungseinflüsse, die sich direkt oder indirekt auf die Lebensbedingungen höhlenbrütender Vögel und waldbewohnender Fledermausarten auswirken“, urteilen die Fachbeitragsautoren weiter zur Entwicklung im Raum Dudenhofen.
„Durch Windenergie-Nutzung im Umfeld des Harthausener Waldes erhöht sich beispielsweise unmittelbar die Mortalität des dort ansässigen Kleinen Abendseglers. Die landwirtschaftliche Nutzung verursacht Pestizideinträge, und die Beregnung landwirtschaftlicher Flächen trägt zur Absenkung des Grundwasserspiegels bei, was sich insgesamt auf die Verfügbarkeit von Insektennahrung für Fledermäuse und Vögel auswirkt“, nennen sie ein Ursachenbündel.