Rhein-Pfalz Kreis Nachtleben vom Feinsten

Dannstadt-Schauernheim. Nach diesem Abend konnte man es fast bedauern, dass man die Goldenen 20er-Jahre nicht erlebt hat. Die Schlager aus dieser Zeit erzählen von Sekt, Party, Glitter und Liebe. Die Sänger des freien Theaters Musik-Bühne Mannheim Astoria haben mit ihrer Operettenrevue am Donnerstagabend im Zentrum Alte Schule Dannstadt aber auch an jüdische Komponisten erinnert, deren Werke in den 30ern verboten waren.
Das Nachtleben in der Weimarer Republik dürfte keineswegs eine Enttäuschung gewesen sein. „Die Leute wollten sich nach den entsetzlichen Kriegserlebnissen, nach Hunger, Arbeitslosigkeit und der bigotten Anstandsmoral des Kaiserreichs endlich amüsieren“, heißt es im Programmheft. Und der Großteil der 30 Lieder, die an diesem Abend gesungen wurden, gibt einen Einblick in ein Jahrzehnt, in dem Lebensfreude offenbar schick war. „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ beispielsweise stammt vom Komponisten Theo Mackeben, der auch viel Filmmusik geschrieben hat. „Es ist so schön, am Abend bummeln zu gehn“ ist von Paul Abraham. Und eine Textzeile von „Ja so ein Mädel“ von den Komponisten Fritz Löhner Beda und Paul Abraham lässt keinen Zweifel daran, dass es um die Liebe geht: „Ja, so ein ungarisches Mädel geht nicht aus dem Schädel, erst recht nicht aus dem Sinn.“ Die jüngere Generation fühlte sich von dem Programm (Buch und Regie: Eberhard Streul) offenbar nicht angesprochen. An diesem Abend waren ausschließlich Senioren anwesend. Die ältere Generation dürfte Titel wie „Wir sind von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ oder „Davon geht die Welt nicht unter“ vielleicht noch aus ihrer eigenen Jugend kennen. Viele Lieder sind in Vergessenheit geraten, doch die größten Hits der vergangenen Epoche sind bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent. „Davon geht die Welt nicht unter“ zum Beispiel hat einen traurigen und ernsten Hintergrund. Bruno Balz und Michael Jary haben das Lied komponiert. Balz war homosexuell und wurde in der NS-Zeit zweimal verhaftet. Mehrere Monate verbrachte er im Gefängnis, seine Werke wurden verboten, Balz musste eine linientreue Frau heiraten. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schrieb er einen seiner größten Erfolge. Die fünf Darsteller der Musik-Bühne Mannheim – die beiden Sopranistinnen Christina Prieur und Daniela Grundmann sowie die Tenöre Thomas Seidel, Thomas Jakobs und Ingo Wackenhut – erzählten in kurzen Einschüben zwischen ihren Auftritten von den Schicksalen einiger jüdischer Komponisten. Hermann Leopoldi etwa entging um Haaresbreite der Einweisung in ein KZ. In letzter Sekunde bekam er ein Visum für die USA. Die Erfahrung, in einem fremden Land Fuß fassen zu müssen, verarbeitete er mit dem Lied „Ja, da wäre es halt gut, wenn man Englisch könnt“. Darauf, dass die 20er-Jahre auch dekadent waren, und sich die Katastrophe bereits am Ende der Dekade ankündigte, weist der Titel des Programms „Tanz auf dem Vulkan“ hin. Die Weltwirtschaftskrise 1929 ebnete den Nationalsozialisten dann auch den Weg. Und die setzten vor allem jüdische Komponisten auf den Index. Die bekanntesten Namen unter den verbotenen Künstlern sind wohl Friedrich Hollaender, Kurt Weill, Rudolf Nelson, Leo Fall und Richard Heymann. Im Wesentlichen drehte sich die Aufführung um die schönen Seiten des Lebens. Die Darsteller sangen nicht nur, sie tanzten und spielten auch kleine Szenen. Begleitet wurde jeder Programmpunkt von Dmitrij Koscheews Klavierspiel. Christina Prieur gab die Salondame, die einen Schwips und außerdem „nichts anzuziehn“ hat. Daniela Grundmann sinnierte im Abendkleid und mit Federboa, wem sie gehöre und kam zum Entschluss „nur sich selbst“. Die Avancen ihrer Verehrer schienen ihr dennoch zu gefallen. Rose, Geschenke und Geld nahm sie huldvoll entgegen. Noch frivoler gab sich Christina Prieur mit der Nummer „Kinder, heut Abend, da such ich mir was aus“. Gemeint war natürlich ein stattlicher Mann. (apk)