Böhl-Iggelheim
Kritik an der Honigbiene: Warum der Böhler Bauer Jürgen Hass wilde Arten schätzt
Jürgen Hass (68) ist hauptberuflicher Obstbauer. Um Böhl herum baut er Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Zwetschgen und Aprikosen an. Das Obst verkauft er als Direktvermarkter, das ist sein Lebensunterhalt. Verständlich also, dass er seine Obstplantagen schützen will. Eine besonders große Gefahr ist der Feuerbrand. Das ist eine Krankheit, die vor allem Kernobst befällt und extrem ansteckend ist. Um sie einzudämmen, müssen die befallenen Gehölze fast immer komplett gerodet werden. Zweimal schon hatte Hass den Feuerbrand im Betrieb. Einmal musste er einen Hektar Apfelbäume roden, einmal die Hälfte seines Birnenbestands. Seiner Ansicht nach sind Honigbienen ein Risikofaktor. Sie schleppen den Feuerbrand ein, ist er überzeugt. Deshalb erlaubt er nicht, dass Wanderimker ihre Bienenkästen in der Nähe seiner Obstgehölze aufstellen. Aber braucht er nicht die Honigbienen für die Bestäubung der Obstblüten?
„Die Honigbiene wird völlig überschätzt, die Bestäubung wird von Wildbienen viel effektiver geleistet“, ist Hass überzeugt. Das bestätigt Christiane Brill aus Dudenhofen, Diplom-Biologin und Wildbienen-Botschafterin des Bunds für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Laut wissenschaftlichen Studien an Apfel- und Mandelbäumen brauche man für die Bestäubung eines Hektars 500 bis 1000 Mauerbienen (eine der rund 580 Wildbienenarten), oder 70.000 Honigbienen. Zudem ergebe eine Bestäubung durch viele verschiedene Bestäuber, wie Wildbienen, Schwebfliegen, Wespen und andere, eine bessere Qualität und einen höheren Ertrag des Obstes.
Honigbiene als effektiver Bestäuber
Behauptungen, die Honigbiene sei nicht so fleißig wie ihr Ruf, hält der Imker und Bienensachverständige Oliver Schneider aus Altrip für eine Kampagne interessierter Kreise der Industrie. Die Honigbiene sei ein sehr effektiver Bestäuber und verbessere die Pflanzenvielfalt, was auch der Wildbiene zugute komme. Den Feuerbrand könnten im Übrigen alle Blüten besuchenden Insekten übertragen. Die Honigbiene sei blütenstet, bleibe bei einem Sammelflug bei einer Blütenart, und fliege mehrere Kilometer.
Das wiederum sieht Obstbauer Hass als Problem: weite Strecken erhöhen die Möglichkeit, den Feuerbrand aus der Ferne einzuschleppen. Hass liebt deshalb Wildbienen. Die fliegen höchstens 300 Meter, dafür aber auch bei kühler Witterung, bei der Honigbienen zu Hause bleiben. Die Kurzstrecken werden in der heutigen Landschaft zum Problem der Wildbienen. Die Nahrungsquellen sind weiter auseinander als die möglichen Flugstrecken, einzelne Populationen bleiben isoliert und sterben aus, wenn ihr Standort keine Nahrung mehr bietet. Jürgen Hass lässt deshalb am Rand seiner Obstgehölze Brombeerhecken, Zaunrüben und andere wild wachsende Sträucher stehen. „Die Zaunrübenbiene lebt ausschließlich von der Zaunrübe, und so gibt es viele Spezialisten unter den Wildbienen“, sagt er.
Bienensterben überbewertet?
Tatsächlich seien Wildbienen auf heimische Stauden und Sträucher angewiesen, erklärt Biologin Brill. „Es werden viele Saatmischungen für Bienen angeboten, die den Wildbienen gar nichts nutzen“, erklärt sie. Ebenso wenig helfe ein „Bienenhotel“, wenn die Wildbienen drumherum nur englischen Rasen finden: Ohne Nahrungspflanzen bleibe die Nisthilfe leer.
Die Rede vom Sterben der Honigbiene hält Hass für maßlos übertrieben. Dass ganze Völker sterben, sei richtig, aber vor allem eine Folge der Züchtung und der extremen Massenhaltung. Weil die Honigbiene aber eine starke Lobby habe, werde das Problem überbewertet und die tatsächlich gefährdeten Wildbienen übersehen. Die Problematik stellt das Bundesamt für Naturschutz in seinem Artenschutzbericht 2015 fest, wonach 230 Wildbienen auf der Roten Liste als gefährdet stehen, 30 Arten sogar als „vom Aussterben bedroht“ gelten.
Konkurrenz unter den Bienen
Dass vor allem die fehlenden Nahrungsquellen und deren mangelnde Vernetzung in der Landschaft die Wildbienen gefährden, da stimmen Wildbienenbotschafterin und Honigbienen-Fachmann überein. Imker Oliver Schneider hält es jedoch für falsch, eine Konkurrenzsituation zwischen Honig- und Wildbienen zu behaupten.
Der Deutsche Imkerbund veröffentlicht auf seiner Website einen Vortrag von Hans-Hinrich Kaatz vom Institut für Biologie der Universität Halle-Wittenberg, der schon seit 15 Jahren zum Thema forscht. Er kommt zum Schluss, dass es eine Konkurrenz unter den Bienen gibt, insbesondere wenn die Ressourcen knapp sind. Die Spezialisten unter den Wildbienen seien stärker gefährdet als Generalisten. Weitaus problematischer als die Konkurrenz unter den Bienen sei jedoch die vom Menschen verursachte Veränderung der Lebensräume und die Abnahme der Artenvielfalt. Sein Schluss: „Imker und Naturschützer sollten gemeinsam für den Erhalt der Bestäuber und ihrer Lebensräume einstehen.“