Rhein-Pfalz Kreis Kandidaten-Folter in der Kulturhalle

Wie die Hühner auf der Stange: Die Bürgermeisterkandidaten der Verbandsgemeinde Rheinauen bei einer Podiumsdiskussion.
Wie die Hühner auf der Stange: Die Bürgermeisterkandidaten der Verbandsgemeinde Rheinauen bei einer Podiumsdiskussion.

«Waldsee.» Wer Verbandsgemeindebürgermeister werden möchte, muss sich einer harten Auswahlprozedur unterziehen. Ein beliebter Trick, die Belastbarkeit der Kandidaten zu überprüfen, ist die sogenannte Waldseer Kulturhallenfolter. Die hat in der Vergangenheit schon bei Kreistagssitzungen funktioniert: Heizung ausschalten und zum Schlottern bringen. Das wäre bei der jüngsten Podiumsdiskussion, veranstaltet von den Grünen in der Verbandsgemeinde, unfair gewesen, da Kandidat Thomas Hauser (parteilos) im Winter bekennender Eishöhlenbewohner ist und im Vorteil gewesen wäre. Nächster Versuch war die für Neuhofen abgewandelte Kulturhallenfolter mit Essensentzug: Kandidaten zur Diskussion einladen, zu wenig Brezeln bestellen, so dass die Kandidaten, wenn sich die Zuschauer um die letzte Brösel gekloppt haben, hungrig bleiben. Die neueste Variante der Kulturhallenfolter scheint man sich in amerikanischen Krimis abgeguckt zu haben: Kandidaten in einer Reihe nebeneinander auf die Bühne setzen, Lichtspots anschalten und allen mit grellem Licht direkt in die Augen leuchten. Jedes Schweißtröpfchen auf der Stirn, jede Blässe um die Mundwinkel ist für das Publikum gnadenlos sichtbar. Doch die geblendeten Delinquenten – sorry, die Kandidaten – erkennen niemanden im Publikum, sehen nicht, wer sich als nächster stellt und eine Frage abschießt. Ganz schön brutal, aber alle haben den Test bestanden: sie sind belastbar. Das müssen sie auch sein. Denn als Chef im Waldseer Rathaus haben sie Großes vor. Ganz vorne steht dabei die bürgerfreundliche Verwaltung, die die angehenden Verbandsgemeindebürgermeister mit all ihrer Kraft für die Bürger durchsetzen wollen. Da muss in der Vergangenheit ja einiges schief gelaufen sein. Eine Nachfrage bei dieser bisher anscheinend unfreundlichen Verwaltung ergibt: Bürgermeister, Ortsbürgermeister und Beigeordnete böten Sprechstunden an – gerne auch nach Vereinbarung. In jeder Ratssitzung gebe es zudem eine Einwohnerfragestunde, die Verwaltungsmitarbeiter machten auf Wunsch Termine mit Bürgern vor oder nach den üblichen Bürozeiten, sie kämen sogar von Waldsee in die Bürgerbüros der anderen Orte, wenn Bedarf besteht. Die Bürgerbüros in allen Ortsgemeinden seien donnerstags bis 18 Uhr geöffnet. Vor einigen Jahren habe es mal eine Phase gegeben, in der die komplette Verwaltung bis 18 Uhr geöffnet war. Genutzt habe das so gut wie keiner. Extra Bürozeiten der für soziale Angelegenheiten speziell zuständigen Mitarbeiterin in den einzelnen Bürgerbüros wurden ebenfalls nicht genutzt. Und was will man da jetzt noch optimieren? Alle Kandidaten haben sich das auf die Fahne geschrieben. Ob es aber wirklich eine gute Idee ist, dass Verwaltungsmitarbeiter die Zeit in Bürgerbüros absitzen, wenn dorthin keiner kommt? Die Zeit ist sinnvoller zu nutzen, zumal ja bei Bedarf ein Ansprechpartner kommt. Bevor man sich also über Bürgerunfreundlichkeit der Verwaltung beschwert – was bei dem noch amtierenden Bürgermeister Otto Reiland (CDU), der sich über den ganzen Bohei zusehends wundert, übrigens nicht vorgekommen ist – sollte man vielleicht einfach mal bei der Verwaltung anrufen und nachfragen.

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