Bobenheim-Roxheim
Jüdische Familie auf Spurensuche
Als Mordechai Blum (genannt „Mordchen“ oder „Mortsche“) um etwa 1950 zur Regelung der Eigentumsverhältnisse seiner Vorfahren nach Roxheim kam, verabschiedete er sich, soweit bekannt, nur von einem einzigen der früheren Mitbürger – dem anfangs des „Dritten Reiches“ abgesetzten Zweiten Bürgermeister Johann Josef Graber. Damit schien jede persönliche Beziehung der Dorfbewohner zum Judentum endgültig gekappt.
Erst im Rahmen von Forschungen der Pfälzer Geschichtswissenschaft meldete sich per Brief vom 15. Juli 1987 eine alte jüdische Dame aus New York City, Fanny Freimark. Sie hatte einst der israelitischen Kultusgemeinde Roxheim-Bobenheim angehört. Ihr Vater, der Roxheimer Metzger Nathan Bender, war bis zu seinem Tod 1934 einer der beiden Vorsitzenden. Er wurde als einer der Letzten auf dem jüdischen Friedhof seiner Heimatgemeinde bestattet. Seine Witwe Rosa (geborene Levi) konnte mit den Kindern nach Amerika flüchten. Fanny Freimark erwähnte daher auch zwei Schwestern und ihren Bruder Bernhard, die hochbetagt und krank seien.
Besuch auf dem Friedhof
Die Nichte Carol Bender-Horowitz, eine in Amerika geborene Tochter Bernhards, reiste schon vor Jahrzehnten gemeinsam mit ihrem Mann Kenneth in die Heimat der Vorfahren. Dabei kam das Paar auch nach Bobenheim-Roxheim. Der Wunsch war geboren, den eigenen Nachkommen diesen Ort ebenfalls zu zeigen. Die Gelegenheit ergab sich nun, als die einst weit verzweigte Familie zu einer Stolpersteinverlegung ins badische Muggensturm eingeladen wurde. Von dort aus sollte auch Nathan Benders Grab in Roxheim besucht werden. Auf der Suche nach einem Ansprechpartner vor Ort nahm Sohn Brian Horowitz Kontakt mit dem Verein für Naturschutz und Heimatpflege Bobenheim-Roxheim auf, wo man sich freudig überrascht des Wunsches annahm. Die Gemeindeverwaltung wollte nicht nur den Schlüssel zum jüdischen Friedhof zur Verfügung stellen, der Erste Beigeordnete Georg Zwilling (CDU) empfing die siebenköpfige Familie auch selbst und nahm das Lob für die gepflegte Anlage entgegen.
Das Interesse der Besucher aus Amerika galt nicht nur dem Grab Nathan Benders, sondern dem gesamten Friedhof, zumal Carol Bender-Horowitz so manchen Namen von den Erzählungen ihrer Vorfahren her kennt. Ihr Sohn Jonathan, des Hebräischen mächtig, übersetzte Inschriften ins Englische. Petra Frank, Familienforscherin des Naturschutz- und Heimatpflegevereins, spricht routiniert Englisch und erfuhr im Gespräch eine Fülle von bisher unbekannten Zusammenhängen. Schwierig war es für die Gäste nur, Steine zu finden, um sie nach Glaubenssitte auf Nathan Benders Grabstein zu legen.
Neue Freundschaft
Im Gespräch im Rathaus kam man bei Gebäck und Getränken überein, dass die Verwandtschaftsverhältnisse der einst hier heimischen jüdischen Familien heimatkundlich noch stärker zu beackern seien. Die Besucher – laut Kenneth Horrowitz pflegt die Familie eine modern-orthodoxe Religiosität – rührte es zu wissen, dass vor Ort jüdisches Gedenken aktiv bewahrt wird. Das Angebot einer kurze Rundfahrt auf jüdischen Spuren durch den Ort nahmen sie gern an. Besonders über die „Schul“ – diesen jiddischen Ausdruck benutzt die Familie für die Synagoge – und die geplante Gedenktafel wollten sie Einzelheiten wissen. Nicht eindeutig beantwortet werden konnte die Frage, wo sich Nathan Benders Wohnhaus befunden hat. Doch die Heimatkundler versprachen, auch dies nach Möglichkeit zu klären.
Carol Bender-Horowitz, obwohl in den USA geboren, sind überraschender Weise lokalhistorische Einzelheiten und Begriffe mit einem Hauch „Roxemer Pälzisch“ im Gedächtnis. In ihren Gesang „Kommt ein Vogel geflogen“ und „Alle meine Entchen“ stimmten die Heimatkundler ein. Sie sind überzeugt: Die neue Freundschaft wird nicht zuletzt dank des Internets erhalten bleiben.