Bobenheim-Roxheim
Interview: Was vor 81 Jahren im Heyl’schen Wald geschah
Herr von Heyl, zunächst einmal die banale Frage: Warum ist die alte Esche in dem 30 Hektar großen Privatwald bei Ihrem Landgut Nonnenhof eingegangen?
Das Heyl’sche Wäldchen hat zwar einen besonderen Schutzstatus, Natura 2000, aber gegen die vielen, vom Klimawandel verursachten trockenen Sommer kann er nicht geschützt werden. So ein naturnaher Mischwald ist nicht unbedingt widerstandsfähiger gegen Trockenheit, Baumkrankheiten und Schädlingsbefall als sagen wir eine Monokultur aus Fichten. Jede im Oberrheingraben vorkommende Baumart reagiert anders auf Dürre. In diesem Fall war das Eschentriebsterben die Folge.
Die RHEINPFALZ hat darüber 2011 schon einmal berichtet: An dem Baum hat Ihr Großonkel nach dem Zweiten Weltkrieg eine Gedenktafel angebracht, weil Andreas Machowski im Alter von 32 Jahren an ihm den Tod durch Erhängen fand. Er soll mit den beiden Töchtern eines Bobenheimer Landwirts eine sexuelle Beziehung gehabt haben, was damals allen dreien verboten war, denn Machowski war Pole. Wieso töteten die Nazis ihn ausgerechnet im Heyl’schen Wald?
Das weiß man nicht so genau. Der Wald gehörte meiner Urgroßmutter, die in Worms lebte. Sie hatte ihn verpachtet. Die Esche stand an einer Stelle, die man nicht so leicht findet. Es heißt, dass die Bevölkerung von Bobenheim nichts von der Hinrichtung mitbekommen sollte.
Was geschieht jetzt, da es den Baum nicht mehr gibt, mit der Gedenktafel?
Sie wurde beim Umsturz beschädigt, und wir haben sie aufarbeiten lassen. Jetzt soll sie nicht mehr versteckt im Heyl’schen Wäldchen angebracht werden. Wenn man an der Straße, die zum Nonnenhof führt, entlanggeht, wird man sie künftig am Waldrand sehen können. Denn es ist uns ein großes Bedürfnis, an dieses Verbrechen zu erinnern. Gerade in dieser Zeit, in der Rechtsextremismus gedeiht. Was im Nationalsozialismus geschehen ist, sollte niemals in Vergessenheit geraten.
Zur Sache
Detailliert ist die Geschichte von Andreas Machowski in Michael Schepuas Taschenbuch „Nationalsozialismus in der pfälzischen Provinz: Herrschaftspraxis und Alltagsleben in den Gemeinden des heutigen Landkreises Ludwigshafen 1933-1945“ nachzulesen. Demnach löste Machowski als Zwangsarbeiter in Bobenheim einen Freund ab. Dieser fragte in einem Brief, ob Machowski ins Bordell gehe oder mit einheimischen Mädchen schlafe und ließ die beiden Töchter seines Ex-Arbeitgebers grüßen. Der abgefangene Brief war das Todesurteil. Die beiden Polen wurden ermordet, Machowski am 16. September 1942 vor den Augen aller Zwangsarbeiter erhängt – für Deutsche war Zuschauen verboten. Die Frauen gaben die verbotene sexuelle Beziehung zum Freund Machowskis zu. Sie kamen 1944 ins Konzentrationslager Ravensbrück. Nur eine überlebte.