Rhein-Pfalz Kreis Hochzeitstanz im Bettelkleid
«Ludwigshafen.» Die Rohrweihe fliegt einen Angriff, kippt plötzlich seitwärts ab und stürzt sich in die Tiefe. Spektakulär sehen diese Balzflüge der Männchen mit Scheinangriffen auf das Weibchen aus – und vielleicht wird man sie künftig im Rhein-Pfalz-Kreis sehen können. Schilf gibt es an den Seen genug. Doch durch Störungen nimmt der Bestand dieser Greifvögel in Deutschland wieder ab.
Wenn eine Rohrweihe mit einer Maus in den Fängen ins Schilf einbricht, dann sind das gute Neuigkeiten für Vogelkundler. Denn dann wurde ein Männchen beobachtet, das sein Weibchen beim Brüten mit Nahrung versorgt. Das wäre ein Hinweis darauf, dass sich die Greifvögel in dem Gebiet niedergelassen haben. Die Rohrweihe kommt in Rheinland-Pfalz nämlich selten vor. Bruten wurden allerdings schon bei Neuhofen, Hanhofen und Harthausen festgestellt – und aktuell in Bobenheim-Roxheim. Anfang Juli hat dort der Neuhofener Thomas Dolich von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor) ein Rohrweihe-Männchen dabei beobachten können, wie es „Futter ins Schilf einträgt“. Mehr noch, erzählt der Vogelexperte, „die Jungen waren deutlich zu hören“. Auf der Suche nach Mäusen, jungen Hasen oder Küken gleiten Rohrweihen über die Felder oder den See, schlagen kurz mit den Flügeln, legen sich energiesparend in die Luft, um plötzlich zur Erde zu schießen und eine Feldmaus zu überraschen. Die Rohrweihe rüttelt nicht wie ein Falke und belegt auch keinen Aussichtsposten wie der Mäusebussard, obwohl sie etwa genauso groß ist wie der Bussard und ebenso abhängig vom Mäusebestand. „Wenn es bei der Mäusepopulation schlechte Jahre gibt, legen die Greifer weniger Eier und haben weniger Junge“, erklärt Vogelkundler Dolich. Ihr Nest bauen Rohrweihen in dichtem Röhricht auf dem Boden oder über dem Wasser, und sie legen vier bis fünf Eier zwischen April und Juni. Rostbraun, grau und schwarz ist ihr Federkleid, ein „kupferfarbenes Bettelgewand aus Flicken“, so zumindest wird der lateinische Name Circus aeruginosus interpretiert. Zwar können die ausgewachsenen Vögel bis zu 15 Jahre alt werden, doch die meisten sterben als Jungvögel, wenn sie sich noch tollpatschig verhalten und von Füchsen erwischt werden. Trockengelegte Tümpel und mit Pestiziden bespritzte Äcker sorgten bis Ende des 20. Jahrhunderts dafür, dass die Weihen dezimiert wurden. Als Raubvögel bezeichnete man die Greifvögel früher, weil sie Enten und Niederwild schlagen und daher vom Menschen als Konkurrenten empfunden wurden. „Ob Habicht, Sperber oder Weihen – man hat sie alle bekämpft“, sagt Dolich. Erst als die Jagd auf sie verboten wurde und sich die Lebensräume wieder erholten, wuchs der Bestand wieder. Ab August pendeln Rohrweihen in ihr Winterquartier im Mittelmeerraum und bis nach Zentralafrika. Erst im März oder April kehren sie nach Mitteleuropa zurück. Auf 7500 bis 10.000 Paare schätzt man den Bestand in Deutschland, die meisten im Nordosten. Ihre Anzahl habe seit 2004 wieder abgenommen, berichtet Dolich. Denn die Rohrweihe will beim Brüten ungestört sein und meidet Plätze, an denen sie von Hunden, Anglern, Wassersportlern oder Spaziergängern aufgeschreckt wird. „Deshalb sagen wir auch, dass ein Hotel am Silbersee für solche Arten bedenklich wäre“, sagt Dolich. Die Schwesterarten, Kornweihen und Wiesenweihen, kommen noch seltener hier vor. Die Wiesenweihe brütet vereinzelt in Rheinland-Pfalz. Da sie sich in Feldern niederlässt, müssen die Landwirte gebeten werden, eine Insel ums Nest herum stehen zu lassen. Dafür werden sie in einem Artenschutzprogramm entschädigt. Die Kornweihe stellt sich fast ausschließlich als Durchzügler und Wintergast hier ein. Die Serie In unserer Serie „Hergezwitschert“ stellen wir interessante und teils seltene Vogelarten vor, die man mit Glück und Geduld in der Region antreffen kann. Zum Beispiel an Silbersee und Roxheimer Altrhein, den wichtigsten Gewässern für rastende Wasservögel in Rheinland-Pfalz.