Hessheim
Heßheimer Auswanderer als Truthahnjäger in Arkansas
Der vor 250 Jahren in Braunschweig gestorbene deutsche Schriftsteller hat mehrfach die Vereinigten Staaten von Amerika bereist. In seinem 18. Buch berichtet er unter dem Titel „Streifzug westlich vom Mississippi“ über eine Begegnung am Little Red River. Ein eingewanderter Deutscher mit Frau und fünf Kindern erwies sich Gerstäcker gegenüber als außerordentlich gastfreundlich. „Der Mann war Maurer, kam aus Rheinbayern und hieß Hilger“, so der Autor.
Bei Gerstäckers Gastgeber handelte es sich um Johann (John) Hilger, der am 12. Juni 1802 in Heßheim nahe Frankenthal geboren worden war. Er hatte 1826 in seinem Heimatort Catharina Jünglein geheiratet, die am 12. Januar 1807 im Nachbardorf Eppstein zur Welt gekommen war. Mit ihren noch in der Pfalz geborenen vier Kindern schlossen sie sich einer Gruppe von Pfälzern an, die im März 1833 mit dem Ziel Arkansas in die Staaten auswanderte – angeführt von dem evangelischen Pfarrer Gustav Klingelhöfer aus Hessen.
Arkansas bot Chancen zum Aufstieg
Ende April legte ihr Schiff in New Orleans an. Einige Zeit später zogen sie landeinwärts, durchquerten Louisiana und ließen sich am Little Red River in Arkansas nieder. Arkansas war noch wenig besiedelt und bot tatkräftigen Pionieren die besten Voraussetzungen zum Aufstieg. Hilger krempelte die Ärmel hoch, machte Land urbar und schuftete.
Gerstäcker schreibt: „Mein Freund Hilger wohnte auf einer Farm, die er selber mit saurem Schweiß und sehr geringem Kapital gegründet hatte. Zu den Dingen, die er sich zugelegt hatte, gehörte eine alte Schrotflinte, angeblich zur Erlegung von Hirschen. Ärger hatte Hilger mit den wilden Truthühnern, die, sowie der Mais zu reifen begann, die Felder fast nicht mehr verließen, und nur in die Bäume flogen, wenn er mit der Schrotflinte seine Patrouille machte. In den hohen Stämmen lässt sich aber mit Schrot nur wenig ausrichten. Die Truthühner flogen davon, und er bekam keinen Braten auf den Tisch.“
Hilger fand aber laut Gerstäcker ein Nest, und ließ die Eier von zahmen Hühnern ausbrüten. Er hoffte, dass die Vögel ihre wilden Artgenossen anlocken würden. „Hilger versprach sich für den Herbst reichen Lohn“, heißt es in dem Buch. „Seine Hoffnung schien sich auch zu erfüllen, denn besonders ein Volk hatte schon Bekanntschaft mit den jungen gezähmten Kameraden angeknüpft.“
Vogel vom Baum herunter geschossen
Als Gerstäcker eines Morgens auf dem Weg zu Hilgers Haus war, hörte er den Knall einer Schrotflinte und fand den Farmer jubelnd und mit einem toten Truthahn in der Hand vor. „Hurra! rief er“, schreibt der Autor, „Einen hab’ ich erwischt! Ich sah die aufgescheuchten Truthühner in die Bäume streichen und wollte nach, Hilger hielt mich aber zurück und sagte: Der eine ist zum Mittagessen genug. Und wo haben Sie den geschossen, fragte ich? Gleich hier von dem Baum herunter – da sehen Sie, meine zahmen Hühner sitzen noch da oben. Als ich in die Nähe komme, hör’ ich ein Glucksen, als wenn der ganze Wald von Truthühnern lebendig wäre. Ich aber nicht faul und zurück und meine Flinte geholt – suchte mir einen der fettesten heraus, und wie’s knallt, kam der vom Baum herunter. Meine blieben bei dem Schuss sitzen, die wilden aber rochen Lunte und machten, dass sie fortkamen. Hier oben sitzen aber nur vier zahme in den Bäumen, bemerkte ich. Wo ist der fünfte? Der fünfte?, fragte Hilger und sah etwas überrascht nach dem Baum. Eins, zwei, drei, vier – na – der Henker hol’s, dass ich meinen eigenen Truthahn …“
Wie Gerstäcker berichtet, musste sich Hilger bittere Vorwürfe seiner Frau anhören, weil er den eigenen Truthahn nicht von den wilden hatte unterscheiden können. „Von dem Tag an bekamen die vier übrig gebliebenen rote Halsbänder.“
Wenn auch nicht als Jäger, so war John Hilger doch als Farmer sehr erfolgreich. Als er 1852 mit nur 50 Jahren starb, hinterließ er 900 Acres (360 Hektar) Land. Damit waren seine zahlreichen Nachkommen gut versorgt, denn, neben den vier in der Pfalz geborenen Kindern, hatte ihm seine Frau in der neuen Heimat noch weitere acht geschenkt. Sie starb 1878 im Alter von 71 Jahren.