Rhein-Pfalz Kreis Feuer und Flamme fürs Mittelalter

Ganz schön heiß: die Feuershow auf dem „Dorfplatz“.
Ganz schön heiß: die Feuershow auf dem »Dorfplatz«.

„Wir sind förmlich überrannt worden.“ Klaus Feindels Fazit zum siebten vom „Volk vom Affolterloch“ (Apfelwald) veranstalteten Mittelalter-Jahrmarkt rund um die katholische Kirche in Waldsee fiel geradezu schwärmerisch aus. Hunderte Besucher haben sich demnach – gewandet oder nicht – am Samstag und Sonntag auf eine Zeitreise ins 13. Jahrhundert begeben.

Langsam senkt sich die Nacht über Lager, Zelte und Marktplatz. „Halitus Esprementes“, die musikalische Mittelalter-Formation aus Speyer, spielt am Samstagabend auf zur Feuershow. Auf dem „Dorfplatz“, der im richtigen Leben als Parkplatz dient, stehen die Zuschauer dicht an dicht. Auch oben, wo es Schupfnudeln, Apfelkuchen, Gebrautes und Gekeltertes gibt, ist kein Platz mehr frei. Rund 30 mittelalterlich aufgebrezelte Helfer haben alle Hände voll zu tun, Hunger und Durst der Schaulustigen zu stillen. „Wir mussten die Vorräte schon mehrmals aufstocken“, berichtet Feindel vom ungeahnten Andrang vor Pfannen und Fässern. Ausgegrenzt wird vom Volk vom Affolterloch niemand. Speisen, Getränke, Spiele und Federkiele vom Alchemisten aus Neustadt: Alles ist gegen eine Spende zu haben. Dennoch bleibe nach Abzug der Kosten ein Überschuss, ist Feindel nach siebenjähriger Erfahrung sicher. Der soll in diesem Jahr der Kinder-Krebshilfe Rheinland-Pfalz zufließen. Selbst die Zwerghühner und -hähne, von vier „Beginen“ zeitweise adoptiert, werden nicht müde, das Waldseer Spektakel zu verfolgen. „Wir sind hier, um Lebensgemeinschaften der Frauen im Mittelalter darzustellen“, erklärt Bettina Kemmer. Ihre Tochter Anna-Katharina, wochentags Kunstgeschichte-Studentin, hegt ein Huhn auf ihrem Schoß. Die Tiere hätten sie vom Lager im Kirchgarten übernommen, sagt sie. „Bei uns ist mehr Wiese.“ Zu verkaufen haben die Frauen aus Bretten nichts. „Wir verschenken Likör, Kräuter und Wissen“, sagt Julia Hörandel. Für sie seien die jährlich fünf bis sechs Mittelalterauftritte pure Erholung vom Alltagsstress, beschreibt sie den Weg, den sie und ihre Mitstreiterinnen als Gesundheitselixier gegen Alltagshektik gefunden haben. Puppenspieler, Gewandschneider und Kräuterhexen haben ihre Zelte mittlerweile geschlossen. Auch Vera Döring ist gerade dabei, ihre Glasperlen einzupacken. „Heute gingen Ohrringe und Schutzengel extrem gut“, erzählt sie von viel Publikum an ihrem Stand. Jetzt wolle sie nur noch essen und schlafen, sagt sie und strebt dem Kirchgarten zu. Barbara von Buhila (Böhl) lässt sich in Evis Kaffee-Oase nieder. Aus ihrer Korb-Kiepe räumt sie einen mittelalterlichen Umhang. „Falls die Nacht kalt wird“, erklärt sie. Den Wanderstab hat sie an die Zeltwand gelehnt und genießt den süßen orientalischen Mokka, den Evi ihr frisch aufgebrüht hat. „Niemand hat mehr Pferdekutschen über den Rhein gefahren als ich“, erzählt Barbara von zahlreichen Trossen, die sie etwa auf dem Weg von Maulbronn nach Speyer begleitet hat. Vor Christine Frohnhäusers Zelt duftet es nach Rosen, Lavendel, Zitrone und Ringelblume. Im Schein der zahlreich aufgestellten Feuerschalen und Kerzen verkauft die Seifensiederin ihre Erzeugnisse bis in den späten Abend. „Noch einen Likör, dann geht es auf den Strohsack“, ruft Kemmer ihre „Beginen“-Kameradinnen zum Zapfenstreich auf. Ihre Tochter greift zur „Erleuchtung“, dem Nachttrunk mit Rosmarin. Das Huhn auf ihrem Schoß ist schon eingeschlafen ...

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