Dudenhofen
Dudenhofen: Protestanten feiern Gottesdienst wegen Ansteckungsgefahr im Freien
„Ganz ehrlich, so etwas haben wir noch nie gemacht“, sagt Gemeindediakon Werner Bücklein. Seit 2001 arbeitet er in Dudenhofen. Er lässt den Blick in die Runde schweifen und nimmt das auf, was sich den Augen aller bietet. Menschen jeden Alters bekunden Zusammenhalt, Gemeinschaft und Hoffnung. Mehr als 60 Personen haben sich trotz des grassierenden Coronavirus zum Gottesdienst für Ausgeschlafene in veränderter Form gewagt.
„Normalerweise kommen deutlich mehr. Aber dafür, dass viele gar nicht mehr rausgehen, sind wir zufrieden“, fasst Bücklein im RHEINPFALZ-Gespräch sein Fazit zusammen. Von üblicherweise 150 bis 180 Menschen im 11-Uhr-Gottesdienst spricht Pfarrer Volker Glaser. Vor und nicht in der Kirche zu predigen, das ist auch für ihn ein Novum. Die Kirchengemeindeband hat sich im Gemeindehaus positioniert und die Flügeltüren weit geöffnet. Ihre Musik erreicht die Herzen an diesem Sonntag in besonderem Maße.
„Bitte nur drei Personen pro Bank“ steht auf Hinweisen, die auf den Bierbänken ausgelegt wurden. Am Zugang zum Gelände hat sich jeder Gottesdienstbesucher in eine Liste eingetragen. Name, Adresse, Telefonnummer, E-Mail. Eine Auflage des Gesundheitsamts, gegen die sich hier niemand wehrt. In Krisenzeiten schlägt die Gesundheitsvorsorge den Datenschutz.
Gegenwart Gottes soll sichtbar bleiben
„Ich gehöre zur Kirchengemeinde, habe geholfen, hier alles aufzubauen, und keine Bedenken, beim Gottesdienst dabei zu sein“, meint ein Ehrenamtlicher. Versichern kann er, dass sich alle im Vorfeld große Gedanken gemacht haben. „Wir reden das Risiko nicht klein und verschließen die Augen nicht vor der Gefahr“, betont Diakon Bücklein. Aber: Die Gegenwart Gottes soll sichtbar bleiben.
Die Menschen, die sich auf den Bänken und Kunststoffstühlen im Sicherheitsabstand von einem Meter niedergelassen und teilweise Sitzkissen und Wolldecken mitgebracht haben, sind konzentriert. Sie hören zu, richten den Blick auf Bücklein und Glaser als Mutmacher in einer nicht einzuordnenden Lage. Mucksmäuschenstill ist es auf dem Gelände während der Predigt des Pfarrers, die den Nerv der Zeit trifft.
Der Ruf „Gott, steh mir bei!“ ist laut Glaser immer zu hören, wenn Menschen an ihre Grenzen kommen. Er spricht von den aktuell verblassten schlimmen Themen der Welt wie Krieg und Klimawandel, von Verzicht, der plötzlich leicht falle, und von Sänger Adel Tawil, dessen Lied zum Einstieg gewählt wurde.
Predigt über Leben und Tod
„Ich dachte eigentlich, wir wären schon viel weiter“, zitiert ihn Glaser. Der Tod aber sei nicht abgeschafft, das Sterben bleibe bestehen. „Weil wir sündigen“, macht Glaser klar. Die Bibel empfiehlt er als Buch zum Ausprobieren, um neu zu erfahren, dass ein Leben nicht mit dem Tod aufhört. „Mit Gottes Beistand können wir in einer Welt von Coronavirus, Klimakrise und Bosheit leben. Im Tod ist der Beistand nicht zu Ende“, schließt der Geistliche seine Predigt.
Klaviertöne finden leise ihren Weg über das Gelände, ansonsten Stille. Die Gläubigen hängen besorgt ihren Gedanken nach. Der Gottesdienst für Ausgeschlafene im Freien hat ein Zeichen gesetzt. Die Sonne sendet wärmende Strahlen aus, und die ersten Frühlingsblumen in den Beeten strecken sich ihr entgegen. Einen Moment lang ist die eigene kleine Welt wieder im Lot. Die Hoffnung geht mit den Gläubigen nach Hause.