Neuhofen RHEINPFALZ Plus Artikel Altenheim-Bewohner trotz Impfung infiziert

In Neuhofen steht am Sonntag die zweite Impfrunde an.
In Neuhofen steht am Sonntag die zweite Impfrunde an.

Ausgerechnet eine Neuhofener Seniorenresidenz hat seit Tagen mit einem großen Corona-Ausbruch zu kämpfen. Denn die Einrichtung war als eine der ersten bei der Impfung an der Reihe. Trotzdem schlug das Virus zu. Wie kann das sein? Und was bedeutet das für den zweiten Impftermin?

Wie konnte das passieren? Da wurde die Neuhofener Seniorenresidenz als eine der ersten Altenheime in der Pfalz mit dem Impfstoff gegen Corona versorgt und am 27. Dezember auch gleich 104 Senioren und Mitarbeiter gegen das Virus geimpft – und keine Woche später hatten etliche sich dort dennoch angesteckt. Wie berichtet, musste die Residenz vor gut zehn Tagen 53 Ansteckungen unter den rund 120 Bewohnern und 13 unter den etwa 80 Mitarbeitern dem Gesundheitsamt melden.

Natürlich sei man auf Spurensuche, erklärt Christian Ernst, Leiter der Seniorenresidenz. Jedoch nicht, um Vorwürfe oder Schuldzuweisungen zu machen. Der „Quellfall“ konnte auch ganz gut einkreist werden – mit Sicherheit bestimmt wurde er aber nicht. „Dazu gibt es immer noch zu viele Eventualitäten“, sagt er. Laut Ernst hat sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bewohnerin, die aus einer Klinik entlassen wurde, dort oder auf anderen Wegen mit Covid-19 angesteckt. Routinemäßig wurde sie am Tag der Entlassung getestet. Das Ergebnis war negativ, doch sieben Tage später folgte ein positiver Test. Sie und die Kontaktpersonen gingen sofort in Quarantäne, dennoch verbreitete sich das Virus wie ein Lauffeuer in der Einrichtung.

Das i-Tüpfelchen

Angesteckt haben sich auch 36 Bewohner, die am 27. Dezember das erste Mal geimpft wurden. Die erste Impfung hat auch nicht verhindert, dass bei einigen der Verlauf schwer war und einige sogar im Krankenhaus behandelt werden mussten. Der Höhepunkt der Ansteckung war dann vor zehn Tagen erreicht, als 53 Bewohner und 13 Mitarbeiter positiv getestet wurden. Von den 53 Senioren sind auch acht mit der Covid-Erkrankung verstorben. „Zwei davon lagen bereits im palliativen Bereich“, sagt Ernst. Die meisten hätten bereits andere Erkrankungen gehabt – „Corona war sozusagen das i-Tüpfelchen“.

Die Lage habe sich mittlerweile deutlich entspannt, sagt der Residenzleiter. 20 Bewohner haben derzeit noch das Virus und sind in Quarantäne, bei zweien sei der Zustand kritisch. Am Sonntag werde trotzdem die zweite Impfdosis gegeben, denn: „Laut Auskunft des Impfkoordinators ist es kein Ausschlusskriterium, wenn jemand Covid hatte oder es hat. Nur Symptome wie Fieber sollten nicht vorliegen“, sagt Ernst. Darum entscheide auch erst kurz vor der Impfung ein Arzt, ob es die zweite Dosis gibt. Zwei Bewohner und 38 Mitarbeiter werden sich am Sonntag auch das erste Mal impfen lassen. „Einige Mitarbeiter haben ihre Skepsis aufgrund der bisherigen guten Erfahrung abgelegt“, sagt er und betont: „Auch darum bin ich gegen eine Impfpflicht und für Aufklärung und Freiwilligkeit.“

Die Bundeswehr hilft

Derzeit fehlen 14 Mitarbeiter, sie sind krank oder in Quarantäne. Da kommen die drei Soldaten aus Idar-Oberstein gerade recht. „Das Land hat uns diese Hilfe von sich aus angeboten – und sie kam sehr schnell“, erzählt der Leiter. Die Soldaten sind nicht im pflegerischen Bereich tätig, sondern in der Küche, bei logistischen Arbeiten und im sozialen Bereich. Letzteres heißt zum Beispiel, sie gehen auch mal mit den Senioren spazieren, lesen vor oder unterhalten sich mit den Bewohnern. All das komme aufgrund der personellen Engpässe derzeit zu kurz, sei aber dennoch wichtig.

Überhaupt lobt Christian Ernst die Zusammenarbeit mit Behörden und Ämtern. „Das Gesundheitsamt war jederzeit erreichbar, auch an den Feiertagen“, nennt er ein Beispiel. Auch aus dem Ort werde viel Hilfe angeboten, koordiniert durch Ortsbürgermeister Ralf Marohn (FDP). Ob die Kirchengemeinden, das DLRG oder das DRK – „all die Unterstützung nehmen wir dankend an“.

Kein Einzelfall

Andreas Werling, niedergelassener Arzt in Ludwigshafen-Süd und Vorstandsmitglied des Ärztenetzwerks Golu, weiß, dass der Corona-Ausbruch in der Neuhofener Seniorenresidenz kein Einzelfall ist. Auch in anderen Einrichtungen – unter anderem bei einer in Ludwigshafen – seien kurz nach der ersten Impfung Covid-19-Infektionen aufgetreten. Das sei aber auf keinen Fall auf die Impfung zurückzuführen, betont Werling. „Vielmehr hat sich da die Inkubationszeit, die bei fünf bis zehn Tagen liegt, mit dem Impftermin überschnitten.“ Denn klar sei: Die Schutzwirkung der ersten Impfung trete erst nach zehn bis 14 Tagen ein, und einen vollständigen Schutz bekomme man erst mit der zweiten Impfung. Laut Werling liegt der Schutz vor einer Infektion nach der ersten Impfung bei etwa 50 bis 80 Prozent. In der Regel helfe sie aber, dass keine sehr schweren Krankheitsverläufe auftreten. Einen umfassenden Schutz garantiere erst die zweite Impfung, die 21 bis 28 Tage nach der ersten Impfung, maximal aber 42 Tage später, erfolgen müsse.

Dass Corona-Infektionen nicht auf die Impfung zurückzuführen sind, lasse sich anhand der Eiweiße feststellen. Beim Rachenabstrich finde man andere Antigenproteine als diejenigen, die durch den Impfstoff entstünden, so Werling. Die Immunisierung werde also über zwei verschiedene Wege erreicht. Zu den Impfregeln erklärt der Mediziner: Ist jemand akut erkrankt und hat entsprechende Symptome, wird er nicht geimpft – was übrigens für jede Impfung gelte. Wer keine Symptome zeige, werde gegen Corona geimpft. „Da wird nicht noch mal überprüft. Eine unbemerkte Erkrankung nimmt man in Kauf, weil man keine Nebenwirkungen erwartet.“ Ist bei einer Person nachgewiesen, dass sie eine durch eine Laboranalyse bestätigte Covid-19-Infektion durchgemacht hat, sollte derzeit nicht geimpft werden. Die Ständige Impfkommission und das Robert-Koch-Institut gehen davon aus, dass diese Menschen aktuell geschützt sind. Es laufen aber noch Untersuchungen, daher gibt’s von den Expertengremien zu dieser Frage derzeit keine „abschließende Antwort“.

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