Sportschießen
Wettbewerbe mit Auflage sind „ein Segen für die Vereine“
Rita Berger, die deutsche Meisterin im Luftgewehrschießen von 1989, sitzt auf ihrem Hocker, den sie in der Höhe verstellen kann. An ihrer Schulter ruht der Schaft einer Waffe, einer Walther, die für sie ein Sportgerät ist. Der Lauf des Gewehrs liegt auf einem Podest, das sich Berger mit dem mitgebrachten Metermaß perfekt auf die für sie angenehmste Höhe eingestellt hat. Ihr Finger liegt ganz dicht am Abzug an. Ihr Auge sucht auf der 100 Meter entfernten Zielscheibe durch ein Zielfernrohr die Mitte.
Langsam erhöht die 70-jährige Dahnerin, die für den Schützenverein Münchweiler bei der Kreismeisterschaft in der Disziplin Kleinkaliber-Gewehr Auflage 100 Meter antritt, den Druck auf den Abzug: Dann bricht der Schuss. Auf einem neben ihr aufgebauten Monitor kann sie sofort erkennen, ob sie die Zehn und damit die Mitte der Zielscheibe getroffen hat, denn die Messung auf dem Schießstand des SV Edelweiß Waldfischbach erfolgt elektronisch. Und Rita Berger liefert ein fast perfektes Schießergebnis ab. Von 30 Schüssen landen 27 in der Zehn und drei in der Neun, das ergibt 297 Ringe und damit mehr als jeder der insgesamt elf Starter bei den Herren I (51 bis 60 Jahre) und Herren II (61 bis 65 Jahre).
Sogar schon 317 Ringe erzielt
Und das ist noch nicht einmal ihre Bestleistung. Im vergangenen Jahr erreichte sie in Hannover bei den deutschen Meisterschaften in dieser Disziplin den dritten Platz in ihrer Altersklasse (Seniorinnen III, 66 bis 70 Jahre) mit 312,6 Ringen. Da bei den nationalen Titelkämpfen eben jene elektronische Auswertung zum Zug kommt und dabei auch noch die Kommastellen hinter der erschossenen Ringzahl zur Ergebnisermittlung hinzugezogen werden, sind theoretisch bei 30 Schüssen 30-mal 10,9 Ringe, also 327 Ringe, möglich. „Bei der vorhergehenden Landesmeisterschaft, die als Qualifikation zur deutschen Meisterschaft geschossen werden muss, war ich sogar auf 317 Ringe gekommen“, berichtet Rita Berger.
Auch mit 70 Jahren mache es ihr noch sehr viel Spaß, mit der Waffe in der Hand möglichst mittig die Scheibe zu lochen. Es sei schon viel dran an dem Spruch „Schießen ist die Einheit von Körper und Geist“. Gerade die Möglichkeit, dies im fortgeschrittenen Alter mit aufgelegter Waffe zu tun, motiviere noch ein Stückchen mehr, denn „frei, ohne Auflage zu schießen, ist auf einem Niveau von früher nicht mehr möglich und das frustet“. Mit aufgelegter Waffe seien dagegen Ergebnisse von früheren Jahren und sogar noch darüber hinaus gut möglich.
Mit 79 noch gut in Schuss
Das zeigt auch das Beispiel von Dieter Burkhardt, einst ein sehr guter Schütze, der im Alter das Schießen aufgab, weil er die früheren Ergebnisse nicht mehr erreichte. Als er dann mal das aufgelegte Schießen probierte und durchaus gute Ringzahlen schoss, kehrte er wieder zu jenem Sport zurück, den er jahrzehntelang ausgeübt hatte, kaufte sich sogar neue Waffen. Heute ist Burkhardt 79 Jahre alt und war bei den Kreismeisterschaften „gut in Schuss“.
In ganz Deutschland erlebt das aufgelegte Schießen einen wahren Boom. 1600 Teilnehmer waren es bei der DM im vorigen Jahr, wobei das Auflegen nur bei bestimmten Waffen für Senioren ins Schießprogramm aufgenommen wurde. Sehr populär ist das Auflegen mit Luftdruckwaffen. „Die Erlaubnis, auflegen zu dürfen, war ein Segen für die Vereine, denn dadurch brechen die Schützen im Alter nicht weg“, betont der Chef des Sportschützenkreises Pirmasens, Ralf Kilb. So sei die Anzahl der Mitglieder im Kreis mit etwa 2000 seit Jahren stabil. Kilb: „Hat man einmal angefangen mit dem aufgelegten Schießen, kann man es fast nicht mehr sein lassen.“
Ärger über 9,9
Zurück zu Rita Berger: Sie schoss nicht nur äußerst gut, sondern auch noch recht schnell. „Das ist mein Rhythmus“, sagt sie dazu. Etwas länger für die 30 Wertungsschüsse benötigte indes Lucia Rötschke vom SV Waldfischbach, mit 52 Jahren das „Küken“ unter den Aufgelegt-Schützen. Erst vor zweieinhalb Jahren nahm sie erstmals eine Waffe in die Hand und schoss vergangenen Samstag als Tagesbeste 298 Ringe. Die zwei Neuner, die sie dabei schoss, ärgerten sie, denn diese waren, so wies es die unbestechliche elektronische Auswertung aus, jeweils eine 9,9, die auf Kreisebene nur als Neun in die Wertung eingehen. Kilb: „Solange nicht alle Kreise innerhalb des Pfälzischen Schützenbunds über eine elektronische Auswertanlage verfügen, wird auf Kreisebene mit ganzen Ringen ohne Kommastelle gewertet.“