Pirmasens „Wenn die Zuhörer weinen“

„Es musste einfach sein, es gab keinen anderen Weg. Musik gehört für mich dazu wie die Luft zum Atmen“, sagt Flötistin Tatiana Flickinger. „Und mit der Blockflöte fühle ich mich zu Hause.“ Die 1976 geborene Contwigerin und diplomierte Bauingenieurin kam früh mit Musik in Berührung: „Als ich vier Jahre alt war, schenkte mir meine Tante meine erste Flöte, eine ganz schreckliche Plastikflöte. Es hat nur so gequiekt, wenn ich sie gespielt habe.“
Bei dieser ersten Erfahrung sollte es nicht bleiben: „Mit fünf Jahren hat meine Mutter mich in die Musikschule nach Zweibrücken geschickt. Dort war ich mit älteren Kindern in einem Kurs, in dem neben Früherziehung Blockflöte gespielt wurde, und ich merkte: Die Blockflöte war mein Ding.“ Danach kam der Blockflötenunterricht, erst in der Gruppe, dann im Einzelunterricht, und so ging es während der ganzen Schulzeit weiter. „Als Teenie hab’ ich die Musik dann ganz bewusst für mich gemacht und hab’ herausgefunden, dass es für mich einfach zum Leben dazugehört. So mit 12 oder 13 Jahren war das Bewusstsein da: Die Musik gibt mir etwas. Es war ein Prozess – nicht ich habe die Musik, sondern die Musik hat mich entdeckt.“ Flötespielen war ein ganz normaler Teil von Tatiana Flickingers Alltag. Zwischen den Hausaufgaben wurde automatisch eine Stunde gespielt. Nach dem Abitur führte sie ihr Berufsweg zunächst in eine ganz andere Richtung: Sie beendete ein Bauingenieurstudium in Kaiserslautern, das sie sich durch Flötenunterricht finanzierte. Ermutigt durch ihren Mann, einen Architekten aus Contwig, den sie in München kennenlernte, fasste sie den Entschluss, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Nach der Geburt ihres Sohnes studierte sie Musik in München und Zürich. Seit 2013 ist sie Master of Performance. Sie spielte bei Festivals in München und mit Solisten der Münchner Philharmoniker, ist Mitglied der Rockband The Red Cherries und des Ensembles Ba.rock. Ein besonders schönes Erlebnis ist es für die Künstlerin, wenn Menschen ganz unbedarft in ein Konzert kommen und dann sagen: „Das hätte ich nicht gedacht.“ Musik soll Spaß machen, aber auch den Menschen etwas zum Nachdenken geben, sagt sie. Für die Musikerin ist es ein Unterschied, ob sie im Konzert spielt oder zu Hause. „Wenn ich übe, geht’s um mechanisches Können, nicht um Gefühl,“ stellt sie pragmatisch fest. „Im Konzert will ich den Menschen etwas vermitteln, und es ist ganz wichtig, dass etwas zurückkommt; die Kommunikation mit dem Publikum ist essenziell.“ Für Flickinger ist das Musizieren ein komplexer Prozess: „Musik machen bedeutet, dass ich versuche, den Zuhörern Gefühle zu vermitteln, damit sie sich diesen Gefühlen hingeben können. Wenn die Zuhörer weinen, ist es okay – wenn ich weine, klappt’s mit dem Spielen nicht mehr.“ Wenn sie allein mit ihrem Instrument ist – oder ihren Instrumenten, denn sie hat 31 Blockflöten, kann sie Grenzen ausloten, wie sie das Instrument dazu bringt, das zu tun, was sie gerade fühlt. Das hat etwas sehr Intimes. Ihr Repertoire konzentriert sich auf die Alte Musik bis etwa 1750 und auf die Neue Musik ab 1930. „Wenn ich etwas gehört oder gesehen habe, was ich gerne spielen würde, besorge ich mir die Noten. Dann überlege ich, ob ich Lust auf die jeweilige Besetzung habe. Und wenn ich allein mit den Noten da sitze, frage ich mich, was mir der Komponist sagen will. Dann spiele ich das Stück durch und mache mir meine Gedanken dazu.“ Vor allem der Austausch mit anderen Musikern ist ein ungemein spannende Sache für die Vollblutmusikerin. „Wie haben die anderen das gesehen? Und wie wird aus meinem Stück ein Stück des Ensembles? Bei so viel Begeisterung und Leidenschaft für ihre Arbeit erübrigt sich die Frage nach Tatiana Flickingers Hobby: „Mein Hobby ist mein Beruf“, meint die sympathische Künstlerin. „Aber ich lese auch viel, im Winter stricke ich manchmal Socken – und ich koche sehr gerne, am liebsten für meine Familie.“