Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Schuhmachermeister Thomas Krauch: Einer der letzten Schlabbeflicker

Schuhmachermeister Thomas Krauch plaudert aus dem Nähkästchen – über die kuriosesten Schuhe und Situationen, die in seinem Laden
Schuhmachermeister Thomas Krauch plaudert aus dem Nähkästchen – über die kuriosesten Schuhe und Situationen, die in seinem Laden in der Pirmasenser Luisenstraße passiert sind.

Vom Kletterschuh bis zu den extravaganten Pumps von Nachtclubtänzerinnen: Die Pirmasenser Schuhmacherei Krauch ist eine der letzten in der Stadt. In der vierten Generation arbeitet Thomas Krauch nun schon an kaputtem Schuhwerk. Ein Besuch bei einer Schlabbeflickerei, wo auch mal Absätze vorne montiert werden.

Die kuriosesten Schuhe, die Schuhmachermeister Thomas Krauch im Laufe seiner Karriere repariert hat, waren die der Damen des Pirmasenser Nachtclubs „Palais Madame“, damals noch gemeinsam mit seinem Vater Günter, der im November 2021 verstarb. Da seien tolle Prachtstücke dabei gewesen, erinnert er sich: mit Nieten oder in rotem Lack und knallig. In mörderhackig-hohen Plateaus seien beispielsweise im Durchbruch Herzen eingearbeitet gewesen, erzählt Krauch fasziniert. Damit könne man heute niemandem mehr hinter dem Ofen hervorlocken, sagt er mit einem Lachen. Aber damals seien diese Schuhe eben etwas ganz Besonderes gewesen. Diese Tänzerinnen, die auf Tournee in Pirmasens gastierten, seien immer gute Kundinnen gewesen, erinnert sich Krauch. Was die Reparatur kosten sollte, sei nie vorab gefragt worden. „Die haben einfach bezahlt“, erzählt der Schuhmachermeister, Jahrgang 1963.

„Meine liebsten Aufträge sind Reparaturen von Bühnenschuhen“, erzählt er. Ein Hersteller von Theaterschuhen käme immer wieder auf ihn zu, wenn Not am Mann sei. Das mache ihm einen Riesenspaß – die Vorstellung, dass er Requisiten in den Händen halte. Momentan habe er einen Bühnenreitstiefel in Reparatur, erzählt er und zeigt ihn stolz. Noch mehr Spaß mache ihm allerdings die Reparatur eines klassisch hochwertigen Herrenschuhs aus Leder, der rahmengenäht ist und den man schön polieren könne. „Da kann ich handwerklich beweisen, was ich kann“, betont er. Die habe er aber selten im Geschäft, weil das die Mode einfach nicht bediene.

Kletterer gehören zu Stammkunden

Kunden, die orthopädische Schuhe bei ihm reparieren lassen, kämen dagegen umso mehr. Beinlängen ausgleichen und Abrollhilfen seien da beispielsweise gefragt. „Dafür habe ich eine Krankenkassenzulassung“, erzählt Krauch. Auch Kletterschuhe repariere er immer öfter. Da werde der vordere Bereich wieder aufgebaut, der sich am Felsen abgeschubbert hat. Nach wie vor sei aber der Turnschuh das meistreparierte Modell.

Auch sogenannte „Elbkähne“ seien heute unproblematisch. Früher habe er Mühe gehabt, für Kunden mit Schuhgröße 50 oder größer passende Sohlen zu finden. In solchen Fällen habe er damals die Profilsohle im Gelenk auseinandergeschnitten und ein Stück eingesetzt, erklärt Krauch. Besonders große Füße hätten übrigens die Amerikaner gehabt, als die noch in der Stadt waren. Heute sei Material glücklicherweise in allen Varianten zu bekommen. Richtig außergewöhnliche Sachen finde man eigentlich nicht mehr. „Es gibt eben alles“, sagt Krauch. Trotzdem: Wenn junge Kerle Schuhgröße 44/45 hätten, könnten die Eltern nur hoffen, dass die Füße aufhören zu wachsen, scherzt er. Bei Größe 47 werde die Luft dann doch dünn.

Wanderschuh-Reparatur lohnt sich

Die aufwendigste Reparatur für seinen Vater sei übrigens gewesen, als Kunden ihm ihre Ledercouch anvertraut hätten. Auch bei ihm sei es vorgekommen, dass jemand mit einem Cabriolet vorgefahren sei und eine Reparatur von Verdeck und Sitzen gewünscht hätte. „Diese Leute sind beim Sattler aber besser aufgehoben“, bekräftigt Krauch.

Die für ihn komplizierteste Reparatur seien komplett neue Böden für Wanderschuhe.„Wenn der Unterbau kaputt ist, wird der neu aufgebaut“, erklärt der Schuhmachermeister. Das passiere im Pfälzerwald oft und lohne sich bei dem Preis, den neue Wanderschuhe heute haben. Außerdem seien Wanderschuhe umso wertvoller, wenn sie eingelaufen seien. „Da wissen die Kunden wenigstens, dass sie passen und den Touren standhalten“, begründet Krauch, der mit 18 Jahren bei seinem Vater eine Ausbildung zum Schuhmacher begann. Nach absolvierter Lehre und Gesellenzeit, hat er zügig den Meister drangehängt. „Mein Vater hat mich ganz schön getriezt“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Trotzdem sei es nach wie vor sein Traumberuf. 1989 hat er sogar die jahresbeste Meisterprüfung hingelegt. Heute führt er den im Jahr 1910 von seiner Familie gegründeten Handwerksbetrieb in der vierten Generation.

100-Mark-Wette: Absätze vorne montiert

Und dann gibt es da etwa ein dutzend Schuhe, die bei Krauch ein Schattendasein fristen. Nach Corona seien ganz viele Schuhe nicht mehr abgeholt geworden, weil sie von den Leuten vergessen worden sind. „Erbstücke“ nennt er sie schmunzelnd. Was er mit ihnen macht? „Ich schau’ mir die Namen an und hebe sie auf“, erzählt der Schuhmachermeister. Die Stammkunden kämen ja irgendwann wieder. „Viele Kunden haben eben so viele Schuhe, dass sie den Überblick verlieren“, weiß er aus Erfahrung. Das liege in der DNA der Pirmasenser, scherzt er. Die seien in dieser Hinsicht einfach wahnsinnig verwöhnt.

Dann fällt ihm noch eine Anekdote ein. Sein Vater Günter habe einmal die Absätze bei einem Schuh vorne an der Spitze angebracht, einfach um zu zeigen, dass das geht. Das sei eine Wette gewesen, erzählt Krauch amüsiert. „Mein Schuhmacher kann das“, habe ein Bekannter des Vaters behauptet – und Recht behalten. 100 Mark habe den Verlierer der Wette damals diese Herausforderung gekostet. Anschließend seien die Absätze dann wieder an die richtige Stelle gesetzt worden.

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