Pirmasens
Schluss mit Tabus: Warum sich keine Frau für Inkontinenz schämen muss
Mit dem 56-jährigen Gerald Staudenmaier, der im Februar als Chefarzt nach Pirmasens kam, hat die Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe im Städtischen Krankenhaus neue Schwerpunkte bekommen. Während er bei der Geburtshilfe neben der medizinischen Expertise viel Wert auf die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung legt, baut Staudenmaier die Urogynäkologie aus. Dabei geht es zum Beispiel um Inkontinenz und Beckenbodenbeschwerden bei Frauen. Für das neue Pirmasenser Beckenbodenzentrum erfülle das Pirmasenser Krankenhaus bereits alle nötigen Auflagen.
Bei einem klinischen Zentrum arbeiten Mediziner aus verschiedenen Abteilungen zusammen, um ihre Kenntnisse zum Wohle der Patienten zu vereinen. Gynäkologie, Urologie und Bauchchirurgie sind es in diesem Fall, die sich zusammengetan haben. „Erkrankungen wie Beckenbodensenkung und Inkontinenz sind häufig fachübergreifend“, erklärt Staudenmaier das neue Zentrum. Seine wöchentliche Sprechstunde zum Thema sei auf acht Wochen ausgebucht. „Es gibt einen Riesenbedarf.“ Laut offiziellen Zahlen leide jede zehnte Frau unter so starken Beschwerden, dass sie nicht normal ihrem Alltag nachgehen kann. Die Dunkelziffer ist laut Staudenmaier deutlich höher, denn die Scham sei bei vielen Betroffenen groß. Diese Einschätzung entspricht Angaben des Robert-Koch-Instituts.
Ursachen: Geburten, Turnen, Übergewicht
Neu sei die Art der Therapie einer Beckenbodensenkung: Vor Staudenmaiers Arbeitsantritt habe man in Pirmasens in diesem Bereich „sehr wenig gemacht“. Sein Vorgänger Dieter Mink habe andere Schwerpunkte gehabt. Das Krankenhaus in Pirmasens habe eine Senkung oft mit einem Pessar therapiert, einem Hilfsmittel aus Kunststoff, die die Frauen regelmäßig in die Vagina einführen, um die Schleimhaut mechanisch zurückzuhalten. Doch eine Operation hält Staudenmaier in vielen Fällen für hilfreicher – zumal sie das Problem langfristig erledige und die Frauen im Alltag freier würden. Das ständige Einführen und Herausholen sowie Eincremen belaste die Patientinnen dann nicht mehr. Bei der OP, die in der Regel eine halbe Stunde dauere, wird die Schleimhaut mithilfe von kleinen Netzstreifen wieder im Körper befestigt.
Die Ursachen für Probleme mit dem Beckenboden liegen in Traumata begründet: Eine Geburt beispielsweise strapaziert den Beckenboden in erheblichem Maß und kann später zu Inkontinenz führen. „Dabei ist es egal, ob eine Frau fünf oder sieben Kinder bekommen hat: Entscheidend ist die erste Geburt. Das ist das größtmögliche Trauma, was man einer Frau zumuten kann“, erklärt Staudenmaier. Die Größe des Kindes sei entscheidend für die Beanspruchung des Beckenbodens. Auch besonders lange Geburten können ein starkes Beckenbodentrauma verursachen. Das Gleiche gelte, wenn das Kind sehr schnell kommt und das Gewebe der Mutter keine Zeit hat, sich vorzudehnen.
Gebärmutter? Brauchen Sie nicht mehr
Rückbildungsgymnastik nach der Geburt kann helfen, aber viele ältere Frauen haben das nie gemacht. Zudem wurde früher Frauen mit etwa 40 Jahren häufig die Gebärmutter entfernt, ohne medizinischen Grund und obwohl sie den Beckenboden stabilisierte. „Man hat ihnen gesagt: Die brauchen Sie nicht mehr. Und so sitzt die Sprechstunde hier voll mit lauter Omis zwischen 75 und 90, die massive Probleme haben“, berichtet der Gynäkologe. Auch körperlich harte Arbeit und Übergewicht strapazieren den Beckenboden.
Die Folge kann sein, dass die Schleimhaut „bis zum Oberschenkel hängt“, sagt der Mediziner. Die Frauen hätten Probleme, Wasser zu lassen sowie entzündete Stellen. „Manche sind dabei schambehaftet, was völlig unnötig ist. Da kann niemand was für.“ Doch viele Patientinnen kapselten sich ab, mieden Gesellschaft und vor allem Ausflüge, bei denen nicht ständig eine Toilette in Reichweite ist. Auch Sexualität falle für viele weg: „Sie sagen, es ist ihnen peinlich, dass sie Urin dabei verlieren.“ Dabei würden viele Frauen nach der Operation wieder sexuell aktiv. Staudenmaier berichtet von Frauen, die 30 Jahre lang Beschwerden hatten und sich nun endlich behandeln ließen. Er habe Respekt davor, diesen Schritt im Alter noch zu gehen, sagt der Arzt. Die Lebensqualität steige damit beträchtlich.
„Das alles ist traurigerweise überhaupt nicht publik – auch 2026 nicht“, sagt der Chefarzt. Auch jüngere Frauen schämten sich für Inkontinenz beim Husten oder Niesen, obwohl sie verbreiteter sei als gedacht. Staudenmaier nennt Turnerinnen als Beispiel, deren Beckenboden ständig massiven Erschütterungen ausgesetzt sei. „Die Hochleistungsturnerinnen sind zu 80 Prozent inkontinent“, obwohl es oft junge Mädchen seien, berichtet der Chefarzt.
