Pirmasens Pirmasens: Bauhilfe mit Stadtentwicklung verzahnt
Seit 1918 engagiert sich die Stadt mit einer eigenen Gesellschaft im sozialen Wohnungsbau. Die Bauhilfe agiert heutzutage als moderne Kapitalgesellschaft, deren Gesellschaftsanteile sich zu 100 Prozent in städtischer Hand befinden. Im Vorfeld der heutigen Jubiläumsfeier standen Geschäftsführer Ralph Stegner und Dezernent Jürgen Stilgenbauer Rede und Antwort.
Früher gab es bundesweit einen nahezu homogenen Wohnungsmarkt. Das ist bei weitem nicht mehr so. Wir haben heute heterogene Wohnungsmärkte, insbesondere in den Schwarmstädten, wo ein steter Zuzug herrscht. Dazu gehört Pirmasens nicht. Aber die Bauhilfe Pirmasens hat in den vergangenen Jahren gemerkt, dass es wieder zurückgeht in die Stadt, dass wir als Mittelstadt eine Re-Urbanisierung erleben. Was der Oberbürgermeister sagt: eine Renaissance der Mittelstädte. Richtig. Das merken wir tatsächlich, etwa beim Patio-Projekt. Die Menschen zieht es nicht nur aus dem direkten regionalen Umfeld in die Stadt, sondern auch von weiter außerhalb. Beispielsweise hat sich ein Ehepaar aus Heusenstamm im Landkreis Offenbach ganz bewusst für Pirmasens entschieden. Das waren wir bisher nicht gewohnt, dass so jemand für seinen Lebensabend Pirmasens auswählt. Dabei geht es hier nicht nur um die Mietpreise, sondern es geht auch um den Mehrwert. Die Menschen haben erkannt, dass es sich in den kleineren Städten gut leben lässt und auch kulturell vieles geboten wird. Neben einem vielleicht besseren Klima sind die Mittelstädte versorgungstechnisch gut ausgestattet und bieten eine ausgereifte Infrastruktur. Ist denn die Bauhilfe gerüstet für den Zuzug weiterer Menschen, auch unter Berücksichtigung der Migration, die aktuell ein Thema ist? Insgesamt schon. Vielleicht müssen wir noch an dem ein oder anderen Angebot die Stellschrauben drehen. Es ist eines unserer Ziele, ein zukunftsorientiertes Wohnangebot zu erarbeiten. Viele Projekte haben wir schon auf den Weg gebracht, für unterschiedliche Zielgruppen, um die unterschiedlichen Bedarfe und Wünsche umsetzen zu können. Die Vermietung heute ist ein ganz anderer Prozess als früher, weil die Wünsche, die Ansprüche und die Erwartungen ganz individuell sind. Und noch ein Wort zur Migration: Seit 2015 haben wir die Situation, dass immer mehr Menschen nach Pirmasens gekommen sind beziehungsweise zugewiesen wurden und Wohnraum benötigten. Wir konnten unbürokratisch und schnell Wohnraum anbieten, ohne Sammelunterkünfte einrichten zu müssen. Wir haben 92 anerkannte Asylanten, die mit einem eigenen Mietvertrag bei uns wohnen. Der Bestand wuchs langsam, aber stetig. Begonnen hatte alles mit der Förderung eines kleinen Hauses mit drei Wohnungen, später kamen über 100 Wohnungen am Weißhof und über 100 Siedlerstellen am Sommerwald dazu. Worin unterscheiden sich eigentlich die Bedürfnisse der Menschen von damals und heute? Viel Komfort gab es damals noch nicht, es wurden sogar Häuser gebaut ohne zentrale Heizung; sehr viele in den 50er/60er Jahren. An dieser Entscheidung tragen wir heute noch schwer. Unsere jungen Auszubildenden verstehen nicht, warum damals keine Heizung eingebaut wurde. Auch die Waschräume waren sehr klein, das Bad war noch nicht so im Mittelpunkt gestanden. Wichtig war natürlich auch die Familienstruktur. Das heißt, viele Menschen haben auf kleiner Fläche gewohnt. Das hat sich extrem geändert. Heute wohnen unter Umständen eine oder zwei Personen in 80/90 Quadratmeter. Früher also mehr familienbezogen, heute gibt es viel mehr Single-Haushalte als früher. Ist das auch für Pirmasens symptomatisch? Wir haben über 50 Prozent Single- Haushalte in Pirmasens. Bedingt durch die Historie haben wir überwiegend kleinere Wohnungen im Bestand. Große Wohnungen gibt es meist nur in den Hochhäusern. Aber die Erwartungen und die Ansprüche an Wohntrends haben sich in den vergangenen Jahren erheblich geändert. Wohnung ist nicht gleich Wohnung, sondern ist mittlerweile ein Wellness-, Pflege- oder ein Arbeitsstandort geworden. Diesem Aspekt haben wir in den vergangenen Jahren mit unseren Sanierungen Rechnung getragen. Beispielsweise wurden in den Häusern Winzler Straße 119 und 123 die Grundrisse vergrößert, so dass dort aus 24 kleineren Wohnungen 16 große entstanden sind. Wer kann bei der Bauhilfe eine Wohnung mieten? Sind gewisse Einkommensgrenzen nachzuweisen? Nur noch 22 Prozent unseres Bestandes sind so genannte Sozialwohnungen. Das sind über 400 Wohnungen. Diese Sozialwohnungen unterliegen einer Preis- und Belegungsbindung. Hier ist es erforderlich, dass man einen Einkommensnachweis führen muss, um eine dieser Sozialwohnungen zu bekommen. Der überwiegende Bestand ist frei finanziert, ist frei belegbar, ohne jegliche Einschränkungen. Deswegen bietet die Bauhilfe für alle Zielgruppen Wohnraum an. Das wird auch deutlich, wenn wir unsere Wohnprojekte der vergangenen Jahre betrachten, wo wir versucht haben, für Menschen mit Handicap, für ältere Menschen, die sich keine Wohngruppensituation leisten können aufgrund ihrer Rentensituation, eine Wohnform zu finden. Ich nenne das Beispiel Berliner Ring 88. Vor vielen Jahren stand hier die Hälfte der Wohnungen leer. Das hat sich heute durch die gute Arbeit in der Wohngruppe und mit den Bewohnern geändert. Es gibt sogar eine kleine Warteliste. Ist Wohnraum bei der Bauhilfe auch für Kleinverdiener bezahlbar? Die Bestandsmieten sind, soweit die Häuser nicht aufwendig saniert wurden und werden, günstig am Markt. Unsere unternehmensweite Durchschnittsmiete beträgt 3,89 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Im sanierten Bestand liegen wir zwischen 4 und 4,80 Euro. Ich gehe allerdings davon aus, dass in den nächsten Jahren die Mietpreise steigen werden. Da werden auch wir die Mietpreise anpassen müssen. Was immer wieder beklagt wird, ist die Höhe der Nebenkosten. Viele sprechen von einer zweiten Miete. Wie steht die Bauhilfe dazu? Nebenkosten und Betriebskosten entstehen durch die Bewirtschaftung. Wir müssen versuchen, intelligente Lösungen zu finden, um diese Kosten, die tatsächlich da sind, ein bisschen anders zu verteilen. Was wir schon seit Jahren praktizieren ist eine energetische Sanierung beziehungsweise eine intelligente Wärmeversorgung. Wir wollen in den nächsten zehn Jahren versuchen, eine zentrale Wärmeversorgung in den Wohnquartieren zu bekommen. Dadurch werden auf jeden Fall die Heizkosten reduziert. Das Patio-Projekt ist ein bisschen schwer angelaufen, stellt sich heute aber als Erfolg dar. Ja. 2011 wurde das erste Haus gebaut, 2013 war der Einzug in dieses Haus. Davor liegt eine lange Durststrecke. Aber die haben wir auch gebraucht. Es war viel Arbeit, aber wir wollen auch die Bevölkerung mit einbeziehen. Das ist nur teilweise gelungen. Wir waren eigentlich zu früh. Aber Gott sei Dank hat es geklappt, dass wir die richtigen Weichen gestellt haben. Damals gab es bundesweit noch kein einziges derartiges Wohnprojekt. Ich habe in den Jahren 2008 bis 2010 unser Modell in verschiedenen deutschen Städten vorgestellt. Heute gibt es solche Initiativen bundesweit. Und es hat in Pirmasens Aktivitäten von Investoren initiiert. Welche Projekte geht die Bauhilfe als nächste an? Wir haben viele Ideen, werden aber zunächst konsolidieren. In diesem Jahr setzen sich die Entscheidungsträger nochmals zusammen, um über die Zukunft der Bauhilfe zu beraten. Ich glaube, die Bauhilfe ist in den vergangenen 100 Jahren nur zusammen mit der Stadtentwicklung und der gesellschaftlichen Entwicklung zu sehen. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns Gedanken machen, welche Zielgruppen wir bedienen müssen und welche gesellschaftlichen Entwicklungen es in Pirmasens geben wird. Und wie wir dies mit passenden Angeboten unterstützen können. Mit Sicherheit werden wir unser Zielgruppenwohnen ausbauen.