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Bernd Kaufmann
Bernd Kaufmann

„Ein Pfälzer in Wahnmoching“ heißt der neue Roman von Bernd Kaufmann. Das Buch handelt von Unglaublichem.

Zweibrücker, die über Zweibrücker schreiben, gibt es einige. Aber was passiert, wenn der Protagonist aus der Herzogstadt über 120 Jahre zurück nach München reist? In der Novelle „Ein Pfälzer in Wahnmoching“ von Bernd Kaufmann erfährt man das – und liest von Unglaublichem. Protagonist Alfred Schuler stößt im Buch auf eine Gesellschaft, die unsagbar arrogant, verschlossen und unantastbar daherkommt. Nach dem Tod des Vaters, der Oberlandesgerichtsrat am höchsten Gericht der bayerischen Pfalz in Zweibrücken war, kommt der Sohn mit seiner Mutter von Zweibrücken nach München, in den Stadtteil Schwabing, den manche „Wahnmoching“ nannten. Dort versammeln sich viele Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur.

Jener illustre Kreis, dem auch der Dichter Stefan George angehört (der wie Schuler tatsächlich gelebt hat), wird durch die Denkweisen Schulers gehörig durcheinandergewirbelt. Er hat Ansätze im Kopf, die Ende des 19. Jahrhunderts nicht gerade alltäglich sind. Und Schuler hat ein Ziel: Er möchte „den menschlichen Intellekt auf jene höhere Stufe ans Licht“ heben. Im Büchlein heißt es: „Diese Wiedergeburt der besonderen Form metaphysischen Denkens bezeichnete Schuler als Blutleuchte.“ Er möchte bisherige Denkweisen aufbrechen wie die Eisschicht auf einem See. Er will den Menschen klarmachen, dass – für ihn profane – Dinge wie Geld oder Materialismus im Vergleich zum verborgenen Glück, das er dank seines wachen Geistes manchmal erfährt, völlig unbedeutend sind.

Figuren, die wirklich gelebt haben

Je mehr man liest, desto mehr erfährt man, wie die Figur denkt. Damit einher gehen ausführliche Abhandlungen über Jesus Christus, die Antike, die Freimaurer oder das Judentum. Man sollte sich Zeit nehmen für die Novelle, die mit Sicherheit nicht jeden Geschmack trifft. Wegen der teils längeren Ausschweifungen zu historischen Begebenheiten und den Vorträgen Schulers übersteht sie vielleicht nicht gerade jeden Geduldsfaden. Man muss sich auf die Erzählung einlassen, sollte aber keine Unterhaltungsliteratur erwarten, in der man vor dem Schlafengehen mal eben noch ein bisschen schmökern kann.

Auch wenn man sich durch manche Passagen hindurchkämpfen muss, stößt man immer wieder auf interessante Denkanstöße. Manchmal schimmern diese Stellen im Buch wie kleine, einzigartige Inseln in einer riesigen Bucht aus Meerwasser. Wenn man zu den Inseln gelangt, ist man froh, weitergeschwommen zu sein. Irgendwann kommt man sich vor, als würde man gemeinsam mit Schuler in dessen Gedankenwelt eintauchen. Allzu viel Handlung hat Autor Bernd Kaufmann, der in Berlin geboren wurde und in Zweibrücken ein Marketingunternehmen gegründet hat, nicht in die Erzählung gepackt. Hauptfigur Alfred Schuler wird von der Gesellschaft, die ihm anfangs so unsympathisch war, in ein Kaffeehaus eingeladen, wo sich alle ein bisschen beschnuppern.

Drei gute Gründe für die Lektüre

Der zu seiner Zeit große Dichter Stefan George will unbedingt in den von Schuler erwähnten Kreis aus Personen, die ähnlich denken wie Schuler selbst. Auf einer Faschingsveranstaltung erklärt er: „Das Totenreich ist das unerhörte Dasein, die tatsächliche Existenz, das ewige Leben.“ Schließlich wird eine Gruppe gegründet, die sich „Kosmiker“ nennt. Sie wollen, so Schuler bei der feierlichen Gründungszeremonie, bei der ihm symbolisch eine kunstvoll gearbeitete Weltkugel in die Hände gelegt wird, „eine Welt des Wissens und der Erkenntnis im Wettstreit zwischen Gut und Böse errichten“.

Wenn man bereit ist, sich der Ideenwelt Schulers, der heute noch als Seher und Visionär angesehen wird, zu öffnen, bietet die Novelle dreierlei: Man stößt auf unheimlich schöne, mal bildhafte, mal intelligente und blumige Beschreibungen, die in eine elegant-eloquente Sprache verpackt sind. Zweitens findet man sich plötzlich in einer Zeit vor über 120 Jahren wieder samt damaliger Umgangsformen und Einblicken in, die gut recherchiert wirken. Und man liest von Schulers Ansätzen, aus denen man vielleicht was für sich mitnehmen kann. Über viele Theorien kann man noch lange nachdenken, denn sie gehen einem unter die Haut.

Info

Bernd Kaufmann, „Ein Pfälzer in Wahnmoching“, 104 Seiten, Verlag Regionalkultur, 2025.

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