Pirmasens
„Morgen bist du tot“: So verbreitet ist Cybermobbing in der Südwestpfalz
Herr Mistler, Cybermobbing – gibt es das bei uns überhaupt?
Durchaus. Das ist sogar ein sehr großes Thema. Bei uns landen zwei bis drei Fälle pro Woche auf dem Tisch. Wobei wir von einer enormen Dunkelziffer ausgehen. Ich schätze, dass 70 Prozent der Fälle gar nicht zu uns gelangen. Betroffene trauen sich oft nicht, sich jemandem anzuvertrauen.
Wieso hat das Cybermobbing so zugenommen?
Das hat mit den sozialen Medien zu tun. Es ist leichter, jemanden über Instagram, Snapchat, Whatsapp oder Tiktok zu beleidigen und bedrohen als von Angesicht zu Angesicht.
Worüber reden wir, was wird da so geäußert?
Schon 13- bis 14-Jährige schreiben sich heute Nachrichten wie „Morgen bist du tot“, „Wenn ich dich noch mal sehe, lebst du nicht mehr“ oder „Wenn du in die Schule kommst, passiert was, ich habe ein Messer dabei“. Wir beobachten, dass der Umgangston da deutlich rauer wird.
Wie alt sind die Kinder und Jugendlichen?
Das fängt in der fünften und sechsten Klasse an, also bei den Zehn- bis Elfjährigen, und setzt sich fort bis in die zehnte, elfte Klasse. Wobei die Großen dann schon wieder vernünftiger sind.
Wie werden Cybermobbing-Fälle bekannt?
Die Kinder haben zum Beispiel Angst, in die Schule zu gehen. Die Eltern bohren dann nach, weil das Kind schon zwei Wochen nicht mehr in der Schule war. Oder die Lehrer bekommen etwas mit.
Worum geht es bei diesen Mobbing-Geschichten?
Manchmal wird jemand gedisst, weil er nicht dem Schönheitsideal entspricht. Die Gründe sind vielfältig. Das sind meist ganz banale Anlässe. Zum Beispiel: Zwei Mädchen sind befreundet, dann verstehen sie sich auf einmal nicht mehr, und die eine befreundet sich mit einer anderen. Das schaukelt sich dann hoch.
Und dann wird so ausgerastet?
Ja, leider häufig.
Fällt Ihnen ein Beispiel ein?
Auf einem Volksfest hat ein Mädchen einem anderen aufgelauert und es in eine dunkle Ecke gezogen. Da gab im Vorfeld es schon Anfeindungen. Das Mädchen ließ das andere vor sich knien und zwang es, ihm die Füße zu küssen, indem es ihm ein Messer vorhielt. Das Ganze wurde gefilmt und in den sozialen Medien veröffentlicht. Das Opfer war 13, die Täterin 16. Da haben noch weitere Mädchen mitgemischt, denn die Täter solidarisieren sich häufig, suchen sich eine Gruppe. Dem Opfer wurde im Video noch ein Totenkopf aufgesetzt, um es unkenntlich zu machen, aber natürlich wird doch herumerzählt, wen man da gestellt hat.
Gibt es sowas wie klassische Opfer?
Hin und wieder natürlich schon. Aber manchmal stellt sich auch im Laufe der Ermittlungen heraus, dass das offensichtliche Opfer auch seinen Beitrag zum Geschehen geleistet hat.
Wie reagieren die Eltern?
Die sind oft sehr überrascht, bei Tätern wie bei Opfern, was ihr Kind zum Konflikt alles beigetragen hat.
Wie gehen Sie als Polizei vor bei Cybermobbing?
Je nachdem, was, vorgefallen ist, halten wir erst mal eine sogenannte Gefährderansprache im Beisein der Eltern oder der Lehrer.
Das wirkt?
Natürlich erreichen wir mit unseren Präventionsmaßnahmen nicht alle. Die, die oft mit uns zu tun haben, beeindruckt so eine Ansprache oftmals nicht. Es wird immer eine Strafanzeige gefertigt, die an die Staatsanwaltschaft geht. Die Verfahren werden hin und wieder eingestellt, aber nicht immer. Mit der Anzeige geht auch immer eine Meldung ans Jugendamt. Das Amt beziehungsweise die Familienhilfe hat noch weitere Möglichkeiten, mit den betroffenen Familien Kontakt aufzunehmen, um eine Lösung zu finden. Auch dann, wenn es sich um strafunmündige Kinder handelt.
Und wenn das Verfahren nicht eingestellt wird?
Dann gibt es meist Sozialstunden, etwa beim Friedhofsamt oder bei der Kirchbergwerkstatt.
Geht es in der Stadt mehr zur Sache als im Landkreis?
Nein, das kann man so nicht sagen. Auch im Landkreis kenne ich Schulen mit zahlreichen Cybermobbing-Fällen.
Kommt es auf die Schulform an?
An Gymnasien ist der Ton eindeutig ein anderer als an Realschulen plus. Ich habe den Eindruck, dass die Kinder an Gymnasien sich eher der Tragweite ihrer Taten bewusst sind.
Sie haben eben von Messern gesprochen. Kommen Jugendliche wirklich mit Messer in die Schule?
Manche haben tatsächlich eine Stichwaffe dabei. Sei es aus Imponiergehabe oder weil man meint, die anderen haben eine, ich brauch’ auch eine, um mich im Ernstfall zu verteidigen.
Zurück zum Cybermobbing. Besorgte Eltern fragen sich: Was kann ich tun, damit mein Kind weder Opfer noch Täter wird?
Die Eltern müssen sich bewusst machen, welche Gefahren durch die sozialen Medien entstehen. Sobald sie ihrem Kind den Zugang gewähren, müssen sie auch Aufklärungsgespräche führen. Die Schulen tun schon einiges, um Kindern die Gefahren des Internets zu erklären. Auch wir als Polizei leisten Präventionsarbeit, indem wir durch Vorträge an den Schulen auf die Gefahren im Umgang mit den sozialen Medien hinweisen und aufzeigen, wie man sich vor diesen Gefahren schützen kann und wie man handeln sollte, wenn man zum Opfer wurde.
Und wenn ich meinem Kind erst gar kein Handy erlaube?
Dann besteht die Gefahr, dass es allein dadurch zum Angriffsziel wird, weil es damit ein Außenseiter ist. Wir reden über eine Gratwanderung.
Was tun, wenn man schon eine Zielscheibe ist?
Wir raten dazu, auf Anfeindungen erst gar nicht zu reagieren, dann wird man irgendwann uninteressant.
Auch beim Sexting, wenn man freizügige Fotos von sich an andere schickt, kann ja einiges schiefgehen. Was erleben Sie da für Fälle?
Gerade neulich hatten wir einen Jungen, der Fotos von sich gemacht hat, die irgendwie von einem Fremden abgegriffen wurden. Der schickte ihm dann Nachrichten und wollte 20 Euro erpressen. Wie sich herausstellte, saß der Täter in Afrika. Wir wissen nicht, wie er an die Fotos kam. Und dann gab es den Fall einer Zwölfjährigen, die sich und ihren Intimbereich fotografierte und alles in die Whatsapp-Schülergruppe stellte. Da herrschte eine völlige Unbedarftheit. Sie war der Meinung, das ist ganz normal.
Dabei muss man doch inzwischen wissen: Einmal in der Welt, kann ein Bild nicht mehr gestoppt werden.
Ganz häufig haben wir den Fall, dass ein Pärchen sich während der Beziehung Fotos zuschickt, die Beziehung geht in die Brüche, und die Bilder machen die Runde. Auch da ist die Dunkelziffer sehr hoch, weil die Scham sehr groß ist.
Wie kann man sich davor schützen?
Auch wenn die Liebe noch so groß ist – keine solchen Fotos machen und schon gar nicht verschicken. Dazu kommt: In Zeiten von KI kann man jedes Bild missbrauchen. Wobei es schwer ist, den Leuten dazu begreiflich zu machen. Heute ist es normal, dass man alles Mögliche fotografiert und teilt: sein Essen, wen man irgendwo essen geht, wie man sich schick gemacht hat, ehe man ausgeht. Kinder lernen anhand solcher Sachen.
