Pirmasens Matheis legt Missstände offen

Es war eine mutige Rede. Matheis sprach Missstände an und legte den Finger in Wunden, wohl wissend, dass manches, was er sagte, „wahrscheinlich politisch im höchsten Maße unkorrekt ist.“ Beispielsweise wenn er Empfänger staatlicher Hilfen aufforderte, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Es sei nämlich keine schicksalhafte Entwicklung, wenn junge Leute, die Hartz-IV beziehen, zum zweiten oder dritten Mal Privatinsolvenz anmelden, weil sie Ratenzahlungsverträge für Tausende Euro für Smartphones, Großbildfernseher und Kleidung abgeschlossen haben, die sie nicht bezahlen können; es sei nicht schicksalhaft, wenn junge Eltern ihre Kinder zu Kindergarten- oder Schulzeiten morgens sich selbst überlassen und mit Bußgeldbescheiden darauf hingewiesen werden müssen, ihre Kinder dazu zu veranlassen, in die Schule zu gehen; und es sei nicht schicksalhaft, wenn Menschen sich einem Angebot der Jobbörse zu einer betriebliche Qualifizierung verweigern. Auch andere Missstände sprach Matheis unverblümt an: Es sei nicht schicksalhaft, Unrat oder die Hinterlassenschaften des Hundes in Parks, öffentlichen Anlagen oder auf Bürgersteigen zu hinterlassen und zugleich die mangelnde Sauberkeit in der Stadt zu beklagen; oder es sei nicht schicksalhaft, das eigene Haus oder die eigenen Mietwohnungen vergammeln zu lassen und zugleich das Stadtbild und den Wohnungsleerstand in Pirmasens zu bemängeln. „Jeder selbst kann sich dafür entscheiden, hier für eine Veränderung in seinem Umfeld zu sorgen.“ Grundsätzlich forderte Matheis gestern Abend mehr gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen für das Gemeinwesen. „Eine Stadtgesellschaft – mehr noch die Gesellschaft eines ganzen Landes – wächst und gedeiht, steht und fällt damit, wie viele Menschen sich für sie mitverantwortlich fühlen“, sagte er. Kein Verständnis habe er für eine „Gesellschaft der Eigennützler und Individualisten“, die sich hinter Vorstellungen und Ideen immer nur dann versammelt, wenn es den eigenen Interessen dient. Aber es geht auch anders. Matheis nannte die Kirchen und die Sozialverbände. „Ihre tägliche Arbeit, ob sie nun in Kinderbetreuung, in der Wahrnehmung von Erziehungsaufgaben, der Integration, der Beratung oder in der Betreuung Schwerstkranker und Sterbender besteht, wird in ihrer Bedeutung oft vollkommen unterschätzt und wir nehmen sie als zu selbstverständlich hin“, sagte Matheis. Bei all diesen Institutionen seien insbesondere die Mitarbeiter unverzichtbare Teile des sozialen Netzwerks der Stadt. Verantwortung für die Stadt mit ihren fast 20.000 Arbeitsplätzen übernehmen, so Matheis, auch Unternehmer, Betriebsräte und Gewerkschaften. Die „außerordentlich positive wirtschaftliche Entwicklung der Stadt“ zeige sich nicht nur in einem Rekordergebnis der Gewerbesteuer, sondern auch in Erweiterungsinvestitionen von Pirmasenser Firmen, die in der Summe in den letzten zehn Jahren sicher die 250-Millionen-Euro Grenze überschritten hätten. Matheis griff gestern Abend auch die Nachricht auf, dass die US Army spätestens 2017 endgültig von der Husterhöhe abzieht. „Vor uns steht die große Aufgabe, die durch einen weiteren Abzug der US Army freiwerdenden Flächen auf der Husterhöhe mit neuen Konversionskonzepten genauso erfolgreich zu nutzen wie die Ende 2000 freigewordenen Grundstücke“, sagte er. Mittlerweile habe die Stadt wieder erheblichen Bedarf, neue Gewerbeflächen auszuweisen, und bereite deshalb einen weiteren Masterplan für die Husterhöhe vor, der in Abstimmung mit Rodalben auch die Fläche des Grünbühl einbeziehe. Unter Verweis auf die Geschichte seiner eigenen Familie – die war vor rund 370 Jahren aus den Schweizer Bergen in die Region Pirmasens eingewandert – ging Matheis auch auf den Flüchtlingsstrom ein. 2010 gab es in Pirmasens 84 Asylbewerber, mittlerweile sind es 315. „Es muss eine humanitäre Selbstverständlichkeit sein, dass wir als Land und auch als Stadt unseren Beitrag dazu leisten, diese Menschen aufzunehmen und ihnen Schutz, Fürsorge und Integration zu gewähren“, sagte Matheis. Musikalisch begrüßt wurden die Gäste in der Wasgauhalle von Schülern des Leibniz-Gymnasiums unter der Leitung von Lena Knörzer. (pr)