Pirmasens Kleinbürgerliche Enge räumlich erlebbar

Eines der am meisten beachteten Kunstwerke der 54. Kunstbiennale in Venedig, das „Narrow House“ des Österreichers Erwin Wurm, wird ab dem morgigen Sonntag in der Meisenthaler Glasbläserhalle zu bewundern sein. Der 1954 geborene Künstler aus Bruck an der Mur gestaltet mit dem ultraschmalen Haus, das komplett eingerichtet ist, den diesjährigen Ausstellungssommer in der „Halle Verrière“. Das Werk ist der Realität gewordene Alptraum aller Menschen, die unter Platzangst leiden.
Nach großen Ausstellungen mit Yannis Kounelli, Daniel Buren, Stephan Balkenhol oder Tony Cragg kommt nun ein weiterer großer europäischer Künstler in die Meisenthaler Halle, die mit ihren gigantischen Dimensionen von 3000 Quadratmetern und über zehn Metern Höhe so manche bildende Künstler vor ungewohnte Herausforderungen stellt. Mit dem „Narrow House“ von Wurm ist das für die Halle ideale Kunstobjekt gefunden worden. 2011 in Venedig beeindruckte das Schmalspurhaus durch die physisch erlebbare Enge. Wurm verfolgt mit dem Haus zwei Intentionen. Einerseits vermittelt das seinem Elternhaus nachempfundene Haus die psychische Beengtheit, in der sich der Künstler damals vielleicht gefühlt haben mag. Die Spießigkeit der Provinz und das Kleinbürgertum werden räumlich erfahrbar gemacht. Wurm kritisiert mit dem „Narrow House“ aber auch moderne architektonische Trends in Großstädten, wo auch noch in die schmalste Baulücke ein Haus gebaut wird, in dem die Bewohner sich dann wie in dem Wurmschen Haus fühlen dürften, wenngleich Wurm es sehr überzeichnet hat. Der private Raum wird zunehmend eingeschränkt und eingeengt und das nicht nur physisch durch diese Art von Schmalspurarchitektur. Das Wurmsche „Narrow House“ ist von der Seite betrachtet nichts Ungewöhnliches. 16 Meter breit und sieben Meter hoch mit Eichenholztür und Blumenkästen vor den Fenstern sowie Satteldach sieht es aus wie viele andere Häuser auch. Erst an der Seite sieht der Besucher, dass es auf 1,2 Meter Tiefe gestaucht wurde. Im Innern ist alles zu finden, was in der Steiermark dereinst zur Wohnungseinrichtung gehört haben mag. Teilweise original und teils auch gestaucht wie beispielsweise das Waschbecken. Gewöhnlich erscheinen in der Erinnerung Häuser und Dinge aus der Kindheit größer. Wurm ändert das und verengt alles. Die Besucher der Meisenthaler Ausstellung können das Haus nicht nur von außen bestaunen, sondern auch eintreten, den Unkomfort des engen Flurs spüren, einen Blick in das Badezimmer werfen oder das für verliebte Paare ideale Schmalspurbett bewundern. Das „Narrow House“ hinterlässt mit Sicherheit Eindrücke bei jedem Besucher, der bei einem Rundgang testen kann, wie er selbst auf solche, in der heutigen Welt immer mehr zu findenden Einschränkungen sich anpassen könnte. In Japan und Südkorea sind Wohnverhältnisse mit ähnlicher Enge immerhin schon Realität.