Pirmasens Kinderschutzbund: Ein Familienbetrieb, der Familie lehrt
Das Ziel der Baumgarts seit eh und je: Kinder einfach Kind sein lassen. Seit 2006 ist Ria Baumgart beim Kinderschutzbund engagiert, anfangs mit nur vier Kindern in der Schäferstraße, dort, wo bei der Lutherkirche die Kleiderkammer war. Zu ihrem Ehrenamt beim Kinderschutzbund kam die heute 61-Jährige über die Integrationshilfe an der Matzenbergschule. Dort wurde sie von Lehrern angesprochen, die sich für die Ortsgruppe Pirmasens engagierten, und fragten, ob sie ehrenamtlich die Hausaufgabenbetreuung im Verein übernehmen könne. „Ich probiere es“, sagte sie damals.
Seit Manfred Auer sein Amt als Vorsitzender Ende Januar niedergelegt hat, ist Baumgart der neue Kopf des 1978 gegründeten Vereins, der sich um sozial benachteiligte Kinder kümmert. Ihr Mann Wolfgang (67) übernahm ihre bisherige Stellvertreterposition. Der Einsatz von Ria Baumgart hat sich dadurch nicht verändert. Sie führt eine Art Familienbetrieb mit momentan 15 Kindern zwischen sechs und zehn Jahren, die von Montag bis Donnerstag nach Schulschluss von der Wittelsbachschule zum Kinderschutzbund kommen. Dort essen sie zu Mittag, machen ihre Hausaufgaben und spielen anschließend; wenn das Wetter gut ist, im Garten. Ansonsten wird im Bewegungsraum getobt oder – wie zuletzt – Masken für Fasching gebastelt.
Fünf Stunden ist Digitales tabu
„Wir wollen den Kindern ein ganz normales Familienleben beibringen“, erklärt Wolfgang Baumgart. Dazu hätten die Kinder selbst zehn Regeln aufgestellt, die bei ihren Treffen gelten: sich gegenseitig zu helfen etwa, nicht zu lügen und Respekt gegenüber Erwachsenen zu haben. Das funktioniere gut, freut sich das Paar. Meistens wenigstens. Denn planen können die beiden ihre Tage dort kaum. „Wir müssen uns nach der Verfassung der Kinder richten“, erläutert Ria Baumgart. Wenn ein Kind eine schlechte Nacht erleben musste, übertrage sich die Stimmung ganz schnell auf alle. Die schlechte Laune müsse dann erst mal weichen.
Das Wesen der Kinder habe sich in den 17 Jahren ihrer Tätigkeit überhaupt stark gewandelt, sagt Baumgart. „Die Kinder haben in ihren Leistungen nachgelassen“, weiß sie und führt diese Defizite auf die fortschreitende Digitalisierung zurück. Ohne Handy und Computerspiele ginge eben gar nichts mehr – und genau das sei in den fünf Stunden in der Winzler Straße tabu – ein Mittel, das hilft. „Nach sechs Wochen Ferien müssen wir allerdings wieder von vorne anfangen“, sagt die Vorsitzende.
Viele Kinder bereits die zweite Generation
Der Kinderschutzbund finanziert sich aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen und Patenschaften. Letztere beginnen bei einem Betrag von 15 Euro monatlich und werden ausschließlich für das Mittagessen benötigt. „Patenschaften können wir nie genug haben“, betont Ria Baumgart, denn für 15 Euro pro Monat könne man ein Kind nicht ernähren. Täglich geht die Vorsitzende einkaufen und kocht für die Kinder, während ihr Ehemann ihr beim Gemüse schnippeln hilft. Auf den Tisch kommt, was sich die Kinder wünschen, erklärt sie. Kohlrabi mit Rindswürsten und Püree zum Beispiel. Darüber hinaus ermöglicht der Ortsverband Pirmasens für circa 150 Schüler an verschiedenen Pirmasenser Schulen ein kostenloses Schulfrühstück.
Manche Kinder hier sind bereits aus der zweiten Generation, weil ihre Mütter schon zum Kinderschutzbund gingen. „Mit vielen Ehemaligen haben wir einen guten Kontakt“, erzählt das Paar und freut sich über die vielen kleinen und manche großen Erfolgserlebnisse. Eines der Mädchen sei Lehrerin geworden, ein anderes arbeitet im Büro und ein Junge sei Metzger geworden. Das erfülle die Vorstandschaft mit Stolz. „Auch die Freizeiten im Sommer in der Heilsbach sind immer schön für alle“, findet die Vorsitzende. Diese acht Tage seien für die Kinder kostenlos. Wie zweimal jährlich die passenden Schuhe und saisonale Bekleidung auch.
Nachwuchs fehlt auch hier
Tragödien gebe es leider auch immer wieder, erzählen die beiden betroffen. Das Schlimmste, was der Vorsitzenden in all den Jahren beim Kinderschutzbund passiert ist, war, als ein kleines Mädchen aus der Gruppe bei einem Brand in der Winzler Straße ums Leben kam. Bis heute sieht sie das Bild der Kleinen vor sich, wie sie vor ihr steht und fragt: „Frau Baumgart, kann ich dir helfen?“ Dann bekomme sie eine Gänsehaut. Es sei ein Schock gewesen, aber unterkriegen lassen sich die beiden nicht.
Was sich das Paar wünscht, ist ein Nachwuchs im Ehrenamt, denn im gesamten Vorstand seien sie nicht mehr die Jüngsten, sagt Wolfgang Baumgart und schmunzelt. In fünf Jahren seien die meisten zu alt.
Info
Wer sich dafür interessiert, den Kinderschutzbund ehrenamtlich zu unterstützen, Mitglied zu werden oder eine Patenschaft zu übernehmen, kann sich mit den Baumgarts in Verbindung setzen. Telefon 06331 96406.
Wer die Arbeit finanziell unterstützen möchte, kann dies unter folgender Kontonummer tun: Deutscher Kinderschutzbund e.V., VR-Bank Südwestpfalz gG Pirmasens-Zweibrücken, IBAN DE56 5426 1700 0004 9205 97.