Pirmasens
Jochen Schimmangs neuer Roman führt auch nach Pirmasens
Jochen Schimmang ist ein sehr routinierter Erzähler, dem der Leser gerne folgt, auch wenn er Haken schlägt, sich in Nebensträngen lange mäandernd aufhält, um wieder auf die Haupterzählung zurückzukehren. Sprachlich anspruchsvoll, die eigenen Worte hinterfragend, erzählt Schimmang die Geschichte von Rainer Roloff, dem Ich-Erzähler, der als Mittsiebziger und Privatgelehrter dank seines hervorragenden Schlafes zum Dauerprobanden eines Düsseldorfer Schlafinstituts wird.
Der Schlaf wird zum See
Immer mal wieder fährt er für ein oder zwei Nächte von Köln nach Düsseldorf, lässt sich verkabeln, um die Geheimnisse seines Schlafes der Wissenschaft zu vermachen. Der Leiter des Labors ist aber auch an den Erinnerungen Roloffs interessiert, die sich besonders unverfälscht im Raum zwischen Schlaf und Erwachen präsentieren sollen. Und so lautet jeden Morgen die gleiche Frage, an was sich Roloff denn heute so erinnert habe, und hier öffnen sich überraschende Reisen in die Vergangenheit. Es ist bunt gemischt, was der Ich-Erzähler zu Tage fördert. Der Schlaf wird zum See, an dessen Oberfläche jeden Morgen ein anderer Erinnerungsfetzen treibt, der geborgen und verarbeitet werden kann, oder mit den ersten Minuten des Tages unbeachtet wieder herabsinken kann. Im Buch wird den so geförderten Erinnerungen breiter Raum gewährt.
Da geht es etwa um die Barschel-Affäre, die für den Ich-Erzähler eine bedeutende Zeit gewesen sein muss, oder um scheinbare Nebensächlichkeiten wie den „Mozart-Toast“, der früher in bundesdeutschen Bordrestaurants von Fernzügen offenbar ein gängiges Menü war.
Die lügende Irin
Frauen tauchen auf, während der Zeit im Schlaflabor stirbt die Mutter des Erzählers, womit gleich noch Erinnerungen an frühe Kindheit und bundesrepublikanische Befindlichkeiten samt unerwünschter Erinnerungen an die NS-Zeit hochkommen.
Lange Jahre mit einer Frau, die als Künstlerin nach Berlin ging und sich dort mit Mauer wohler fühlte als später mit den vielen Baustellen, werden von Roloff ebenso intensiv erinnert, wie die 46 Tage währende Liaison mit einer Irin, die sich als pathologische Lügnerin entpuppt hatte.
Die Reise nach Pirmasens
Im Reigen der Erinnerungen kommt Rainer Roloff dann auch mal nach Pirmasens. Allerdings vor dem Einschlafen. Als Bettlektüre hat er sich die Künstlernovelle „Pirmasens“ von Rainer Wieczorek mitgenommen, die von einer Künstlerin handelt, die in der Ohrschen Fabrik in Pirmasens bei einem mehrwöchigen Aufenthalt eine spezielle Form der Kunst entwickelt, dabei begleitet wird von zwei Herren, die sich ebenfalls munter an frühere Zeiten in Pirmasens, an Jazz und ein Musikfestival erinnern.
Rainer Roloff erinnert sich dann auch an eine eigene Fahrt, die ihn einst nach Pirmasens geführt hatte, „verlockt durch den Klang des Namens“. Die Stadt habe, obwohl Jahrzehnte seit dem Krieg vergangen waren, so gewirkt, als ob der Krieg gerade erst zu Ende gewesen sei. Dann werden eigene Erinnerungen an blühende Landschaften als deutsche Schuhmetropole und die einstigen Erfolge des FKP wach. An den Pirmasenser Traditionsverein erinnern sich außerhalb der Stadt erstaunlich viele Menschen.
Die Suche nach der verlorenen Zeit
Das Buch trägt den Erzähler schließlich schwebend durch den Abend in den Schlaf – und am nächsten Morgen ist Pirmasens schon wieder vergessen. Es war nur eine kurze literarische Rückkopplung in die Südwestpfalz. Danach ist wieder Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit tonangebend. Verweise auf den Klassiker des Franzosen sind ein roter Faden des Romans.
Die 328 Seiten lange Geschichte von Rainer Roloff liest sich unbeschwert, aber anspruchsvoll mit einer ausgefeilten Sprache und sorgt beim Leser vor allem für eins: Mehr Aufmerksamkeit auf die ansonsten eher schnell beiseite geschobenen Momente kurz nach dem Erwachen zu richten, wenn der Geist noch nicht auf Tagniveau rattert, sondern noch in Gedankenräumen verharrt, die spannende Schätze aus dem Erinnerungsschatz eines jeden befördern können.
Lesezeichen
Jochen Schimmang: „Laborschläfer“; Edition Nautilus, Hamburg ; 328 Seiten; 24 Euro.