Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Interview mit einer Hebamme: „Die Ängste sind die gleichen geblieben“

Nicht alle Frauen freuen sich, wenn sie Nachwuchs erwarten. Und nicht alle haben die Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten: Das
Nicht alle Frauen freuen sich, wenn sie Nachwuchs erwarten. Und nicht alle haben die Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten: Dass Frauen erst im Krankenhaus bewusst wird, dass sie gleich ein Kind bekommen, das gibt’s auch heute noch, weiß Hebamme Gabriele Kuntz.

Wenn ein Kind auf die Welt kommt, sind Hebammen nie weit. Sie betreuen Mütter und ihre Kinder vor und nach der Geburt. Gabriele Kuntz, Chefin im „Hebammenhaus Plus Gesundheitspflege“ in der Lemberger Straße, macht das seit 36 Jahren. Ein Gespräch über gute Mütter, Pirmasenser Familien und das Wunder des Lebens.

Frau Kuntz, Sie sind seit 36 Jahren im Beruf, haben rund 3000 Kindern auf die Welt geholfen. Wie haben sich Mütter im Laufe der Zeit verändert?
Früher waren Frauen noch in vielen Situationen gewohnt, Abläufe einfach hinzunehmen und haben ihre Bedürfnisse nicht so in den Vordergrund gestellt. Da waren wir als Hebammen auf eine gewisse Art mehr gefordert, mussten mehr für die Bedürfnisse der Frauen einstehen. Heute sagen die Frauen klar, was sie brauchen und wollen. Ihre Ängste sind dabei gleich geblieben. In unserem Beruf ist das Wichtigste, dass man sich auf jede Frau und ihre Bedürfnisse einlässt. Wir entwickeln uns mit ihnen weiter. Es gibt nichts Schlimmeres als Hebammen, die sich nicht mitentwickeln.

Mütter in Pirmasens − wie sind die?
Ganz unterschiedlich. Das macht unsere Arbeit spannend und belebend. Zu uns kommen junge Frauen, Frauen jenseits der 40, Frauen, die alleinerziehend sind, Frauen, die mit Frauen zusammen sind, Frauen, die viele Kinder haben, andere haben nur eins. Wir erleben Frauen, die mit ihrem Partner zu uns kommen und sich sehr auf das Kind freuen, aber auch Frauen, die das Kind nicht wollen.

Wieso nicht?
Weil sie vielleicht gerade verlassen wurden, sich überfordert fühlen, mit sich zu kämpfen haben und sich dann noch auf einen neuen Menschen einlassen sollen, der da jetzt kommt. Das erleben wir alle paar Wochen.

Gibt es auch in unserer aufgeklärten Gesellschaft noch „Unfälle“?
Ja, die gibt es. Bei ganz jungen Frauen, aber auch bei älteren. Übrigens nicht nur beim ersten Kind, das kommt auch beim dritten oder vierten Kind vor. Und es gibt auch noch Frauen, die mit Schmerzen ins Krankenhaus kommen und erst dort erfahren, dass sie ein Kind erwarten.

Wie alt sind die Frauen, die Sie begleiten?
Vor Jahren hatten wir mal eine Zwölfjährige, aber das war eine Ausnahme. Viele Frauen sind heute 30, 32, wenn sie das erste Kind bekommen. Letztes Jahr hatten wir zwei 50-Jährige, die ganz normal schwanger wurden, die eigentlich dachten, sie wären in den Wechseljahren. Wobei Frauen mit 50 heute lange nicht so „alt“ wirken wie vor 30 Jahren.

Wenn von Pirmasens die Rede ist, haben manche gleich Bilder im Kopf: sozial schwache Familien mit vielen Kindern.
Die gibt es auch. Tatsächlich dienen in manchen Familien die Kinder als Einkommen: Für Kinder gibt’s Kindergeld. Ich verurteile das nicht. Da geht es nicht darum, wie wir als Hebammen uns das wünschen, sondern wie die Familie den Alltag hinbekommt. Manche werden von unseren Familienhebammen betreut und damit über die normale Nachsorge hinaus. Die kommen ein Jahr lang ein- bis zweimal wöchentlich in die Familie, beraten, beobachten die Entwicklung des Kindes, unterstützen beim Thema Erziehung.

Ist das speziell in Pirmasens ein Thema?
Nein, das gibt es überall. Hier in Pirmasens gilt: Keiner soll durchs Netz fallen.

Was macht eine gute Mutter aus?
Dass sie auf sich achtet. Denn nur wenn sie körperlich und psychisch gefestigt ist, hat sie auch die Kraft, um ihrem Kind etwas zu geben. Wenn man nur gibt, macht man irgendwann die Grätsche.

Müssen Mütter heutzutage arbeiten?
Viele wollen es, und dann muss man einen Weg finden, Beruf und Familie zu vereinbaren. Wenn Frauen schon nach einem Viertel oder halben Jahr wieder einsteigen, finde ich das krass. Viele arbeiten nach einem Jahr wieder, aber auch das ist noch schwer.

Sie haben selbst zwei Kinder. Ist Ihr Beruf familienfreundlich?
Es ist schon ein ziemlicher Spagat. Aber durch die vielen Möglichkeiten, die wir haben − man kann beispielsweise im Kreißsaal arbeiten, Kurse geben, Frauen in der Nachsorge betreuen, Familienhebamme sein − findet man bei uns einen Rahmen, der passt. Ich zähle mal zusammen: Unsere 26 Hebammen haben 37 Kinder.

Was lieben Sie nach all den Jahren immer noch an Ihrem Beruf?
Man kann nicht näher an der Natur dran sein als bei einer Geburt. Das empfinde ich immer noch als Wunder mit vielen Geheimnissen. Es ist das Schönste, miterleben zu dürfen, wie ein Mensch auf die Welt kommt. Übrigens ist es nicht egal, wie wir geboren werden. Wenn nur noch Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, dann macht das etwas mit einer Gesellschaft. Für mich ist klar: Man muss sich ins Leben kämpfen, denn das Leben hier auf der Welt ist nicht einfach.

Was halten Sie vom Muttertag?
An sich finde ich es schön, dass es so einen Tag gibt, an dem man an seine Mutter denkt − wenn sie noch da ist und wenn sie nicht mehr da ist. Aber eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere.

Wie verändert die Mutterschaft eine Frau?
Sie wird weicher, nicht nur körperlich, auch emotional. Das hat die Natur so eingerichtet, sonst würde der gerade geborene Mensch nicht überleben. Und das bleibt auch in Teilen nach der Geburt so, im Bezug auf das Kind auf jeden Fall. Schwierig wird es, wenn Frauen die Beziehung zu ihrem Kind zu sehr in den Vordergrund stellen, vor die Partnerschaft mit ihrem Mann. Ich versuche, den Frauen klarzumachen: Zuerst war die Partnerschaft da, und nur aus dieser konnte das Kind entstehen.

Haben Sie Verständnis, wenn Frauen keine Kinder wollen?
Ich denke, dass ihnen früher oder später etwas fehlen wird im Leben. Aber es ist die Entscheidung jeder einzelnen Frau.

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