Pirmasens
Immer mehr Kinderpornografie in der Südwestpfalz
Auch wenn die Zahl der Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder in der Südwestpfalz während Corona kaum gestiegen ist: Jeder einzelne Fall ist einer zu viel. Im Jahr 2020 wurden 41 Kinder Opfer sexueller Gewalt in der Südwestpfalz. Und die hat viele Facetten.
Da ist der „klassische Missbrauch“ von Kindern durch jemanden aus der Familie, dem Bekanntenkreis oder im Sport. Da sind die Fotos aus dem Internet, die in einer Schule die Runde machen – schon Kinder, die noch gar nicht strafmündig sind, schicken solche Aufnahmen zigfach durch die Gegend. Da ist das Mädchen, das auf der Jugend-Plattform „Knuddels“ von Männern sexuell belästigt wird. Da ist der Pflegevater, der sich über Jahre an einem Schützling vergeht. Da ist der Erzieher, der Kinder über Skype dazu bringt, vor der Kamera immer mehr von sich preiszugeben und abartige Dinge zu tun. Und da ist der Sammler. Mehr als 100.000 kinderpornografische Fotos und Videos fanden die Ermittler 2020 im gelöschten Bereich einer Festplatte, die einem Mann aus dem Landkreis Südwestpfalz gehört – „übelste Kinderpornografie“, sagt Kai Lelle; unter den Opfern waren auch Babys.
Wenn sich jemand „nur“ Bilder anschaut, die irgendwo auf der Welt entstanden und jetzt ohnehin im Netz sind, ist das doch nicht so schlimm, mögen manche denken. „Aber hinter jedem Foto steckt der tatsächliche Missbrauch eines Kindes“, verdeutlicht Lelle, weshalb allein schon der Besitz solcher Aufnahmen strafbar ist.
Mehr als 100.000 Fotos auf einer Festplatte
Kinderpornografie ist heute viel leichter verfügbar als noch vor Jahren und hat längst internationale Dimensionen erreicht. 100.000 Fotos sind in unserer digitalisierten Welt vergleichsweise schnell gesammelt, mit wenig Aufwand und über nationale Grenzen hinweg. Nicht immer zeigen sich die – in der Regel männlichen − Sammler schuldbewusst, wenn die Pirmasenser Kripo mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür steht. Manche weisen es schlichtweg von sich, andere bekommen einen roten Kopf, gestehen schließlich ihre Neigungen. „Das geht durch alle Bereiche“, antwortet Lelle auf die Frage, wo die Täter zu verorten sind. Männer aus einfachsten Verhältnissen sind ebenso darunter wie Behördenmitarbeiter.
Die Ermittler werden auf unterschiedlichen Wegen auf die Täter aufmerksam: Wenn Opfer sich, manchmal auch erst Jahre später, der Polizei offenbaren, wenn ein Hinweis vom Jugendamt kommt, wenn ein Datenträger in fremde Hände gerät. Von zunehmender Bedeutung ist die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation National Centre for Missing and Exploited Children (NCMEC). Sie übermittelt deutschen Behörden jährlich zigtausende Hinweise auf Kinderpornografie und dokumentierten Missbrauch im Netz. Während im ganzen Jahr 2020 rund 30 solcher Hinweise mit Südwestpfälzer Bezug bei der Pirmasenser Kripo eingingen, wurde diese Zahl 2021 bereits in der ersten Jahreshälfte erreicht; Tendenz also steigend. Über die IP-Adresse kommen die Ermittler an die Konsumenten der Inhalte heran, aber nur selten an die eigentlichen Täter.
Häufig geraten schon Jugendliche in den Fokus der Ermittler, aus Unwissenheit. Ein eindeutiges Bild aus dem Internet wird in die Whatsapp-Gruppe geschickt und zigfach weitergeleitet: Das gibt Likes und Kommentare, dabei wird hier Kinderpornografie verbreitet − bis einer zur Polizei geht. „Manche Lehrer und Eltern sind regelrecht dankbar, dass wir die Jugendlichen darüber aufklären und mit ihnen ein ernstes Gespräch darüber führen, dass es hier um eine Straftat geht“, sagt Lelle.
Die Ermittler müssen „Dinge, die sonst kaum einer sieht“ ansehen
Gewalt gegen Kinder, besonders sexuelle: ein emotional aufgeladenes Thema, bei dem auch Außenstehende in Rage geraten. „Ich könnte deine Arbeit nicht machen, ich würde sonst was mit solchen Kerlen tun“, gibt Lelle Reaktionen aus seinem Umfeld wieder, wenn es um seine Arbeit geht. Er und seine Kollegen gingen jedoch sachlich mit den Beschuldigten um, berichtet er. Überhaupt ist es in dem Job wichtig, seine Emotionen im Griff zu haben. Lelle berichtet, wie er gelernt hat, schlimme Bilder gedanklich beiseitezuschieben. Auch die Gespräche mit Kollegen seien wichtig.
„Wir sehen Dinge, die sonst kaum einer sieht“, sagt er – und meint damit keineswegs harmlose Urlaubsbilder, sondern das Schlimmste vom Schlimmen. Er nennt die Arbeit im Kommissariat 2 „eine der belastendsten Tätigkeiten bei der Kriminalpolizei überhaupt“. Doch auch die muss jemand machen. Manche Fälle „hängen einem wochenlang in den Kleidern“, aber man lerne, damit umzugehen. Wobei Computerprogramme bei der Sichtung helfen. „Die Ermittlertätigkeit ist das, was mir Spaß macht“, sagt der 51-jährige Contwiger; einen Tatverdächtigen zu überführen sei hochspannend, brauche aber häufig viel Zeit.
Vertrauensverhältnis ist wichtig
Dass das eigene Kind Opfer von sexuellem Missbrauch wird – die Vorstellung ist ein Alptraum für Eltern. Was rät Lelle, damit es nicht so weit kommt? „Viel miteinander sprechen.“ Es brauche ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Nachwuchs. Auch die Nutzung sozialer Medien zeitlich zu begrenzen sei eine Möglichkeit. Zudem gibt es Eigenschaften, die manche Menschen leichter Opfer solcher Straftaten werden lassen als andere. Kinder, die ständig auf der Suche nach Anerkennung sind, wollen gefallen, geben leichter Fotos von sich preis. Und so sehr sich die Opfer das auch manchmal wünschen: „Auch wir kriegen solche Aufnahmen nicht wieder aus dem Internet herausgelöscht“, sagt Kai Lelle.
Info:
Bundesweit hat die sexualisierte Gewalt gegen Kinder im Laufe der Corona-Pandemie zugenommen. Diesen Trend kann Werner Häfner, Pressesprecher der Polizeidirektion Pirmasens, beim Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik für die Südwestpfalz nur bedingt bestätigen.
Laut Häfner ist bei den Opferzahlen kein Pandemie-Effekt zu erkennen. Was jedoch auch in der Südwestpfalz zunimmt, sind Fälle von Kinderpornografie. Die „Verbreitung pornografischer Schriften“ macht in etwa die Hälfte aller Sexualstraftaten in der Südwestpfalz aus: 2020 waren es 91 von 188 Fällen (2019: 78 von 189). Häfner spricht von einem „bundesweiten, wenn nicht gar weltweiten Phänomen“. Daran habe einerseits die Meldungen über das US-amerikanische „National Center For Missing and Exploited Children“ ihren Anteil. Zudem steige die Zahl von Kindern und Jugendlichen rasant, die soziale Medien nutzen, sich aber nicht immer bewusst sind, was sie dort preisgeben und verbreiten. Häfner nennt das „hoher Nutzungsgrad bei mangelnder Medienkompetenz“.
Mehr als 80 Prozent der Opfer sind weiblich
Die Kriminalstatistik zählte laut Häfner im vergangenen Jahr 120 Opfer von Sexualstraftaten (2019 waren es 136) in der Südwestpfalz. Mehr als 80 Prozent dieser Opfer sind weiblich. Jedes dritte Opfer einer Sexualstraftat ist noch ein Kind. Beim sexuellen Missbrauch – 2020 wurden 53 Opfer gezählt -, sind zwei Drittel der Opfer Kinder. Mädchen sind deutlich häufiger betroffen. Wobei solche Statistiken nur einen Bruchteil des Leids abbilden, das Kindern tatsächlich widerfährt, denn längst nicht jeder Fall landet bei der Polizei.
Gerade bei den Sexualstraftaten sind Kinder als Opfer überrepräsentiert. Betrachtet man alle Straftaten in der Südwestpfalz 2020, machten Kinder dabei nur 9 Prozent der Opfer aus, während es bei Sexualstraftaten an die 40 Prozent waren.
Bei der Kriminalinspektion Pirmasens geht das Kommissariat 2 (K 2) unter Leitung von Kai Lelle mit vier Ermittlern plus einem Cyberanalysten Fällen von sexueller Gewalt sowie Gewalt gegen Frauen und Kindern nach. Darunter fallen auch Nötigung, Vergewaltigung, Exhibitionismus, Erregung öffentlichen Ärgernisses und Zwangsprostitution. Die Kripo ist für die Südwestpfalz inklusive Pirmasens und Zweibrücken zuständig.