Pirmasens Heinrich-Kimmle-Stiftung feiert Geburtstag
Ob Handicap oder nicht, ob behindert oder nicht: Am Samstag gab es keinen Unterschied – bei der gemeinsamen Feier eines besonderen runden Geburtstages. Die Heinrich-Kimmle-Stiftung feierte im Stadion Husterhöhe mit rund 6000 Besuchern und Gästen ein großes buntes Fest. Mit Sport, Musik, Tanz und ganz viel Spaß.
Die kleine Sophie ist voller Energie: Ständig flitzt sie die Treppen im Stadion hoch und runter. „Mach langsam“, ruft ihre Mutter ihr zu. „Ja, Mama“, ruft Sophie schnell, rennt weiter, trifft auf ein anderes Mädchen. Jetzt wird gemeinsam gerannt, gespielt und gelacht. Sophie hat eine geistige Behinderung und besucht die integrative Kindertagesstätte St. Elisabeth, eine Einrichtung der Heinrich Kimmle-Stiftung Pirmasens. Berührungsängste kennt die Kleine nicht und auch Kinder ohne Handicap spielen mit ihr, ganz normal. „Kinder kennen eben keine Vorurteile“, kommentiert dies ihre Mutter. Mit rund 6000 anderen Besuchern ist die Familie zu Gast bei der Heinrich Kimmle-Stiftung, die im Fußballstadion ihren 50. Geburtstag feiert und damit Stadt und Bewohnern ein besonderes inklusives Sport- und Musikereignis bietet. Durch das rund zehnstündige Jubiläumsprogramm führt RTL-Moderator Marco Hagemann. „Hallo Pirmasens, seid Ihr gut drauf?“ ruft er Richtung Haupttribüne, die schon am Nachmittag gut besetzt ist. Begeisterungsrufe kommen von dort. Überall ist man aufgeregt und selbst das Wetter passt soweit: Es ist zwar noch windig, aber die Sonne scheint und von Regen keine Spur. Auf der Tribüne hat man sich mit Getränken und Rostbratwürsten eingedeckt, während die ersten Künstler schon den Rasen betreten: die „Dance Akademie“ der Heinrich Kimmle-Stiftung, ein inklusives Tanzprojekt, das von der Campus Dance School choreografiert und zusammen mit behinderten Menschen der Stiftung und anderen Institutionen gestaltet wird. Mehr als 200 Tänzer sind es, die den Schritten ihrer Choreografin Yasemin Sancakli folgen und dafür reichlich Applaus ernten. Was als nächstes kommt, ist ein sportliches Glanzlicht: Das Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen gegen eine integrative Auswahl aus Rheinland-Pfalz. Beide Mannschaften betreten das Feld, an der Hand die Ballkinder – Kinder der St. Elisabeth-Tagesstätte und Bambinis des FKP. Auch Sophie ist dabei und winkt ihren Eltern vom Rasen aus zu. Was noch fehlt, ist der Ball. Dieser soll von Eberhard Gienger, dem ehemaligen Kunstturner, ins Stadion gebracht werden. Der 63-jährige wird per Fallschirmsprung aus tausend Metern in den Sportpark einfliegen und das runde Leder übergeben. „Wenn sie nach links schauen, sehen Sie schon das Flugzeug“, sagt der Moderator und zeigt in den blauen Himmel. Das Publikum blickt gespannt hoch und zückt Kameras. Gienger springt aus dem Flugzeug. Ein Raunen geht durch die Menge. Der Fallschirm öffnet sich und langsam segelt der Sportler Richtung Rasen und landet sicher auf dem Boden. Ein echter Gänsehautmoment. Wegen des starken Windes habe er leider nicht in der Mitte des Feldes landen können, entschuldigt er sich und übergibt dem Schiedsrichter den Ball. Zwei Mal eine halbe Stunde soll jetzt gekickt werden. Bei der pfälzischen Mannschaft ist auch Fußballprofi Benjamin Auer, der die erste Halbzeit mitspielt. Sein Team befindet sich durchaus auf Augenhöhe mit der Nationalmannschaft. Nach wenigen Minuten steht es für sie schon 1:0, dann 2:0 und zum Ende der ersten Halbzeit haben sich die Pfälzer schon drei Tore sichern können, was auch in der zweiten Halbzeit so bleibt. Die deutsche Nationalmannschaft verliert. „Wow, das hätte ich jetzt nicht erwartet“, hört man es von einem Zuschauer. Nach weiteren Tanz- und Showeinlagen hat am Abend auch der Wind nachgelassen. Für das große Konzert geben sich zunächst „Die Dicken Kinder“ und Musiker Gregor Meyle die Ehre und sorgen schon nach wenigen Minuten für eine ausgelassene Stimmung. Dann betritt die Bühne die Schweizer Pop- und Soulsängerin Stefanie Heinzmann, die mit Begeisterungsstürmen begrüßt wird und mehrfach das Publikum anheizt: „Pirmasens, Ihr seid toll. Kommt, tanzt mit mir“, ruft sie und rockt mit ihrer Band die Husterhöhe. Nach eineinhalb Stunden folgt dann der nächste Höhepunkt: Das Duo Glasperlenspiel, das mit kreischenden Teenies angekündigt wird, bevor man es auf der Bühne sieht. Die Lasershow der Band durchbricht die Dunkelheit. Alles ist hell erstrahlt und gibt kurze Blicke auf die Zuschauer frei. Ob im Rollstuhl am Spielfeldrand, auf einem Platz auf der Tribüne oder direkt vor der Bühne: Alle Gesichter drücken Freude und Glück aus. Zwei Begriffe, die keine Behinderung kennen – wie auch Marco Dobrani, Leiter der Heinrich Kimmle-Stiftung, weiß. Am nächsten Morgen zeigt er sich immer noch euphorisch: „Die Atmosphäre war atemberaubend. Ich bin heilfroh, dass alles so gut geklappt hat und die Organisation punktgenau gestimmt hat“, zieht er Bilanz. Für „seine“ Leute sei es ein Ereignis gewesen, das sie so schnell nicht mehr vergessen würden und aus allen Richtungen sei positives Feedback gekommen. „Am Samstag war es egal, wer ein Handicap hat und wer nicht. Es waren einfach Menschen, die zusammen gefeiert haben. Schön, wenn sich eine solche Selbstverständlichkeit auch im gesellschaftlichen Alltag durchsetzen könnte.“ (tada)