Dahn
Gastspiel von Pfalztheater-Schauspielerin Hannelore Bähr mit Bürckel-Stück
Die Inszenierung beleuchtet die Schreckenstaten und das Leben des historisch hochgradig umstrittenen pfälzischen NS-Gauleiters Josef Bürckel aus der Perspektive seiner Ehefrau Hilde Bürckel.
Der tief in die Geschichte eingetauchte und in der Region als Kind aufgewachsene Autor Peter Roos zeichnet in seinem Ein-Personen-Stück ein bedrückendes Bild der Gattin des mächtigsten NS-Politikers zwischen der Saarpfalz und Wien. Unter der Regie von Susanne Schmelcher wurde das Stück 2020 am Pfalztheater Kaiserslautern uraufgeführt. Schauplatz ist die Zeit Anfang der 1950er-Jahre, in der Frühphase der jungen Bundesrepublik. Hilde Bürckel schwankt zwischen Realitätsverlust und Rechtfertigungsversuchen, während sie ihre Ehe mit einem Massenmörder reflektiert.
Mitschuld ausgeblendet
Mit der verzweifelten Frage „Was macht man, wenn man so einen Mann liebt?“ versucht Hilde Bürckel ihre eigene Mitschuld auszublenden. Die Deportation der Juden aus der Pfalz wie aus dem Saargebiet kommt ihr zwar immer wieder über die Lippen, doch versucht sie auch ihren Mann irgendwie reinzuwaschen. Dieser inszenierte sich zwar als Mann aus dem Volk, führte dabei aber ein bohèmehaftes Leben zwischen der Pfalz, Wien und Berlin. Verziehen hat sie ihm jedoch nie, dass er Affären ohne Ende hatte, während sie allein zu Hause mit den beiden Söhnen saß. Am Ende kommt es zur Täter-Opfer-Umkehr: Hilde Bürckel fühlt sich nun selbst als Opfer. Ausgegrenzt vom Pfarrer, der ihr nicht mehr die Beichte abnehmen will, und von ihren Nachbarn und Bekannten, für die sie nicht mehr die Wirtshaustochter Hilde ist. Stattdessen ist sie nur noch die Frau des 1944 verstorbenen Gauleiters, der man nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches in den Einkaufskorb spuckt. Wie „damals die Juden“ fühlt sie sich nun, da man ihr die großzügige Villa in Neustadt und am Ende selbst die Pension ihres Mannes streitig machen will.
Diese psychologische Zerreißprobe wurde erneut von Hannelore Bähr vom Pfalztheater mit enormer Präsenz verkörpert. Bähr schaffte es meisterhaft, das Publikum in die tiefe Verblendung dieser historischen Figur hineinzuziehen. Am Ende schwankte die Atmosphäre im Saal zwischen betretenem Schweigen und stehendem Applaus für diese herausragende schauspielerische Leistung.