Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Flüchtlinge: Vom ersten Tag an integrieren

Der preisgekrönte Pirmasenser Weg ist ein Erfolgsmodell: Wenn Flüchtlinge in der Horebstadt ankommen, werden sie vom ersten Tag
Der preisgekrönte Pirmasenser Weg ist ein Erfolgsmodell: Wenn Flüchtlinge in der Horebstadt ankommen, werden sie vom ersten Tag an betreut und integriert, plus der Vermittlung in Arbeit.

Der Pirmasenser Weg ist eine Erfolgsgeschichte: Die Horebstadt hat 2023 begonnen, Flüchtlinge ab dem ersten Tag ihrer Ankunft über einen Erstorientierungskurs zu integrieren.

Gustav Rothhaar, Leiter des Sozialamts, erinnerte im Stadtrat daran, wie es überhaupt zu diesem Pirmasenser Weg gekommen ist. Als in den Jahren 2022/23 der Stadt relativ viele Flüchtlinge zugewiesen wurden, sei ihm klar geworden: „Wenn die nach der Ankunft nur in ihrer Wohnung sitzen, kommt nichts dabei raus.“ Ihm sei es darum gegangen, den meist jungen Menschen Orientierung, Halt und Arbeit zu geben – und zwar vom ersten Tag an. Denn das war zuvor nicht so: Der Stadt zugewiesene Flüchtlinge wurden zwar vom Sozialamt betreut, aber bis sie in Integrations- und Sprachkurse kamen, dauerte es Wochen und Monate – wie auch die Bearbeitung ihrer Asylanträge.

Nachdem mit der Kirchbergwerkstatt ein Partner gefunden und der Stadtrat das Integrationskonzept gebilligt hatte, startete der Pirmasenser Weg. Kern des Konzepts: „Basis-Integrationsarbeit“, wie es Rothhaar nannte, von der ersten Stunde der Ankunft in der Horebstadt leisten. Die Stadt verliert inzwischen keine Zeit: Kommen neue Flüchtlinge an, werden sie in ihre Wohnung gebracht, auf dem Weg dahin werden ihnen schon einmal die wichtigsten Anlaufstationen gezeigt. Schon am nächsten Tag werden diese Flüchtlinge abgeholt und zum Erstorientierungskurs gebracht, dessen Teilnahme verpflichtend ist, wie der Sozialamtsleiter betonte: „Wenn ein Flüchtling nicht erscheint, haken wir nach. Sollte er partout seine Teilnahme verweigern, sanktionieren wir.“ Die Konsequenz sei die Kürzung der finanziellen Mittel um 30, 60 oder sogar 90 Prozent. Mit aller Deutlichkeit sagte der Sozialamtsleiter aber auch: „Es sind etwa zwei bis drei Prozent der Flüchtlinge, die sich verweigern. Wir reden von absoluten Ausnahmefällen.“

In der Wartezeit nicht alleingelassen

In der Regel sei das Gegenteil der Fall: Die neu angekommenen Flüchtlinge seien froh, dass sie Halt finden. Und genau das will der Kurs ihnen geben: Sie bekommen das Leben in Deutschland und Pirmasens erklärt, lernen dabei selbstständig unsere Sprache, können sich mit anderen – schon länger in Pirmasens lebenden – Flüchtlingen austauschen, die ihnen weiterhelfen. Denn das machte Rothhaar auch deutlich: „Dieser Kurs endet niemals: So wie Flüchtlinge nach einiger Zeit ausscheiden, weil sie Arbeit gefunden haben und in offizielle Integrationskurse wechseln, so kommen Neuankömmlinge hinzu.“ Wichtig ist es dem Sozialamtsleiter, den Unterschied herauszuarbeiten: Der Erstorientierungskurs ist eine von der Stadt finanzierte Soforthilfe für Flüchtlinge, während die offiziellen Integrations- und Sprachkurse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge erst danach kommen. Was übrigens auch ein Grund für den Pirmasenser Weg war: Zu den Hochzeiten der Flüchtlingswelle dauerte es Monate, bis Asylbewerber darin Plätze fanden. In der Wartezeit waren sie allein gelassen.

Doch mit dem Erstorientierungskurs ist es nicht getan mit dem Pirmasenser Weg: Erwachsene, die keine Kinder betreuen, müssen in einem zweiten Schritt in Ein-Euro-Jobs bei der Stadtverwaltung wechseln. Wobei das in vielen Fällen inzwischen nicht mehr notwendig ist, klärte Rothhaar auf, weil sich die Flüchtlinge schnell nach regulären Jobs umsehen – vor allem Amazon sei ein Arbeitgeber, bei dem sie unterkommen. Den Kontakt vermitteln andere Asylbewerber, die beim Onlineversandhändler in Kaiserslautern schon beschäftigt sind. Auch im Handwerk kämen viele als Hilfskräfte unter.

Der Weg in die reguläre Arbeit wird ebenfalls durch Sozialamt und Kirchbergwerkstatt begleitet, betonte der Amtsleiter: „Ich habe 30 Jahre Erfahrung und kann jedem versichern: 95 von 100 Flüchtlingen wollen arbeiten.“ Und es sei klares Ziel des Pirmasenser Wegs, dass diese Flüchtlinge auch nach ihrer Anerkennung des Asylantrags in Arbeit bleiben und nicht zum Jobcenter müssen, um Bürgergeld zu beantragen.

Projekt ist längst ein Vorbild für andere

Die Erfolgsbilanz belegte Rothhaar mit Zahlen: Zu Beginn des Integrationsprojekts im Frühjahr 2023 waren 180 Personen im Leistungsbezug nach dem Asylbewerbergesetz, darunter befanden sich 60 Kinder. Bis Juni dieses Jahres kamen weitere 272 Flüchtlinge hinzu, wovon 39 Kinder waren. An dem Erstorientierungskurs haben 81 Flüchtlinge teilgenommen, 52 wurden in Ein-Euro-Jobs vermittelt. 97 Asylbewerber wurden aus dem Kurs heraus in den ersten Arbeitsmarkt integriert. Fast alle in Vollzeit, sodass sie durch das Einkommen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten konnten und keinen Leistungsanspruch mehr hatten. Bei einem durchschnittlichen Anspruch je Person im Monat von circa 950 Euro, so hat Rothhaar ausgerechnet, ergibt sich somit, bei einer nur angenommenen Beschäftigungszeit von sechs Monaten, schon eine Ersparnis von circa 550.000 Euro. Familien mit Kindern werden an den Pakt angebunden und von diesem begleitet. Auch über die Kosten der Bezahlkarte informiert der Amtsleiter: Sie verursacht monatlich Kosten von 10.000 bis 12.000 Euro, bislang wurden 45 Exemplare ausgegeben. Beschwerden von Seiten der Flüchtlinge habe es dagegen bisher nicht gegeben.

„Inzwischen hat auch das Land wahrgenommen, das erfolgreich ist, was wir tun“: Der Leiter des Sozialamts hat auf den Integrationspreis verwiesen, den die Stadt für den Pirmasenser Weg bekommen hat, außerdem hat darauf aufbauend das Land ein Förderprogramm für Kommunale Integrationsmanager ins Leben gerufen, damit auch andere Städte und Landkreise solche Erstorientierungen anbieten – auch Pirmasens bekommt inzwischen diese Stelle zu 70 bis 80 Prozent gefördert. Immer mehr andere Kommunen aus vielen deutschen Regionen schauen sich den Pirmasenser Weg an, weil sie ähnliche Konzepte aufbauen wollen.

Integration auf Augenhöhe als Erfolgsrezept

Darauf verwies auch Oberbürgermeister Markus Zwick, der die Erfolgsbilanz des von ihm mitinitiierten Pirmasenser Wegs mit Genugtuung sieht. „Was haben wir anfangs für Kritik bekommen, weil wir Flüchtlinge zur Arbeit zwingen würden, weil wir die Bezahlkarte eingeführt haben, weil wir die Zuzugssperre durchgesetzt haben“, erinnerte der Oberbürgermeister: „Und nun sehen alle, dass diese Maßnahmen den Flüchtlingen und der Stadt zugutekommen.“ Apropos Zuzugssperre: Der Pirmasenser Weg gilt nur für der Stadt zugewiesene Flüchtlinge, nicht für von anderen Orten zugezogene Asylbewerber.

Einen Blick in die Praxis gab Brigitte Wagner, die Leiterin des Erstorientierungskurses bei der Kirchbergwerkstatt. Sie machte sie deutlich, wie dieser Kurs funktioniert. „Was machen wir anders? Wir integrieren Neuankömmlinge auf Augenhöhe“, betonte sie, wobei die anderen Flüchtlinge eine große Rolle spielten: „Es funktioniert über die Gruppe, denn diejenigen, die schon länger hier sind, geben ihre Erfahrungen und Informationen weiter.“ Weil der Erstorientierungskurs kein Sprachkurs sei, so Wagner, spiele die Sprachvermittlung keine zentrale Rolle: „Die Sprache kommt automatisch.“

Angesprochen von CDU-Fraktionssprecherin Stefanie Eyrisch, ob sie die Ängste der Bevölkerung wegen Migranten im Stadtbild teile, nahm die Kursleiterin kein Blatt vor den Mund: „Ich sehe das natürlich auch, wenn ich mit meinen Kursteilnehmern durch die Stadt gehe, dass da Gruppen zusammenstehen. Und ich sage meinen Flüchtlingen: Nehmt die Kapuzen ab, das erschreckt die Leute, wenn sie Gruppen mit Männern mit Bärten und Kapuzen sehen.“

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