Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Erst geschockt, dann Firma gegründet: Usedomer fertigt in Pirmasens Schuhe nach Maß

Konrad Kolkwitz in seiner Werkstatt. Rund 1400 Euro kosten ein paar maßgefertigte Schuhe; etwa eine Woche braucht er für ein Paa
Konrad Kolkwitz in seiner Werkstatt. Rund 1400 Euro kosten ein paar maßgefertigte Schuhe; etwa eine Woche braucht er für ein Paar.

Als ihm klar wurde, dass Pirmasens sein neues Zuhause wird, „da habe ich fast geweint“, gesteht Konrad Kolkwitz – und das nicht vor Freude. Mittlerweile gefällt es ihm so gut, dass er sogar eine Firma hier gegründet hat: Kolkwitz ist Maßschuhmacher.

Kolkwitz stammt von der Insel Usedom, und immer wenn er Besuch bekommt aus der Heimat, wird es lustig. „Ich verstehe den Pirmasenser Slang inzwischen, aber für die anderen muss ich dann übersetzen“, sagt er. Dass es ihm hier mal so gut gefallen würde, hätte er nie gedacht, als er 2017 für zwei Jahre an die Schuhfachschule kam. Kolkwitz war erst mal geschockt, dann begeistert und ist geblieben. Inzwischen macht er hier als Geiger mit der Formation „Kings of Tara“ irische Folk-Musik, hat Stadt und Leute schätzen gelernt: „Die sind total authentisch.“ Außerdem begeistern ihn die kurzen Wege. Ob er für seine Kreationen Leder braucht oder eine Schnalle: „Hier gibt es so viele Firmen. Ich rufe an, kann direkt hin und die Ware abholen.“

Die Wege zu seinen Kunden wiederum sind nicht immer so kurz. Kolkwitz hat Kundschaft aus der Region, aber auch aus der Schweiz. Da fährt er hin, nimmt Maß, fährt wieder zurück, fertigt die gewünschten Schuhe und liefert sie dann aus. „Das gehört zum Service dazu“, erklärt er. „Und wer bereit ist, so viel Geld für Schuhe auszugeben, der ist auch bereit, die Anfahrtspauschale zu bezahlen“, sagt er. Mit „so viel“ meint er rund 1400 Euro für ein paar maßgefertigte Schuhe. Klingt viel, aber: „Das ist etwa die Hälfte dessen, was man beispielsweise in Wien oder München zahlt.“ Eine Woche brauche er, um „ein Haus für die Füße zu bauen“, wie er seine Arbeit beschreibt. Dabei macht er jeden Schritt selbst, von Anfang bis Ende. Das Leistenbauen hat er sich bei Framas angeeignet.

Auch fürs schwedische Opernhaus Schuhe gebaut

Im August hat Kolkwitz sich in der Luisenstraße 60 mit „Kolkwitz Shoes“ selbstständig gemacht. In dem Haus, in dem er wohnt, am Neuffer. „Hier ist richtig was los“, sieht er sich an der richtigen Ecke, um wahrgenommen zu werden. Dass in derselben Straße Schuhmachermeister Thomas Krauch seinen Laden hat: Zufall, kein Problem. „Ich hab’ keinen Bock auf Reparaturen, die Leute schicke ich dann zu ihm. Umgekehrt schickt er Leute zu mir, die eine Maßanfertigung wollen.“ Auch eine Maschine habe ihm Krauch schon angeboten. „Wir kommen sehr gut klar.“

Zurück zu den Schuhen. „Wer einmal in maßgefertigte Schuhe gestiegen ist, der will nichts mehr anderes.“ Er sagt das nicht werblich, sondern aus Überzeugung. Kolkwitz ist gelernter Orthopädieschuhmacher, hat sieben Jahre in dem Beruf gearbeitet und weiß, wie problematisch Füße sein können. „Jeder Mensch hat eigentlich irgendeine Verformung an den Füßen, aber die meisten merken es nicht“, erklärt er. Nach wie vor fertigt er im Auftrag anderer Firmen orthopädische Schuhe oder Teile davon − ein Job, der die Rechnungen bezahlt, denn allein von selbst designten Maßschuhen kann er noch nicht leben. Auch für das schwedische Opernhaus hat er, im Auftrag einer anderen pfälzischen Firma, schon Schuhe gefertigt.

Mit dem alten Hebammenkoffer geht’s zum Kunden

Kolkwitz hat ein Auge für Stil, Material und Form, das verrät schon die Einrichtung seiner Werkstatt, die eher an ein gemütliches Wohnzimmer im Retro-Chic als an eine Arbeitsstätte erinnert, wobei der Geruch von Kleber und Leder einem doch klarmachen: Hier wird gearbeitet, derzeit noch ohne Absauganlage. „Ich muss alle zwei Stunden lüften“, sagt Kolkwitz. In einem der Fenster hängen die roten Stiefel, mit denen er 2018 den dritten Platz beim Wettbewerb „Crazy Shoe Award“ in Wien belegt hat. Sein Werk mit dem Titel „Der rote Leisten“ aus mehr als 60 Einzelteilen versteht er als Hommage an das Schuhmacherhandwerk − durchdacht und ansprechend zugleich. Neben der Tür steht ein alter lederner Hebammmenkoffer − mit dem fährt Kolkwitz zu den Kunden, zum Maßnehmen.

Ihn fasziniert das Zusammenspiel der Materialien Holz, Kunststoff, Leder und Metall. Aktuell arbeitet er an einem hellbraunen Lederschuh für sich selbst. Im Regal stehen fertige Exemplare – Damenstiefeletten mit Fellbesatz etwa, aber auch Stiefel, die an Piet Mondrian erinnern, und weiß-rote Herrensneakers. „Okko 91“ nennt Konrad Kolkwitz seine Marke. 1991 ist sein Geburtsjahr. Okko steht für die erste Silbe von Vor- und Nachnamen, Ko und Ko. Das ergibt gespiegelt – so wie der rechte Schuh den linken spiegelt – Okko.

Sowohl die Eltern als auch seine Freunde hätten seine Pläne, sich selbstständig zu machen, unterstützt. Seine Freundin, die ebenfalls Schuhtechnikerin und -designerin ist, sowieso. Einer seiner Kumpels ist zudem Testkunde. „Dem habe ich ein paar Schuhe geschenkt, die ich gebaut habe“, erzählt Kolkwitz. Nach einem Jahr wollte ich jetzt mal sehen, in welchem Zustand sie sind. Sie sehen noch gut aus.“

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