Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Pirmasenser in Manhattan: Wie Ralph Baer 1966 die erste Videokonsole erfunden hat

Ralph H. Baer, Erfinder der ersten Spielkonsole, steht am 25. Juni 2008 im Pirmasenser Mitmach-Museum Dynamikum an einer Replik
Ralph H. Baer, Erfinder der ersten Spielkonsole, steht am 25. Juni 2008 im Pirmasenser Mitmach-Museum Dynamikum an einer Replik seiner legendären »Brown-Box« - der Vorläufer moderner Spielekonsolen.

Ein Sommertag im Manhattan der 60er-Jahre: Ein Pirmasenser skizziert in einem Bushäuschen Ideen für ein Gerät, das die Welt der Spiele revolutionieren wird.

Ein Sommertag in Manhattan im August 1966. In einem Bushäuschen sitzt ein Mann und schreibt und zeichnet etwas in seinen Notizblock. Von dem hektischen Treiben ringsum lässt er sich nicht stören. Der Mann heißt Ralph Baer, er ist 44 Jahre alt, und was er da zu Papier bringt, sind Ideen für ein Gerät, mit der man vielleicht Brett-, Sport- und Actionspiele auf einem Fernseher spielen könnte. Es ist die Geburtsstunde der ersten Videospielkonsole der Welt. Und Baer gilt damit der Urvater von Gameboy, Playstation und X-Box. Doch das konnte der kleine, nur 1,60 Meter kleine Mann mit der großen Brille damals nicht ahnen. Ralph Baer wurde 1922 in Rodalben geboren und wuchs in Pirmasens auf. Als die Gerberei seines Vaters während der Weltwirtschaftskrise Pleite geht, zieht die Familie nach Köln. Weil sie Juden sind und um ihr Leben fürchten müssen, flüchten die Baers 1938 zwei Monate vor der Reichspogromnacht in die USA. Der 16-jährige Ralph, ohne Schulabschluss, machte per Fernkurs eine Ausbildung zur Wartung von Radios und Fernsehern. 1943 geht er zur US-Army, wird in Großbritannien stationiert. Weil er sich eine Lungenentzündung eingefangen hat, muss er nicht an der Invasion im Juni 1944 in der Normandie teilnehmen. „Deshalb lebe ich wohl noch“, erzählte er einmal bei einem späteren Besuch in Pirmasens.

1946, zurück in den USA, macht er in Chicago seinen Bachelor-Abschluss in Fernsehtechnik. 1956 heuert er bei der Rüstungsfirma Sanders an. Er baut unter anderem Geräte, mit denen der sowjetische Funkverkehr in Berlin abgehört wird. Doch Baer ist ein Technik-Freak mit großem Spieltrieb. Und er sieht in den Millionen von TV-Geräten in den USA, deren Bürger er mittlerweile ist, ein riesiges Potenzial als Spielkonsolen.

Seine Chefs bei dem Rüstungskonzern haben einen guten Riecher und stellen ihn für seine Tüftlerei frei. 1967 präsentiert er seine erste Spielekiste, die „Brown Box“, ein Prototyp, mit dem sich auf dem Fernseher Pingpong spielen lässt. Er meldet dafür ein Patent an, doch die Suche nach einem Hersteller gestaltet sich schwierig – bis 1972 die Firma Magnavox die Konsole unter dem Namen „Odyssey“ herausbringt: 350.000 Stück verkaufen sich in den ersten Jahren. Ende gut, alles gut, denkt man. Aber dann taucht plötzlich Nolan Bushnell auf und behauptet, die Videospiele erfunden zu haben. Er ist Chef der Firma Atari und hat mit einem Münzautomatenspiel Erfolg, das er Pong nennt. Viele glauben ihm, doch dann stellt sich heraus, dass er im Mai 1972 bei einer Vorführung von Baers „Odyssey“ dabei war und Pingpong gespielt hat. Wenig später hatte er „Pong“, eine Weiterentwicklung von Pingpong, herausgebracht.

Atari muss an Magnavox Lizenzgebühren zahlen

Atari muss an Magnavox deshalb Lizenzgebühren zahlen. Und damit hat es sich. Denn Baer gibt auf Anraten seiner Anwälte Ruhe, verlässt die Rüstungsfirma, zieht sich in sein privates Labor zurück und tüftelt. Über 150 Patente meldet er an, für eine sprechende Fußmatte zum Beispiel, oder ein System zur Enttarnung von U-Booten, für ein interaktives Buch, den Joystick und „Senso“, ein Spiel mit farbigen Tasten und Tönen, das zum Klassiker wird und noch heute auf dem Markt ist.

Im Februar 2006 zeichnet ihn US-Präsident George Bush mit der „National Medal of Technology“, einem US-Nobelpreis für Technik aus. Jetzt ist er anerkannt, aber reich geworden ist der geniale Erfinder nicht. „Ich habe nicht die Hand aufgehalten“, sagte er einmal in einem Gespräch mit Spiegel online.

Seine Heimat Deutschland, Pirmasens und Köln, wo er aufgewachsen ist, und Berlin besucht er nach seiner Flucht 1938 erst wieder im Jahr 2006. „Früher konnte ich nicht. Ich hatte Angst, Menschen meiner Generation zu begegnen“, erzählte er dem Magazin Stern. Und bei diesem Besuch erfährt er, dass auch seine Tanten, wie viele aus seiner Familie, im KZ ermordet wurden.

„Brown Box“ fürs Dynamikum

2008 ist er noch einmal mit seinem Sohn Mark, der Schwiegertochter und zwei Enkeln in Pirmasens. Und er hat eine „Brown Box“ dabei, die er Oberbürgermeister Bernhard Matheis für das Dynamikum schenkt. Er erzählt, dass er als Kind am liebsten „Mensch Ärgere dich nicht“ spielte, lobt das Dynamikum und erinnert sich, dass sein Vater im Rheinberger arbeitete.

Auf einem Laptop führt er sein Leben vor: Dokumente, Patente, Bilder – die er auf einem USB-Stick gespeichert hat. „Geschichte ist keine Geschichte ohne die Dokumente, die belegen, wer an welchem Tag was gemacht“, meint Ralph Baer. Er will nicht vergessen werden, der kleine Mann aus der Pfalz, der sich als Urvater aller Videospiele seinen Platz in der Geschichte verdient hat.

Ralph Baer ist im Dezember 2014 im Alter von 92 Jahren gestorben.

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