Pirmasens Die Maus hat den Pinsel ersetzt

Im Programm der Dahner Kreisgalerie ist immer Platz für Ungewöhnliches, für Künstler, die ausgetretene Pfade verlassen und sich mit neuen Ausdrucksformen beschäftigen. Die derzeit zu sehende Ausstellung von Jürgen Braun ist für hiesige Kunstfreunde sicher gewöhnungsbedürftig. Der Maler arbeitet nämlich mehr mit der Maus als mit dem Pinsel, obwohl er beides kann.
Der Besucher der zwei Ausstellungssäle ist zunächst sicher überrascht ob der Farbgewalt und Dynamik, die das Braun’sche Werk entfaltet. Die Kreationen des 67-Jährigen strahlen eine Energie aus, die er aus den Fragmenten seiner einzelnen Bildteile schöpft und durch entsprechende Kombination weiter steigert. Der im vorderpfälzischen Neuhofen lebende Künstler filtert aus dem digitalen Bilderrauschen Elemente und Versatzstücke heraus, mischt sie neu, überlagert sie und bringt sie dann als Momentaufnahmen auf Papier sowie hinter Glas. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wer meint, dass es sich der Künstler mit der Digitaltechnik zu einfach gemacht hat, kann bei anderen „Künstlern“, die sich in dem Bereich versuchen, schnell eines besseren belehrt werden. Fotos, Linien und Texte mischen sich auf Brauns Kompositionen mit Elementen, die an technische Zeichnungen erinnern. Erstaunlich ist der Riesenaufwand, den der Künstler in seine digitale Kunst gesteckt hat. Wer einfach mal mit Photoshop ein paar nette Effekte anklickt und dann an den Drucker schickt, erreicht nicht die Bildwirkung, wie sie Braun vollbringt. Dazu kommt dann noch der hochwertige Abzug. Gerade der hohe Aufwand, den Braun und seine Kollegen derzeit für ihre Digitalkunst treiben müssen, könnte der Grund sein, weshalb diese Art von Kunst es so schwierig beim Publikum hat. Generell lassen sich digitale Kreationen schlechter verkaufen als analoge Kunst. Das könnte mitunter auch an der Erfahrung des Publikums liegen, wonach das heute oft nur aufwendig zu realisierende Digitalkunstwerk in wenigen Jahren bereits von jedermann mit drei Mausklicks selbst gemacht werden kann. Die Technik frisst ihre Kinder. Braun hat im Bereich der Druckgrafik offenbar Pionierarbeit geleistet. In der Dahner Ausstellung ist eine Serie mit digitalen Radierungen zu sehen. Dabei handelt es sich um ein vom Künstler selbst entwickeltes Verfahren, mit dem er digitale Kreationen auf einen Laserdruck zu Papier bringt und dann mithilfe von Chemie auf die Druckplatte, die anschließend klassisch geätzt werden kann. Nach dem Druck hat das Digitalbild dann die typische Radieroptik – allerdings deutlich perfekter als es viele Radierkünstler wohl schaffen könnten. Photoshop trifft hier auf jahrhundertealte Drucktechnik, die Ästhetik der digitalen Bildwelten auf eine Technik, die schon Dürer vor 500 Jahren nutzte. Ein interessanter Ansatz, der in der Dahner Ausstellung noch durch rein klassisch hergestellte Radierungen von Braun ergänzt wird. Der Künstler sucht auch selbst die Parallelen zur Kunstgeschichte. So beispielsweise in der Arbeit „Die Welle, Hommage an Liebermann“, bei der ein Foto eines Liebermann-Werks in Fragmenten durch das digitale Bilderrauschen Brauns durchscheint. Ähnlich wie in der digitalen Arbeit geht Braun bei seinen analogen Gemälden vor. Elemente werden collagiert, Farbschichten und Linien überlagern sich und das ganze passiert dann auch noch auf einer Wellpappe, die vom Künstler in eine Art Objektrahmen gesteckt wird. Das zweidimensionale Tafelbild wird auf Billigmaterial zum Objekt. Die von vielen Kunstfreunden geforderte Eleganz des Materials verneint Braun mit seiner Kunst konsequent, sei es durch die Verwendung einer Jedermanntechnik wie dem Digitaldruck, die Entwertung einer heiligen Kuh wie der Radierung durch digitale Technik oder das Malen auf einem Material, das normalerweise nur als Verpackung akzeptiert wird.