Pirmasens Diakonie Pirmasens: Der Mensch steht im Mittelpunkt
Das Hospiz „Haus Magdalena“ ist seit mehreren Jahren das Leuchtturmprojekt der Diakonie, das besonders im Fokus der Öffentlichkeit steht. Denn nicht nur für den Neubau im Jahr 2021 für 2,9 Millionen Euro brauchte das Diakoniezentrum Spenden und Sponsoren, sondern auch für den Betrieb. „Grundsätzlich sind fünf Prozent Eigenbeteiligung vorgesehen“, berichtet Carsten Steuer, kaufmännischer Vorstand des Diakoniezentrums: „Wir haben jährlich 80 bis 90 Spenden für das Hospiz.“ In der Regel wird damit der notwendige Betrag erreicht, aber nicht in jedem Jahr. Dass diese zwölf Hospizplätze in der Region gebraucht werden, macht die Auslastung deutlich. Geplant ist sie mit 85 Prozent, so Steuer, was auch der Realität entspricht.
Allerdings betreibt die Diakonie nicht nur im Hospiz Palliativarbeit, sondern auch in ihren vier Senioreneinrichtungen in Pirmasens, Thaleischweiler-Fröschen, Contwig und Zweibrücken. „Wir haben zwar keine eigene Palliativstationen dort“, erklärt Stefan Höhn, theologischer Vorstand des Diakoniezentrums, „aber in der Regel werden die Bewohner bis zu ihrem Lebensende dort betreut. Das gehört dazu: Das Personal sagt von sich aus, dass es diese Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten will.“ Ein Umzug in das Hospiz bleibt die Ausnahme. Da die Bewohner immer später und mit schwerwiegenden gesundheitlichen Belastungen in die Senioreneinrichtungen kommen, nimmt die Verweildauer ab und das Sterben entsprechend zu. Die Mitarbeiter im Pflegeheim profitieren neben den Kenntnissen aus ihrer Ausbildung vom Palliativwissen aus dem Hospiz.
Wie können wir in Zukunft Pflege anbieten und finanzieren?
Wenn es im Senioreneinrichtungen geht, sieht der theologische Vorstand ein großes Problem auf die Gesellschaft zukommen: „In wenigen Jahren werden wir uns die Frage stellen müssen, wie wir als Gesellschaft Pflege noch flächendeckend und bedarfsgerecht anbieten und finanzieren können. Letztlich müssen Angebote erhalten bleiben, aber wohl in veränderter Form und nicht mehr überall. Vor diesem Hintergrund arbeite die Diakonie an Konzepten, um die Zukunft der Seniorenpflege und -betreuung sicherstellen zu können – und den Pflegeberuf auf das zu konzentrieren, was er ausmacht. Höhn: „Es gibt viele Aufgaben jenseits der menschlichen Zuwendung, etwa die ausführlichen Dokumentationen, da gehen wir dran, damit das Wertvolle an dem Beruf wieder mehr in den Mittelpunkt rückt.“ Das Pirmasenser Diakoniezentrum arbeitet mit einem Unternehmen zusammen, um durch Künstliche Intelligenz gestützte Dokumentation einzuführen. Statt zwei Stunden täglich am Schreibtisch zu sitzen, sollen sofort nach dem Patientenbesuch die Dokumentation mit einer Sprachsteuerung aufgenommen werden, so der theologische Vorstand: „Dadurch bleibt mehr Zeit für die Menschen.“
Das Diakonie-Zentrum setzt auf eine konsequente Einbindung der Mitarbeiter, so Höhn. Die Mitarbeiter-orientierte Vorgehensweise spreche sich auch herum, mache die Diakonie als Arbeitgeber attraktiv, weshalb immer wieder auch Personal gefunden wird. Höhn: „Bei der Diakonie sorgen wir für gute Arbeitsbedingungen, damit das Pflegepersonal gerne arbeitet und bleibt.“ „Wir führen die Häuser im Sinne der Mitarbeiter“, stimmt Steuer zu. Allerdings spiele auch eine Rolle, dass „das Geld im Unternehmen bleibt“. Das mache den Unterschied von gemeinnützigen und kommerziellen Unternehmen aus: „Wir können alle Stellen, die finanzierbar sind, auch besetzen und anders auf Mitarbeiter eingehen.“
Digitalisierung entlastet: Mehr Zeit für den Menschen
Die digitale Technik in der Pflege bietet große Möglichkeiten, um den Beruf wieder attraktiver zu machen, denn für Höhn ist eines wichtig: „Pflege ist ein Beruf, in dem die Mensch-zu-Mensch-Interaktion im Mittelpunkt stehen muss.“ Diese Zielsetzung werde erreicht, wenn die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz dazu beitragen, dass sich das Personal wieder stärker auf den Menschen konzentrieren kann. Auf dieser Grundlage forscht das Diakoniezentrum gemeinsam mit Partnern, „KI-Leuchttürme“ in Kaiserslautern und Saarbrücken, so Steuer, „um passgenaue Lösungen für die Praxis zu finden.“ Für solche zukunftsorientierte technische Lösungen wurden auch Förderanträge beim Land gestellt.
Eines dieser Zukunftsprojekte ist der Einsatz von Robotern in der Pflege. „Wir gehen der Frage nach: Was geht auf Grundlage des ethischen Konzepts?“, erklärt Höhn, „entlastet es wirklich die Mitarbeiter?“ Dafür besteht eine Kooperation mit der Charité in Berlin und einem Münchener Start-up zur Entwicklung eines Avatar-Roboters. Steuer sieht gerade in der häuslichen Pflege große Chancen für einen Roboter-Einsatz: „Der Roboter wird in der Wohnung des zu pflegenden Menschen eingesetzt und ferngesteuert“, beschreibt er die Vision hinter dem Projekt. Dadurch sei es auch möglich, dass in weiterer Entfernung wohnende Angehörige mit der Pflegeperson dauerhaft in Kontakt bleiben können. Ein Roboter wird zukünftig auch einfache Tätigkeiten im Haushalt erledigen können, schaut Höhn in die Zukunft: „Dadurch hat das Personal mehr Zeit für den pflegebedürftigen Menschen.“ Gedacht ist der Roboter nicht als Ersatz, sondern als Unterstützung und Entlastung der Pflegekräfte. Für den theologischen Vorstand dienen alle diese Projekte einem Ziel: „Es geht darum, die ambulante Pflege zukunftsfähig zu gestalten. Denn es ist der Wunsch der meisten Menschen, zuhause alt zu werden.“ In den nächsten zehn Jahren gebe es eine deutliche Zunahme der Pflegebedürftigkeit, schaut der theologische Vorstand nach vorne: „Es wird eine Riesenherausforderung für die Region, diese große Nachfrage abzudecken.“
Diakonie bildet Pflege-Personal selbst aus
„Heimunterbringung gibt es nur noch, wenn es nicht anders geht“, beschreibt Steuer eine entscheidende Entwicklung in der Seniorenpflege. Die Diakonie setzt auf eine Verzahnung von ambulanter und stationärer Pflege, wodurch mehr Angebote machbar sind: „Damit können wir mehr Bedarfe abdecken.“ Das Diakoniezentrum Pirmasens hat als erste Einrichtung in Rheinland-Pfalz einen Gesamtversorgungsvertrag für seine stationären und ambulanten Angebote vor Ort mit den Kassen abgeschlossen, der genau dies ermöglicht. Die Ökumenische Sozialstation, die von der Diakonie vor neun Jahren mehrheitlich übernommen wurde, betreut circa 350 Kunden in der ambulanten Pflege. Höhn: „Die ambulante Versorgung läuft gut, das ist ganz wichtig.“ In drei der vier Seniorenwohnanlagen – in Pirmasens, Contwig und Zweibrücken – sind Tagespflegen integriert. In Zweibrücken hat die Diakonie ein weiteres Projekt mit Partnern gestartet: 22 seniorengerechte Wohnungen wurden bereits von der Sparkasse Südwestpfalz realisiert und sind bereits bewohnt. Im nächsten Jahr sollen circa 40 weitere Wohnungen von der Gewobau Zweibrücken realisiert werden.
Die vielseitige Seniorenpflege kommt der Diakonie in der Nachwuchsgewinnung zugute, betont Höhn: „Wir bilden im Pflegebereich selbst aus, können dabei große Teile der Ausbildung selbst abdecken.“ Ergänzend dazu gibt es eine Kooperation mit dem Krankenhaus. Aktuell beschäftigt das Diakonie-Zentrum 25 bis 30 Azubis, das Gros in der Pflege. „Pflege ist ein Chancenberuf“, sagt Höhn mit Blick auf die Entwicklungsmöglichkeiten: „Man kann als Helferin anfangen, kann Altenpflegehelferin werden mit einjähriger Ausbildung und mit drei Jahren Ausbildung Fachkraft, kann sich Schritt für Schritt weiterentwickeln.“ Was möglich ist, mache ein ungewöhnliches Beispiel deutlich: „Wir haben heute eine Einrichtungsleitung, die einst als im Freiwilligen Sozialen Jahr angefangen hat.“ Vor allem in der Pflegeausbildung gebe es viele Beschäftigte, ergänzt Steuer, die eine Umschulung machen. Allerdings habe die Diakonie auch immer wieder Fälle, erklärt Höhn, in denen im ersten Jahr immer die Pflegeausbildung abgebrochen wird, wenn jemand erkenne, dass dieser Beruf anders ist, als er dachte.
Patio: Verbindung der Generationen
Eine Innovation war vor 18 Jahren auch das Patio-Projekt im Winzler Viertel, das generationenübergreifendes Wohnen ermöglicht – für Steuer eine Erfolgsgeschichte gemeinsam mit der Bauhilfe und der Stadt. Um die neuen Patio-Gebäude errichten zu können, wurde das alte Gebäude der Jugendeinrichtung Jona auf dem Diakonie-Gelände in der Winzler Straße abgerissen. In der Arnulfstraße hat Jona ein neues Domizil bekommen, erinnert Steuer, wobei die Einrichtung in der Südwestpfalz und Südpfalz auch stark dezentral arbeite. Erst kürzlich wurde in Annweiler eine Inobhutnahme-Gruppe für die Südpfalz eröffnet, damit in Notsituationen Plätze für die Jugendhilfe bereitstehen. Auf dem Gelände im Winzler Viertel besteht in einem kleinen noch existenten Gebäude des früheren Jona-Wohnheims eine Intensivgruppe. In dieser speziellen Gruppe kümmern sich acht Mitarbeiter um sechs Kinder und /Jugendliche, berichtet Steuer, in stationären Regelgruppen stehen normalerweise für acht Kinder 4,5 Mitarbeiter zur Verfügung. Das „Haus Benjamin“, eine Gruppe primär für Kinder im Grundschulalter, ist auf dem Bauhilfe-Gelände des Patio-Projekts angesiedelt worden, erklärt Steuer: „Um eine Verbindung der Generationen zu schaffen.“ Die ambulante Jugendarbeit der Diakonie endet nicht bei den dezentralen Jona-Gruppen, betont der kaufmännische Vorstand, die Jona-Mitarbeiter „agieren auch ambulant in Familien und Schulen.“ Die Jona-Jugendhilfe hat aktuell 90 Vollzeitstellen, die sich auf circa 120 Mitarbeiter verteilen, zumeist Fachkräfte.
Der theologische Vorstand sieht die Diakonie als einen Ort, „wo Theologie gelebt wird.“ Viele Mitarbeiter lebten das „Evangelium des Herzens“, was Gemeinschaft schaffe. Höhn: „Gelebte Nächstenliebe unter widrigen Rahmenbedingungen, das zeichnet die Diakonie aus.“ Vor diesem Hintergrund betonen beide Vorstände, dass sie sich auf ein großes und gutes Team setzen.