Pirmasens Der Höhepunkt der Theaterspielzeit

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Ist dieses Europa das beschützende Haus, in dem sich alle Bewohner geborgen fühlen? Was ist mit den anderen Menschen, die an diese Trutzburg des Reichtums, des Friedens, der Menschenwürde anklopfen, um auch beschützt leben zu können? Wie sieht deren Hütte in ihrer Heimat aus? Und warum bleiben sie nicht dort, wo sie herkommen? Die Teilnehmer der Theaterfahrt des Kulturamtes Pirmasens erhofften sich am vergangenen Donnerstag Auskunft auf diese Fragen. Und sie erlebten mit „Sweet home Europa“ einen aufwühlenden theatralen Beitrag zum Thema Migration und Integration

Auch der Autor Davide Carnevali kann auf all die Fragen keine erschöpfende Antwort geben; er skizziert in seinem beeindruckenden Schauspiel „Sweet home Europa“ allerdings mögliche Szenarien zum Thema Europa und Migration. Richard Erben, Natalie Forester und Rainer Furch schlüpfen im Kaiserslauterer Pfalztheater in schnellem Wechsel in viele unterschiedliche Rollen: die zweier Geschäftspartner, Vater und Sohn, Mann und Geliebte oder Mutter und Sohn. Dabei verhindern die geltenden Machtstrukturen ein friedliches Miteinander dieser Figuren. Rainer Furch zeigt als skrupelloser Geschäftsmann oder als ausbeuterischer Kapitän, wie perfide persönliche Vorteile zu Lasten der Abhängigen gewonnen werden. Bewundernswert, wie er voller Zynismus menschliche Schicksale gefühlskalt nur hinsichtlich des Aspekts Gewinnmaximierung betrachtet und sarkastisch auf Einwände anderer reagiert. Richard Erben verkörpert genau die Gegenposition: er findet trotz exzellenter Sprachkenntnisse keine neue Heimat; er wird wegen seines „Andersseins“ nicht im Hause Europa akzeptiert. Erben zeigt zum Beispiel als Fischersohn sehr eindrucksvoll, mit welch einfachen Mitteln dem Zuschauer verdeutlicht werden kann, dass lediglich die Maske letztendlich den Unterschied zwischen Kulturbürger und „Wilden“ ausmacht – die Maske, die dem Fremden aufgesetzt wird, um ihn leichter ausgrenzen zu können. Natalie Forester schlüpft in diesem Stück meist in die Rolle der abhängigen Frau, die letztlich nur noch als Sexobjekt ihren Wert zu haben scheint. Als Dienstmädchen serviert sie Apfelschnitzen auf ihrem Körper, als Flüchtling muss sie sich dem Bootspersonal hingeben. Folgerichtig wird sie am Ende vom Wolfsbarsch – Sinnbild des Leviathan – verschlungen; sie ist nutzlos und damit überflüssig für die westliche Zivilisation geworden. Unterstützt wird die hervorragende Leistung des Mini-Ensembles von dem sehr schlüssigen Bühnenbild und den durchdachten Kostümen (Korbinian Schmidt). An zwei Beispielen lässt sich das gut verdeutlichen: Das nur als Holzskelett aufgebaute Schiff zeigt eindrücklich, wie zerbrechlich die Verkehrsmittel bei der Flucht aus Not und Elend in das „gelobte Land“ sind. Die technisch versierten Europäer zerstören aber schließlich auch noch diese fragile Chance nach einem besseren Leben. In einer anderen Szene trägt Natalie Forester einen Pulli mit der Aufschrift „Dresden“, gleichzeitig verkörpert sie hier die Rolle einer xenophoben Mitteleuropäerin – ein Bezug zu Pegida liegt auf der Hand. Natürlich muss bei einem solch aufwühlenden Schauspiel die vierte Wand durchbrochen, der Zuschauer nicht nur in das Geschehen einbezogen werden, sondern auch direkt mit der angesprochen Problematik konfrontiert werden. Fragen nach „Würden Sie einen Albaner aufnehmen?“ oder „Kennen Sie alle 28 Staaten der EU?“ zeigen, dass Migration und Integration uns alle angeht, dass wir uns in unserem Alltag entscheiden müssen zwischen „Festung Europa“ und menschlichem Miteinander. Die Schauspieler begeisterten mit ihrem kongenialen Spiel die aus Pirmasens angereisten Zuschauer, lang anhaltender Applaus war der verdiente Lohn. Selten wurde während der Heimfahrt so intensiv ein Schauspiel besprochen. Diese Theaterfahrt nach Kaiserslautern kann als Höhepunkt der diesjährigen theatralen Spielzeit bezeichnet werden.

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